Homo heidelbergensis

Homo heidelbergensis - Filmszene Spezies: Homo heidelbergensis
lebte vor: ca. 1,0 Millionen bis 200.000 Jahren
Lebensraum: Afrika, Europa, Asien
Entdecker: Daniel Hartmann
Typusexemplar: "Mauer 1" zur Fundbeschreibung Homo heidelbergensis Mauer 1

Im Oktober 1907 fand der Arbeiter Daniel Hartmann in einer Kiesgrube bei Mauer in der Nähe von Heidelberg ein menschlichen Unterkiefer, der mindestens eine halbe Million Jahre alt ist.

Der Nähe des Fundortes zu Heidelberg verdankt  Homo heidelbergensis seinen Namen. Skelettfunde zeigen, dass er in Europa und in Teilen von Afrika gelebt hat. Auch er war ein erfolgreicher Jäger und ernährte sich vor allem von Großwild.

Für die Jagd fertigte Homo heidelbergensis mehr als zwei Meter lange Speere an, wie Funde aus Schöningen in Niedersachsen zeigen. Um das Fleisch von den Knochen abzuschaben, setzte Homo heidelbergensis Steinwerkzeuge vom Typ Acheuleen ein.

Da er in Gruppen jagte, vermuten Forscher, dass Homo heidelbergensis schon über eine einfache Sprache verfügte, mit deren Hilfe er sich mit seinen Artgenossen verständigte. Auffällig ist außerdem sein schlanker Körperbau.

Der allmähliche Übergang vom Homo erectus über Homo heidelbergensis, zum Neandertaler ist durch bemerkenswert reichhaltige Fossilien belegt. Früher wurde der Homo heidelbergensis gelegentlich als archaischer Homo sapiens bezeichnet.

In den Sandgruben bei Mauer in der Nähe von Heidelberg in Deutschland fand der Arbeiter Daniel Hartmann 1907 einen beinahe vollständigen menschlichen Unterkiefer. Dieser als "Mauer 1" bezeichnete Fund bestätigte Prof. Otto Schoetensack's lang gehegte Vermutung, dass es unter all den pleistozänen Fossilien von Nashörnern, Bären, Elefanten, Bisons, Hirschen und Pferden, die man in den Gruben fand, auch menschliche Überreste geben müsse. Schoetensack veröffentlichte ein Jahr später eine umfangreiche Monografie über den Unterkiefer, in der er den Fund einer neuen Spezies von Hominiden zuschrieb, dem Homo heidelbergensis. Schoetensack tat dies, ohne die spezifischen anatomischen Merkmale der Spezies genauer zu beschreiben. Der Mangel an morphologischen Vergleichen und der Abgrenzung von anderen bekannten Spezies, sowie das Fehlen von ähnlichen Exemplaren, hielt die Fachwelt lange davon ab, Homo heidelbergensis als eigenständige Spezies zu akzeptieren.

Doch obwohl Schoetensack die Benennung der neuen Spezies Homo heidelbergensis nicht 100%ig begründen konnte, gibt es Merkmale des Unterkiefers, die ihn von den Neandertalern und von Homo sapiens abgrenzen. So etwa das Alter des Fundes, das heute auf ca. 500.000 Jahre geschätzt wird. Mit den neuen, aufschlussreichen Entdeckungen der letzten 30 Jahre ist die Speziesbezeichnung "heidelbergensis" quasi reaktiviert worden. Sie scheint derzeit unter vielen Forschern anerkannt zu sein, doch ist dies keinenfalls bei allen so. Viele Forscher argumentieren, dass Homo heidelbergensis lediglich eine Chronospezies sei, und heidelbergensis daher ungültig ist.

Die Tatsache dass es keine klaren Übergänge zu geben scheint, macht es schwierig, eine Liste von Merkmalen aufzustellen, die Homo heidelbergensis von Homo erectus oder Homo neanderthalensis unterscheiden. Im Allgemeinen zeigen heidelbergensis-Exemplare eine Fortsetzung evolutionärer Trends, die sich etwa ab dem Unteren- bis ins Mittlere Pleistozän abzeichnen. Zusammen mit Änderungen in der Robustheit von Schädel- und Zahnmerkmalen gibt es eine markante Zunahme der Gehirngröße von erectus bis heidelbergensis.

Die Zunahme der Gehirngröße mag auch mit einem immer komplexer aufgebauten Gehirn zusammenhängen, obwohl es schwierig ist, von Schädelinnenabdrücken darauf zu schließen. Dies muß daher Mutmaßung bleiben. Aber die Zunahme an absoluter Größe und die Veränderung hin zu größereren Frontal- und Scheitellappen zeigen, dass es möglicherweise eine Umorganisation in der Anatomie des menschlichen Gehirns gegeben hat. Die Größenzunahme selbst weist auf Veränderungen im Verhalten hin, welches das Ausbeuten von Nahrungsressourcen erheblich erleichtert haben dürfte. Dies ist wegen der hohen Anforderungen eines immer komplexer werdenen Gehirns an eine hochwertige Nahrung, besonders während der Entwicklung vom Kleinkind zum Jugendlichen, von großer Bedeutung. Es gibt überzeugende Beweise für eine zunehmende und bessere Kontrolle des Feuers und Homo heidelbergensis beherrschte ausgefeilte Techniken bei der Jagd auf Tiere. Diese Periode ist in der menschlichen Evolution in vielerlei Hinsicht wichtig, denn es ist die Zeit, in der möglicherweise das moderne menschliches Verhalten sich zu entwickeln begann.

