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Neandertaler aus dem Unteren Paläolithikum

Homo neanderthalensis - Neandertaler aus dem Unteren Paläolithikum


Wie es oft bei der Anagenese ? von einer Spezies in eine andere der Fall ist, gibt es einen unscharfen, zeitlich nicht genau greifbaren Bereich, in dem es schwer ist zu bestimmen, wann Spezies A zu Spezies B wurde.

Im Fall des Übergangs von Homo heidelbergensis zu den Neandertalern scheint diese Grenze irgendwann vor 200.000 bis 250.000 Jahren zu liegen, denn in dieser Zeitspanne betraten die Neandertaler erstmals die Weltbühne. Frühe Funde, die man den Neandertalern zuschreibt stammen aus der Pontnnewydd Höhle, aus Vértesszöllos, Ehringsdorf, Casal de'Pazzi, Biache-Saint-Vaast, La Chaise, Montmaurin, Prince, Lazaret, Fontéchevade, und, möglicherweise als die ältesten Neandertaler, aus Atapuerca.

Die Funde aus der Pontnnewydd Höhle, in der Nähe von Denbighshire, Nord-Wales, bestehen aus kleinen Teilen eines Unter- und Oberkiefers eines ungefähr acht Jahre alten Kindes und einem isolierten Backenzahn eines Erwachsenen (oder Jugendlichen). Das Material ist mit der Thermolumineszenzmethode (TL), mit anderen radiometrischen Methoden und durch die mit den Funden in Verbindung gebrachte Fauna auf ein Alter von ungefähr 251.000 bis 195.000 Jahre datiert worden. Aber diese Daten sind wahrscheinlich zu alt, da das Material möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt in die Höhle gewaschen wurde. Die Merkmale der fragmentarischen Überreste, die gut zu Neandertalern passen, sind beispielsweise eine dominante bukkale (backen-seitige) Erhöhung der Backenzähne, sowie der Taurodontismus ? der hinteren Zahnreihen.

Der Fundort von Vértesszöllos in Ungarn ist ebenfalls nicht sehr sicher datiert. Das Alter der Fundstelle wurde ursprünglich mit der Uran-Thorium-Datierung und der assoziierten Mikrofauna auf 400.000 Jahre datiert, aber die Uranreihen-Untersuchung lässt eine viel jüngere Zeitspanne von 225.000 bis 185.000 Jahre vermuten. Die Stratigraphie von Vértesszöllos macht es unwahrscheinlich, dass eine dieser Methoden in Bezug auf das Skelettmaterial genaue Ergebnisse liefert, so können die Funde auch älter oder jünger sein. Die Überreste stammen von zwei Individuen und gehörten zu einem etwa sieben Jahre alten Kind, bestehend aus Fragmenten eines ausgefallenen Eckzahnes und einigen Backenzähnen, sowie Schädelresten eines Erwachsenen, bestehend aus einem fast kompletten Hinterhauptbein. Die Zähne sind dem Material aus Zhoukoudian in China sehr ähnlich. Das Schädelfragment hat eine neandertalerähnliche Ausbuchtung am Hinterkopf, die von einer Verdickung des Schädels herrührt, jedoch anders aussieht als bei späteren Neandertalern. Die Schädelfragmente lassen ein geschätztes Gehirnvolumen von 1300 cm³ zu und sind je nach Wissenschaftler entweder dem Homo erectus, Homo heidelbergensis oder dem Neandertaler zugeschrieben worden.

Die Funde aus Ehringsdorf bei Weimar stammen aus den Steinbrüchen nahe der Ortschaft. Das Material ist mittels Uranreihen-Untersuchung auf ein Alter von 205.000 Jahren und mittels der Elektronenspin-Resonanz-Methode (ESR) auf ziemlich sichere 200.000 Jahre datiert worden. Die menschlichen Überreste bestehen aus dem oberen Teil eines Schädels und einem teilweisen Schädelinnenabdruck, einem erwachsenen oder jugendlichen Unterkiefer, vier Fragmenten des Scheitelbeins, aus einem Oberschenkelschaft, sowie Zähne und anderen postkranialen Knochen. Die Schädelknochen von Ehringsdorf wurden seit ihrer Entdeckung 1925 mindestens dreimal rekonstruiert, von Franz Weidenreich, O. Kleinschmit und E. Vlcek. Die neandertalerähnlichste Rekonstruktion wurde von Kleinschmidt durchgeführt, wobei die Rekonstruktion von Weidenreich am wenigsten einem Neandertaler glich. Aber egal welche Rekonstruktion man für Studien benutzt, das Material zeigt viele Merkmale, die es mit den Neandertalern in Verbindung bringen, so nicht zuletzt die für eine Frau bemerkenswerte Gehirngröße von 1450 cm³. Ehringsdorf ist möglicherweise der älteste Fundort, den man gesichert dem Neandertaler zuordnen kann.

