Letzte Meldung:   Spiel mit dem Feuer – wie Eiszeitjäger das Landschaftsbild Europas prägten   Bereits vor 20.000 Jahren haben Jäger und Sammler möglicherweise gezielt Feuer eingesetzt und damit zur Entstehung des lichten Charakters der eiszeitlichen europäischen Landschaft beigetragen. Das legt eine kürzlich im Fachjournal "PLOS ONE" veröffentlichte Studie nahe, zu deren Autoren auch eine Senckenberg-Wissenschaftlerin gehört. Es wäre einer der frühesten Hinweise auf einen großflächigen Eingriff des Menschen in die natürliche Vegetation seiner Umgebung. Der Befund erklärt, warum Analysen von Sedimenten belegen, dass in der Eiszeit in Europa eine offene Steppenlandschaft vorherrschte, während Veg....
Titelbild: HPW
 

Homo sapiens in Europa

Die größte Fundstelle aus dem Jungpaläolithikum in Ost- und Zentraleuropa sind die Höhlen von Mladeč, ca. 20 Kilometer nordwestlich von Olomouc (Olmütz) in Mähren, Tschechische Republik. Seit 1881 wurden hier Reste von Homo sapiens unter einer Calcitschicht entdeckt und Anfang 1925 von J. Szombathy wissenschaftlich beschrieben. Der Ausgräber Jiri Svoboda (Svoboda, 2000) interpretiert Mladeč als Begräbnisstätte und nicht als Ort des täglichen Lebens. Tragischerweise wurde das Fundmaterial am Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit vielen anderen archäologischen Schätzen bei einem Großbrand von Schloss Mikulov vernichtet. Die Fossilien werden mit der frühen europäischen Aurignacien-Industrie in Verbindung gebracht und auf etwa 32.000 Jahre oder mehr datiert. Der Fund bestand aus über 100 Stücken aus der Haupthöhle, sowie aus einer Seitenhöhle, in der man Gräber von einem Kind und zwei erwachsenen Männern fand. Die Funde tragen die Bezeichnung Mladec 5,6, und 46. Die Überreste der erwachsenen Individuen sind sehr robust, so sind die drei männlichen Schädel durch einen niedrigen Gehirnschädel sowie dicke Schädelwände charakterisiert. Außerdem ist der hintere Schädelteil recht flach und zeigt ein neandertalerähnliches Hinterhauptbein. Der Gehirnschädel war mit einem Volumen von 1650 cm³ sehr groß (Mladeč 5).

Die Überreste der Frauen aus Mladeč sind im Gegensatz zu den männlichen Überresten graziler und erscheinen im Aussehen moderner. Aber verglichen mit anderen modernen Menschen sind sie immer noch sehr robust, etwa so wie männliche Exemplare aus anderen Gegenden zur Zeit des späten Oberen Paläolithikums. Die Bevölkerung von Mladeč zeigt zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn einen relativen Größenunterschied, der den Verhältnissen bei den Neandertalern recht nahe kommt. Die Frauen (Mladeč 1 und Mladeč 2) weisen ein Gehirnvolumen von 1540 cm³ beziehungsweise 1390 cm³ auf. Dies ist eine Zunahme von 14% gegenüber den Neandertalern, während die Männer (Mladeč 5) gegenüber den Neandertalern nur eine Zunahme von 5% aufweisen. Dieser Umstand wurde gelegentlich als Beweis für die Annahme angeführt, dass die Neandertaler nicht auf der direkten Vorfahrenlinie des Homo sapiens stehen und dass sich beide Populationen während der Einwanderung des Homo sapiens nach Europa vermischten. Die Frauen von Mladeč zeigen sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zu Neandertalerfrauen, wie etwa einen größeren Gehirnschädel und ein mehr hervorstehendes Mittelgesicht. Die Schädel haben eine beträchtlich schmalere Nase als Neandertalerinnen und die Jochbeine liegen weiter vorne. Eine charakteristische Kerbe im Oberkiefer fehlt bei den Frauen aus Mladeč, dafür ist eine deutliche Eckzahngrube vorhanden.

