Homo antecessor


Steckbrief
Spezies: Homo antecessor
Gehirngröße: über 1000 cm³
lebte vor: ca. 780.000 Jahren
Lebensraum: Südeuropa
Finder: Juan Luis Arsuaga
Holotypus: Nr. ATD 6-5
Fundorte: klick

In der Nähe der Sima de los Huesos, Spanien, wurden um das Jahr 1900 beim Bau einer inzwischen stillgelegten Bergwerks-Eisenbahnstrecke mehrere Höhlen entdeckt, in denen seit etwa 1978 Ausgrabungen stattfinden. In einer dieser Höhlen – genannt Gran Dolina („Großes Schlundloch“) – entdeckte der spanische Forscher Juan Luis Arsuaga Steinwerkzeuge, deren Alter auf nahezu eine Million Jahre datiert wurde.

Dies war eine Sensation und widersprach der bis dahin gültigen Annahme, dass Europa erst vor 500.000 Jahren von Menschen besiedelt wurde.

In den Folgejahren wurde weitere spektakuläre Funde aus Spanien gemeldet.

Homo antecessor hatte ein modern wirkendes Gesicht, aber primitive Kiefer und Überaugenwülste. Als Vorfahr von Homo antecessor vermutet man wegen dieser Merkmale den afrikanischen Homo ergaster.

Die Spezies Homo antecessor wurde von Juan Luis Arsuaga und Kollegen beschrieben und 1997 im amerikanischen Fachblatt "Science" der Öffentlichkeit präsentiert. Die menschlichen Überreste von mehreren Individuen wurden in einem ausgedehnten Höhlensystem (Gran Dolina) in Spanien gefunden.

Die Entdeckung war unter anderem auch deshalb so bedeutungsvoll, weil die Fossilien mit einiger Sicherheit auf ein Alter von über 780.000 Jahre datiert werden konnten. Damit gehören die Menschen aus der Gran Dolina zu den frühesten bekannten Homininen in Europa. Der Fund ließ die alte Debatte wieder aufkommen, ob Homo heidelbergensis eine eigene Art darstellt und ob es gerechtfertigt ist, so schnell eine ganz neue Spezies, Homo antecessor, zu schaffen. Homo antecessor war und ist eine höchst kontrovers diskutierte Art.

Das vollständigste Exemplar ist Hominid 3, das auch als Typusexemplar ? für Homo antecessor verwendet wurde. Nicht zuletzt deshalb wurden die Entdecker von Fachkollegen kritisiert, denn bei H3 handelt es sich um ein ungefähr 10 Jahre altes Kind, dessen Skelettmerkmale noch nicht vollständig entwickelt waren. Das Exemplar wurde trotzdem gewählt, weil es alle Merkmale hervorhob, die die Forscher versuchten, als „art-typisch” für Homo antecessor zu beschreiben.

Diese Merkmale sind aber alle variabel, (sogar innerhalb der Fundstücke von Gran Dolina selbst), und keines ist autapomorph ?. Nur wenige Forscher akzeptieren Homo antecessor deshalb als eigene Art, man geht stattdessen davon aus, dass es sich bei den Funden von Gran Dolina in Wirklichkeit um Homo heidelbergensis handelt. Homo antecessor ist aber möglicherweise eine Chronospezies ? von heidelbergensis. Auch die Behauptung der spanischen Forscher, es handele sich um den unmittelbaren Vorfahren des afrikanischen und europäischen Homo heidelbergensis, aus dem auch der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) hervorgegangen ist, steht nach Ansicht vieler Forscher auf sehr wackeligen Beinen. Auch ist umstritten, ob man Homo antecessor überhaupt von Homo erectus oder Homo heidelbergensis abtrennen darf.

Die Gran Dolina ist eine Höhle in der Sierra de Atapuerca in der Nähe der Stadt Burgos in Spanien. Zur Zeit hält der Fundort den Rekord als älteste Homininen-Fundstätte Europas. Die menschlichen Fossilien befanden sich in Schicht TD6, deren Alter mittels paläomagnetischer Methoden auf 780.000 Jahre bestimmt wurde. Dies macht die darin eingebetteten Fossilien mindestens ebenso alt, wenn nicht gar älter. Dieser Befund wird von Tierfossilien bestätigt, die ebenfalls auf dieses hohe Alter hinweisen.

Mit Hominid 3 kamen Überreste von wenigstens sechs weiteren Individuen ans Tageslicht, die alle in einem bemerkenswert guten Zustand sind. Bei Hominid 3 handelt es sich um ein jugendliches (wahrscheinlich weibliches) Individuum, das ungefähr 10-11 Jahre alt war, als es starb. Dieses Exemplar ist zur Erstbeschreibung von Homo antecessor verwendet worden, weil es jene Merkmale, die sich die spanischen Forschungen bemühten hervorzuheben, eindeutig zeigt. Das Exemplar zeigt eine Mischung "archaischer" und "moderner" Merkmale, mit einem besonders modern aussehenden mittleren Gesichtsteil.

Viele Forscher geben zu bedenken, dass einige Merkmale von Homo antecessor sowohl beim älteren Homo erectus (ergaster) als auch beim späteren Homo heidelbergensis vorkommen. Überdies seien viele der Merkmale, die Homo antecessor von Homo heidelbergensis unterscheiden sollen, keine Autapomorphien, und träten bei einigen Exemplaren beider Arten in Erscheinung. Dies mache eine Unterscheidung basierend auf morphologischen Charakteristika verdächtig. Viele ordnen dieses Material daher dem Homo heidelbergensis zu. Möglicherweise aber erringt Homo antecessor wegen seines hohen Alters - im Vergleich zu anderen heidelbergensis-Exemplaren - auch den Status einer Chronospezies.

Ein wichtiges Merkmal stellen Schnittspuren dar, die man bei den Untersuchungen des Materials auf fast allen Knochen feststellte. Auf einem Fragment mit der Bezeichnung ATD 6-16 fand man beispielsweise 12 parallele Schnitte an einer Stelle, wo der Kopfwender-Muskel (Musculus sternocleidomastoideus ?) befestigt ist. Eindeutige Schnitte gibt es auch auf zwei Zehengliedern in dem Bereich wo der Beugemuskel befestigt ist. Dies deutet darauf hin, dass die fachgerechte Zerlegung dieses Körperteils das wahrscheinliche Ziel war. Tierischen Begleitfossilien zeigen die gleichen Spuren, wobei solche, die von Fleischfressern stammen, eindeutig in der Unterzahl sind. So sind die Menschen wohl hauptsächlich selbst verantwortlich für diese Schnitte, wie sie bei der Bearbeitung von Knochen mit Steinwerkzeugen entstehen. Dies ist der früheste gut-dokumentierte Fall von Kannibalismus in einer Homininen-Population und gibt wichtige Informationen preis, die wichtig sind um mehr über das Verhalten dieser Frühmenschen zu erfahren.



Ob Homo antecessor nun ein gültiges Taxon ist oder nicht, die Funde aus der Gran Dolina sind aus mehreren Gründen äußerst wichtig: es ist die früheste (und sehr sicher) datierte Homininen-Fundstätte in Europa, sieht man einmal von den Funden aus Dmanisi, Georgien ab. Es gibt gut erhaltene Überreste von mehreren Individuen, es gibt postcraniale Knochen in Verbindung mit Schädeln und Schädelfragmenten, es gibt Hinweise auf das Verhalten der Menschen und es gibt immer noch Material, das darauf wartet, ausgegraben zu werden.


Das könnte Dir auch gefallen