Australopithecus boisei existierte vor 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren. Er sah ähnlich wie Australopithecus robustus aus, hatte aber ein massiveres Gesicht Backenzähne, einige Molare erreichten bis zu 2 cm im Durchmesser. Auch glich die Größe des Gehirns mit ungefähr 530 cm³ dem des Australopithecus robustus. Australopithecus boisei war bis zu 1,40 Meter groß, wog etwa 40 bis 80 Kilogramm.
Die Entdeckung des Schädels OH 5 im Jahr 1959 durch Mary Leakey war ein Wendepunkt in der Geschichte der Paläoanthropologie. Die Entdeckung krönte Louis und Mary Leakeys Arbeit in der Olduvai-Schlucht, die in den vorhergehenden 30 Jahren verhältnismäßig ergebnislos gewesen war und führte zu einem neuem Forschungsinteresse in diesem Bereich. Australopithecus boisei schloß auch eine Lücke in diesem wichtigen Stadium der Menschheitsgeschichte, da Funde hier extrem spärlich waren. Auch beginnt mit diesem Fund ein Trend zu immer mehr interdisziplinärer Forschung, der bis heute anhält.
Louis Leakey gab dem ziemlich kompletten Schädelfund (samt Unterkiefer) den Artnamen Zinjanthropus boisei, der schließlich als Australopithecus boisei Einzug in die wissenschaftliche Fachliteratur hielt. Am weithin bekanntesten ist er jedoch unter dem Spitznamen "Zinj" (von Zinjanthropus) oder "Nußknackermensch".
Die Fundstücke, die Australopithecus boisei zugeschrieben werden, stammen zum größten Teil aus Äthiopien, Tansania und Kenia in Ostafrika. Das älteste Stück ist bei Omo, Äthiopien gefunden worden und ist ungefähr 2,3 Millionen Jahre alt (L. 74a-21), das jüngste wurde in der Olduvai Schlucht ausgegraben und ist ungefähr 1,2 Millionen Jahre alt (OH- 3 und OH- 38). Australopithecus boisei scheint am Ende einer Linie zu stehen, die durch die Anpassung an harte und nährstoffarme Nahrung ein immer mächtigeres Kau- und Kiefersystem entwickelte. Die Art wird manchmal wegen der relativen Größe ihrer Zähne als "hyper-robust" bezeichnet. Möglicherweise ist diese überspezialisierung der Grund für das Aussterben dieser Linie, die nach einem Klimawandel mit den veränderten Umweltbedingungen nicht mehr fertig wurde. Diese Annahme ist in Fachkreisen weitestgehend akzeptiert und es gibt keine harten Beweise, die dagegen sprechen würden.
Die auffallendste Eigenschaft der boisei Fundstücke ist ihre "Megadontie" (Riesenbezahnung). Australopithecus boisei hat die absolut größten Zähne, die in irgendeiner Gruppe von Menschenartigen gefunden werden, der Zahngröße von Gorillas recht ähnlich, wobei letztere rund 10mal soviel wiegen wie Australopithecus boisei gewogen haben dürfte. Er besaß die größten Backenzähne aller Hominiden und wird daher auch "Nußknacker-Mensch" genannt. Mit seiner kräftigen Kaumuskulatur, die an massiven Kieferknochen und an einem »sagittalen Kamm« ansetzte, konnte dieser Hominide härtere Pflanzennahrung wie Samen oder zähe Fasern zerkleinern.
Australopithecus boisei ist eine wichtige Spezies in der Geschichte der Paläoanthropologie und liefert wichtige Anhaltspunkte für die Stammesgeschichte des Menschen. Die Eigenschaften, die boisei mit gleichzeitig und später lebenden Spezies teilt, ordnen ihn stammesgeschichtlich eindeutig den robusten Australopithecinen zu. Er lebte zu einer Zeit, als Werkzeuggebrauch bei Homo immer üblicher wurde und möglicherweise hat auch Australopithecus boisei Werkzeuge verwendet und sogar hergestellt. Am Ende jedoch scheint es, dass boisei mit den klimatischen Veränderungen nicht mehr fertig wurde und wegen seiner "Überspezialisierung" ausstarb.
Vor allem wegen des starken Gebisses zählt er - mit Australopithecus robustus und Australopithecus aethiopicus - zu den »robusten« Australopithecinen, die manche Forscher in eine eigene Gattung stellen - Paranthropus (»Nebenmensch«). Einige wenige Experten betrachten boisei und robustus als Varianten der gleichen Spezies.
Artikel: Hans-Peter Willig
Quellen:
Broom, R.A. 1938. "The Pleistocene anthropoid apes of South Africa." In Nature, vol. 142, pp. 377-379, 897-899.
McHenry, H.M.; Coffing. K. (2000). "Australopithecus to Homo: transformations in body and mind". Annual Review of Anthropology 29: 125–146. doi:10.1146/annurev.anthro.29.1.125