Die wissenschaftliche Revolution


In den Köpfen griechischer Denker keimte die Saat, die 2000 Jahre später mit der wissenschaftlichen Revolution aufgehen sollte. Der Athener Philosoph Plato (links) und sein Schüler Aristoteles (Mitte) entwickelten zwei entgegengesetzte Weltbilder: eine unveränderliche und zielgerichtete Welt. Der irische Bischof James Ussher legte 1650 das Schöpfungsdatum auf 4004 v. Chr.
Portrait Nikolaus Kopernikus
Nikolaus Kopernikus (Portrait um 1580) veröffentlichte sein bahnbrechendes Werk im gleichen Jahr wie der große Anatom Andreas Vesalius: 1543

Die Saat der neuen, wissenschaftlichen Denkweise keimte in den Köpfen griechischer Denker. Der Athener Philosoph Plato (427 bis 347 v. Chr.) sah das Denken als eine von schwankenden sinnlichen Wahrnehmungen unabhängige Quelle der Erkenntnis. Er und seine Anhänger beschrieben die Welt als harmonisches, unveränderliches Gebilde, in dem beobachteter Wandel auf Illusionen beruhe: Allein begriffliches Denken erlaube den Vorstoß zu den Urbildern einer rein geistigen Wirklichkeit, zu den Ideen.

Aristoteles, der von 384 bis 322 v. Chr. lebende Schüler Platos (und Lehrer Alexanders des Großen), setzte sich über das statische Weltbild seines Meisters hinweg und griff den Gedanken von einer auf ein Ziel gerichteten Entwicklung auf: Alle Dinge sind unterwegs zur Verwirklichung ihres einwohnenden Wesens, ihrer Idee. Der große Philosoph erkannte als erster, dass zwischen der embryonalen Entwicklungsgeschichte eines einzelnen Menschen (der Ontogenese) und dem verschieden hohen Entwicklungsstand unterschiedlicher Tierarten (der Phylogenese) eine auffällige Ähnlichkeit besteht. Aristoteles' Genie läßt, mehr als 2000 Jahre vor Darwin, an grobe Züge der Evolutionstheorie denken, wenn er die Tiere nach der zunehmenden Perfektion ihrer Fortpflanzung in fünf Gruppen - von den Insekten bis zu den Säugetieren - einteilt und die Entwicklung des menschlichen Embryos von einem «pflanzenhaften» Stadium bis hin zum Eintritt einer «rationalen Seele» beschreibt. Aristoteles bemerkte die körperliche Ähnlichkeit von Affen und Menschen - und er erkannte den entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier: «Von allen Tieren hat der Mensch im Verhältnis zu seiner Größe das größte Gehirn.»

Die Erkenntnisse der griechischen Denker dienten rund zwei Jahrtausende lang als Richtlinien für die gelehrte Welt. Während Europa nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs ins Mittelalter verdämmerte, bewahrten Gelehrte in den neu entstandenen geistigen Zentren des Islam das große Erbe der Griechen, entwickelten sie Mathematik und Astronomie weiter. Erst als die Seefahrer Spaniens und Portugals zu neuen (geographischen) Ufern aufbrachen, stießen auch die Denker der Renaissance zu neuen (geistigen) Gestaden vor.

Das Jahr 1543 markiert den Aufbruch der Wissenschaft mit drei bedeutsamen Buch-Veröffentlichungen: Die erste Übersetzung der Mathematik und Physik des genialen griechischen Technikers Archimedes (ca. 287 bis 212 v.Chr.) erschien; der Anatom Andreas Vesalius gab seine bis dahin unerreicht korrekten Zeichnungen der menschlichen Anatomie in dem revolutionären Band »De humani corporis fabrica« heraus; Nikolaus Kopernikus veröffentlichte sein bahnbrechendes Werk, das die Sonne als den Mittelpunkt des Universums beschrieb. Unter dem Ansturm der sezierenden und analysierenden Gelehrten zerbröselte das schöne Bild von der wohlgeordneten Schöpfung Gottes, das den Menschen und seine Erde in den Mittelpunkt des kosmischen Geschehens gestellt hatte.


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