Das Typusexemplar von Homo heidelbergensis ist Mauer 1. Der Unterkiefer zeigt eine Vielzahl sowohl primitiver, als auch abgeleiteter (weiterentwickeltere) Merkmale, die im Allgemeinen als Beweis der Ahnenreihe zur Neandertalerlinie aufgeführt werden. Das Exemplar wurde 1907 bei Mauer, in der Nähe von Heidelberg, Deutschland entdeckt. Das genaue Alter des Fundstücks ist unsicher, aber es wird auf wenigstens 400.000 Jahre geschätzt und ist möglicherweise sogar 700.000 Jahre alt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch ein Alter von 500.000 Jahren, wie von den meisten Forschern angenommen wird.

Ein anderer mittelpleistozäner Hominide, der Homo heidelbergensis zugeschrieben wird, ist der Bodo-Schädel. Bodo wurde 1976 bei Bodo d'Ar, Äthiopien, im Middle Awash Valley entdeckt. Das Exemplar ist neben seines Alters von 600.000 Jahren wegen seiner Merkmalskombination interessant. Der Schädel hat das größte unter Hominiden bekannte Gesicht mit einer ungewöhnlich breiten Nase und einem großen Oberkiefer. Die Gehirngröße wird auf 1100 cm³ geschätzt. Das Broca-Zentrum und andere für die Sprechfähigkeit verantwortliche Regionen im Gehirn sind gut entwickelt. Nahe der Fundstelle des Schädels wurden Acheuléen-Werkzeuge zusammen mit den Überresten von Nilpferden, Pavianen und Antilopen entdeckt. Dies macht es wahrscheinlich, dass diese Tiere in der Gegend gejagt und am Fundort geschlachtet wurden. Aber auch Bodo selbst wurde Opfer eines Gemetzels, wie einige auffällige Schnittspuren an mehreren Teilen des Schädels bezeugen. Der Bodo-Schädel war Ursache vieler Kontroversen unter den Wissenschaftlern und so gibt es relativ wenige Publikationen, die den Fund beschreiben.

In der Höhle von Arago, bei Tautavel, Frankreich, in den östlichen Pyrenäen hat man die Überreste vieler Frühmenschen ausgegraben. Das vollständigste Fundstück ist ein Schädel mit der Bezeichnung Arago XXI. Wegen seiner Größe und der robusten Gesichtsmerkmale wird im Allgemeinen angenommen, dass es sich bei Arago XXI um einen jungen Mann handelt, obwohl manche Forscher den Schädel für weiblich halten. Die Datierung des Materials ist problematisch und die Zeitspannen, die von den Wissenschaftlern angegeben werden, decken einen recht großen Zeitraum ab. So vermutet Henry de Lumley ein Alter von 400.000 Jahren, andere Wissenschaftler glauben eher an ein Alter von 200.000 bis 300.000 Jahren. Arago XXI ist fast vollständig, nur das Schläfenbein sowie das Hinterhauptsbein fehlen. Das Gehirnvolumen wird auf etwa 1166 cm³ geschätzt und die Asymmetrie des Schädelinnenabdrucks wird als Beweis der Rechtshändigkeit gesehen. Arago XXI hat ein kurzes, vorspringendes Gesicht mit einem großen Oberkiefer.

Ein weiterer Fund aus Griechenland ist morphologisch dem Arago-Schädel sehr ähnlich. Der der als "Petralona 1" bekannte Schädel wurde im Jahr 1960, von Stalagmiten überzogen, in einer Höhles des Katsika-Berges bei Petralona, Griechenland, gefunden. Das Exemplar zeigt keine eindeutige Schädelmorphologie, was dazu führte, dass es ursprünglich den Neandertalern zugeschrieben aber später als Homo erectus klassifiziert wurde. Heute ist allgemein anerkannt, dass Petralona 1 morphologisch verschiedenen heidelbergensis-Exemplaren viel näher steht, besonders dem Schädel Arago XXI. Ursprünglich nahm man für den Fund ein Alter von ungefähr 70.000 Jahren an, dies liegt im Bereich vieler Neandertalerfunde. Spätere Schätzungen schraubten die Zahl bis 700.000 Jahre hoch. Endgültige Klarheit sollte eine Datierung mit der Elektronenspinresonanz-Methode (ESR) bringen, die schließlich ein Alter zwischen 247.000 und 127.000 Jahren ergab. Einige Forscher gehen jedoch wegen der Morphologie des Schädels von einem Alter von 300.000 - 400.000 Jahren aus. Das Gehirn wird auf ein Volumen von 1220 cm³ geschätzt und das Gesicht ist massiv, ohne jedoch stark hervorzuspringen. Über den Augen befinden sich ausgeprägte Brauenwülste.

Es gibt viele weitere Exemplare z.B. aus Apidima, Kabwe, Steinheim, Atapuerca, Ceprano usw., die Homo heidelbergensis zugeschrieben werden, denn sie haben alle die gleichen gemeinsamen Merkmale, die oben erwähnt worden sind. Im Allgemeinen zeigt Homo heidelbergensis eine Abnahme der Körperrobustheit und eine Zunahme der Gehirngröße, also eine Tendenz hin zu den mehr entwickelteren Merkmalen von Homo neanderthalensis oder Homo sapiens.

Artikel: Hans-Peter Willig

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