Die Überreste aus Dolni Vestonice und dem nahegelegenem Pawlow wurden auf dem Pawlower Berg in der Region Südmähren in Tschechien gefunden. Die Funde wurden auf ungefähr 25 - 26.000 Jahre datiert und sind in ihren Merkmalen äußerst variabel - die Pawlower Knochen repräsentieren eines der robustesten Individuen eines Homo sapiens aus dem Oberen Paläolithikum, während die Funde aus Dolní Vestonice wesentlich graziler sind. Bei den als DV 1 bis DV 3 bezeichneten Exemplaren handelt es sich um sehr grazile Frauen. In der Nähe wurde eine kleine Figur gefunden, die man offenbar als eine künstlerische Darstellung von DV 3, basierend auf einer pathologischen Gesichtsveränderung, identifiziert hat. Das als DV 16 bekannte Exemplar ist robuster und zeigt, anders als das robuste Pawlow-Material, einige Neandertalermerkmale. Im großen und ganzen wirkt dieses Material sehr modern, es zeigt aber auch einige Merkmale von Neandertalern, was auf eine Vermischung von Homo sapiens und Homo neanderthalensis hinweisen könnte.

Die Funde aus Predmosti aus dem Oberen Paläolithikum sind definitiv die zahlreichsten. Leider wurden die Fossilien, ebenso wie jene aus Mladeč, beim Großbrand von Schloss Mikulov vernichtet. Das Knochenmaterial macht einen sehr robusten Eindruck (obwohl man dies kaum mit dem robusten Körperbau eines Neandertalers vergleichen kann), und weist nur wenige Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Wie bei den Überresten von Mladeč zeigen die Frauen von Predmosti eine deutliche Zunahme der Gehirngröße gegenüber den Neandertalern (13 %), während sich die Zunahme bei den Männern in Grenzen hält (2 %). Wie bei vielen anderen Funden aus dieser Zeitperiode findet man einige wenige Merkmale der Neandertaler, wobei aber eine systematische Verbindung zwischen Homo neanderthalensis und Homo sapiens nicht nachgewiesen werden konnte. Die Menschen aus Predmosti haben eindeutig größere Ähnlichkeit mit Homo sapiens als mit Homo neanderthalensis.

Die osteuropäischen Funde aus Peştera cu Oase - ein Höhlensystem im Südwesten Rumäniens - gehören zu den ältesten Überresten des europäischen Homo sapiens. Die Radiokarbon-Datierungen zweier Labors ergaben unabhängig voneinander ein Alter von ungefähr 35.000 bis 40.500 Jahre. Übereinstimmende Merkmale mit anderen menschlichen Überresten aus dem späten Pleistozän, sowie die moderne Gesamtproportionen eines Unterkiefers (Oase 1) machen es sehr wahrscheinlich, dass dieser einem frühen europäischen Homo sapiens gehörte, dessen Population über den Donau-Korridor in Europa einwanderte.

Die Untersuchungen der Funde Oase 1-3 ergaben ein Merkmalsmuster, das eine Mischung aus Eigenschaften des archaischen, früh-modernen Homo sapiens und des Homo neanderthalensis zeigt. Zu den modern-menschlichen Merkmalen gehören ein hervorstehendes Kinn, keine Überaugenwülste und ein hoher, gerundeter Hirnschädel. Einige archaische Merkmale des Schädels und des Gebisses, etwa ein großes Gesicht und große Zähne, die sich nach hinten sogar vergrößern, stellen die Funde außerhalb der Variationsbreite des heutigen modernen Menschen.

