Dieses große Zeitalter der Kunst währte 25.000 Jahre und ging vor 10.000 Jahren zu Ende. Vor seinem Anbruch gab es Anzeichen einer gewissen Art künstlerischen Ausdrucks, der, wenngleich sehr viel weniger entwickelt, immerhin viele tausend Jahre zurückreichte. Aber als die Eiszeit endete, verschwand die Eiszeitkunst mit ihren vibrierend-dynamischen Tierbildern fast spurlos. Warum nahm diese blühende Tradition künstlerischen Ausdrucks ein so jähes Ende? Um diese Frage zu beantworten, müßte man sehr viel mehr darüber wissen, was die Künstler bei ihrer Arbeit bewegte und inspirierte. Eine einfache Erklärung wäre, dass das Klima dazu führte, dass die Menschen nicht mehr auf Höhlen angewiesen waren. Aber das ist allzu einfach. Sie hätten für ihre Rituale und Zeremonien die kühlen Höhlen, wenn sie wollten, auch weiter benützen können, und alle Befunde weisen ja darauf hin, dass die Malereien eben diese Bedeutung hatten.
Das mildere Klima führte zum Verschwinden der riesigen Herden an die Kälte angepaßter Tiere, vor allem des so wichtigen Wisents. Das Leben der Jäger- und Sammlerhorden muß sich innerhalb einiger weniger Jahrtausende dramatisch verändert haben. Und mit dem Aufkommen der Landwirtschaft sollten sich die Gesellschaftsstrukturen noch viel mehr verändern. Man sollte der Vershung widerstehen, eine umfassende Erklärung für Sinn und Bedeutung der Eiszeitkunst und für die Ursache ihres Verschwindens abgeben zu wollen.
Artikel:Hans-Peter Willig