Die Funde von Biache-Saint-Vaast in der Region Nord-Pas-de-Calais in Nordfrankreich besteht aus zwei Fragmenten des oberen und hinteren Teils des Schädels und dem Oberkiefer einer Frau, sowie aus Teilen des Schädeldaches und Gesichtsknochen eines Mannes. Der Fundort wird auf ein Alter zwischen 159.000 und 196.000 Jahre datiert. Für die weiblichen Schädelfragmente ist eine Gehirngröße von 1200 cm³ geschätzt worden. Während einige Merkmale, wie die kleine Gehirngröße, diese Funde mit dem Swanscombe-Schädel zu verbinden scheinen, zeigen sie doch mehr Ähnlichkeiten mit den Neandertalern. Dazu gehören u.a. eine neandertalerähnliche Verdickung am Hinterhauptbein, sowie sehr kleine Warzenfortsätze, die nicht unter der Schädelbasis vorspringen. Der Schädel zeigt von hinten gesehen eine kreisförmige Kontur und das Schädeldach ist dünn.

Die Funde aus der Bourdeois-Delaunay Höhle in La Chaise, in der Region Champagne-Ardennen in Nordwestfrankreich, sind mittels Uran-Thorium-Methode auf ca. 151.000 Jahre datiert worden. Sie bestehen aus einem fragmentarischen Schädel und einem Unterkiefer, Zähnen und einigen anderen Fragmenten. Weitere Funde aus der gleichen Zeit stammen aus der Suard Höhle bei La Chaise. Die Schädelfragmente bestehen zum größten Teil aus dem Schädeldach, dem Hinterhauptbein und dem Unterkiefer mit dazugehörigen Zähnen eines Kindes. Die Merkmale dieses Materials scheinen den Fund eng mit dem aus Biache-Saint-Vaast zu verbinden.



Auf halber Strecke zwischen Poitiers und Bordeaux in Westfrankreich liegt die Höhle von Fontéchevade, deren menschliche Überreste einmal ein zentrales Beweisstück für die oft angezweifelte "Prä-sapiens"- Theorie der menschlichen Evolution waren. Das Material von Fontéchevade besteht aus mehreren Schädelfragmenten von unterschiedlichen Individuen. Henri Vallois (1889-1981) wies besonders auf die fehlenden Überaugenwülste von Fontéchevade 1 hin, jedoch stammt dieses Exemplar von einem Jugendlichen, und die Wülste wären wahrscheinlich nach Erreichen des Erwachsenenalters ähnlich dick gewesen, wie man es von anderen Neandertalern kennt. Auch von Fontéchevade 2 wurde behauptet, keine stark ausgeprägten Überaugenwülste zu haben, jedoch fehlt diesem Exemplar fast das gesamte Gesicht mit samt den Bereichen über den Augen. Bei den Funden von Fontéchevade wurde eine geschätzte Gehirngröße von 1350 cm³ angegeben.

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Literatur

  • Stringer, C.B., and R. Grün. 1991. "Time for the last Neanderthals." In Nature, vol. 351, pp. 701-702.
  • Bar-Yosef, O., B. Vandermeersch, B. Arensburg, A. Belfer-Cohen, P. Goldberg, H. Laville, L. Meignen, Y. Rak, J.D. Speth, E. Tchernov, A.M. Tillier, and S. Weiner. 1992. "The Excavations in Kebara Cave, Mt. Carmel." In Current Anthropology, vol. 33, no. 5, pp. 497-550.
  • Johanson, D., und B. Edgar. 2000, Lucy und ihre Kinder . Spektrum akad. Verlag ISBN: 3-8274-1049-5

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