Dieses Mosaik aus Neandertaler und modernem Mensch ähnelt jenen Merkmalen, wie man sie auch bei einem 25.000 Jahre alten Skelett eines Kindes vom Abri Lagar Velho, Portugal, antrifft oder den Fossilien aus Mladeč in Tschechien. In einer Veröffentlichung von Erik Trinkaus et al. in Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) vom Januar 2007 schlagen die Forscher vor, dass die beiden Menschenarten sich vor Tausenden von Jahren miteinander gekreuzt haben könnten. Die Vermutung, dass die Menschen von "Peştera Cu Oase" den Neandertalern zeitlich sehr nah waren, steht in Einklang mit ihren archaischen Merkmalen und findet zusätzliche Unterstützung in den Mustern der räumlich-zeitlichen Verteilung von Überresten später Neandertaler. Da die Genetik die Hypothese einer Vermischung beider Menschenarten nicht vollständig zurückweist und archäologische Befunde darauf hinweisen, dass einige Populationen der Neandertaler bis ins späte obere Paläolithikum überlebt haben, so stellen die Entdeckungen von "Peştera Cu Oase" ein starkes Argument zugunsten der Befürworter eines Vermischungsmodells zwischen regionalen Neandertalergruppen und frühen modernen Menschen dar.

Es gibt in Westeuropa neben Predmosti keine weiteren Funde, die vom Anfang der oberen Altsteinzeit stammen. Es gibt zwar Funde aus dem Aurignacien aus der El Castillo Höhle (zwischen 37.000 und 49.000 Jahre alt), aber die Exemplare sind verloren gegangen, und bei einer Überprüfung der vorhandenen Aufzeichnungen konnte man nicht festzustellen, ob es sich um eine Fundstelle der Neandertaler oder von frühen modernen Menschen handelt. Der einzige andere Fund, der möglicherweise zur frühen oberen Altsteinzeit gehört, ist der Schädel eines Mannes aus Combe Capelle in Frankreich. Dieses Exemplar wurde ursprünglich der Kulturstufe des Châtelperronien zugeordnet, was seit der Zeit seiner Entdeckung kontrovers diskutiert wurde. Der Mann ist aber definitiv kein Neandertaler und die unsichere Datierung macht es den Wissenschaftlern nicht leicht, die Bedeutung seiner Überreste richtig einzuordnen.

Aus dem späten Aurignacien Westeuropas gibt es zahlreiche einzelne Fragmente, aber nur wenige sind gut genug erhalten, um Rückschlüsse über den langsamen Übergang der Bevölkerung vom Neandertaler zum modernen Menschen zu ziehen. Ein Fundort, von dem man annimmt, dass er zur Kulturstufe des Moustérien gehört, ist die Grotte des Enfants, die sich bei Menton, Frankreich, in nur einigen hundert Metern von der italienischen Grenze entfernt am Fuße eines großen Felsens am Meer befindet. Jedoch dürften sich die Funde in Schichten des Gravettien befunden haben und somit sind sie jünger als Cro Magnon, der am sichersten datierten Fundstelle aus Westeuropa.

Die bekanntesten Funde von Homo sapiens aus Europa sind die Menschen von Cro Magnon. Deren Überreste wurden im Jahr 1868 am Abri Cro-Magnon in Les Eyzies in Frankreich, entdeckt und sind etwa 32.000 bis 30.000 Jahre alt. Die Funde bestehen aus fünf Skeletten von drei erwachsenen Männern, einer erwachsenen Frau und einem Kleinkind. Der Fundort war offensichtlich eine Begräbnisstätte, da neben den Skeletten verschiedene Schmuckgegenstände gefunden wurden. Das am meisten in der wissenschaftlichen Literatur zitierte Exemplar ist der Fund mit der Bezeichnung Cro-Magnon 1, einer der drei Männer im Grab. Auch bekannt als der "Alte Mann", starb Cro-Magnon 1 im mittleren Alter, wobei er eine Pilzinfektion im Gesicht aber offensichtlich überlebte. Das Cranium ist abgesehen von den Zähnen und den Unterkiefergelenken vollständig erhalten. Cro-Magnon-1 gehört anatomisch definitiv zum modernen Homo sapiens, wie Merkmale wie eine hohe Stirn, ein großes Gehirnvolumen, ein parabolischer Gaumen oder ein vorstehendes Kinn bezeugen.

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Literatur