Australopithecus africanus

Australopithecus africanus Spezies: Australopithecus africanus
lebte vor: ca. 3 bis 2 Millionen Jahren
Lebensraum: Südafrika
Finder: M. de Bruyn, Raymond Dart
Typusexemplar: "Kind von Taung" zur Fundbeschreibung Australopithecus africanus Kind von Taung

Australopithecus africanus wog etwa 30 bis 60 Kilogramm und wurde bis zu 1,40 Meter groß. Über zwei Millionen Jahre hinweg - seit dem Auftreten der ersten Australopithecinen - veränderte sich das Hirnvolumen kaum: Bei Australopithecus africanus faßt der Schädel 400 bis 500 Kubikzentimeter.

Das »Taung-Baby«, Namensgeber der gesamten Gattung Australopithecus, wurde vor etwa 2,5 Millionen Jahren wahrscheinlich Opfer eines großen Raubvogels. Darauf deuten zumindest Löcher - Spuren scharfer Krallen - im faustgroßen Schädel hin.

Auch »Mrs. Ples« - der vorzüglich erhaltene Schädel eines weiblichen Individuums, den Robert Broom 1936 in einem Steinbruch bei Sterkfontein gefunden und ursprünglich Plesianthropus transvaalensis (»Fastmensch aus Transvaal«) benannt hat, wird heute zur Art Australopithecus africanus gezählt.

Die Art Australopithecus africanus wurde im Februar 1925 von Raymond Dart in einer Ausgabe der Zeitschrift Nature ins Leben gerufen. Dart war einer der Pioniere der Paläoanthropologie und verursachte ziemlichen Aufruhr als er das von ihm gefundene Fossil - das Taung-Baby - als Hominiden bezeichnete.

Die vorherrschende Meinung des wissenschaftlichen Establishments jener Zeit war, dass man die Vorfahren des Menschen nur in Europa finden könne und dass diese trotz aller zu erwartender Primitivität schon ein höher entwickeltes Gehirn besessen haben müßten.

Diese Einstellung ist besser zu verstehen, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass in jenen Tagen die einflußreichsten Wissenschaftler (Keith, Smith-Woodward) soeben dem Piltdown-Schwindel aufgesessen waren. Darts Behauptung, das Kind von Taung sei ein Hominide gewesen, wurde hauptsächlich von jenen abgelehnt, die in dem Fundmaterial lediglich einen jungen Schimpansen oder Gorilla sahen. Auch das ist verständlich, denn obendrein stammten die Überreste von einem Kind, und juvenile Fossilien eignen sich nicht besonders gut, um daraus Rückschlüsse auf das erwachsene Individuum zu ziehen. So glaubten viele Forscher, dass sich das Kind von Taung lediglich zu einem gewöhnlichen Schimpansen entwickelt hätte.

Aufgrund der ablehnenden oder gar feindseligen Haltung seiner Kollegen hat Raymond Dart die Ausgrabungen bei Taung nie fortgeführt, und so ist das Kind von Taung das einzige Fossil geblieben, das jemals an diesem Ort gefunden wurde. Erst zwanzig Jahre später bestätigten Fundorte wie Sterkfontein Darts Ideen.

Obwohl die Gattungsbezeichnung Australopithecus ein Mischwort aus Latein ("australo") und Griechisch ( "pithecus") ist, wurde der Name beibehalten. Er bezeichnet die Gruppe von Vormenschen in Afrika, die sich dort vor ca. 4½ bis 2 Millionen Jahren tummelten. Den Namen Australopithecus africanus tragen heute über tausend Fundstücke aus Südafrika. Dart schloß einzig aufgrund der Position des Foramen Magnum - das ist die Öffnung an der Unterseite des Schädels, durch die das Rückenmark führt - dass Australopithecus africanus aufrecht ging und dies wurde später eindrucksvoll durch Fossilien wie STS 14 bestätigt. Einen direkten Hinweis auf den aufrechten Gang der Australopithecinen gaben die von Mary Leakey entdeckten "Laetoli Footprints", eine ca. 20m lange, in frischer Vulkanasche hinterlassene Fußspur.

Die frühesten Belege für Australopithecus africanus stammen von Fundorten wie Sterkfontein, Makapansgat, Gladysvale und Taung. Das Material stammt aus dem ausgehenden frühen Pliozän, vor allem zwischen 2,9 - 2,4 Millionen Jahren. Unter dem Material aus Sterkfontein (Member 2) befinden sich auch Fossilien des möglicherweise ältesten Australopithecus africanus, datiert auf 3,5 Millionen Jahre. Das Material aus Sterkfontein ist aber problematisch, da es durch geologische Verwerfungen möglicherweise zu einem Eindringen von jüngeren Schichten kam. Man findet dort eine heterogene Artenmischung von älteren und modernen Faunengemeinschaften, und somit ist dieses Material möglicherweise nicht älter als eine Million Jahre.

Die meisten postcranialen Knochen, die Australopithecus africanus zugeschrieben werden, liegen auch in der Variationsbreite von Australopithecus afarensis, aber die Proportionen der Gliedmaßen könnten unterschiedlich gewesen sein. STS 14 zum Beispiel ist ein 2,5 Millionen Jahre altes Fundstück aus Sterkfontein und ist besonders wichtig, da sowohl ein Hüftbein (os Coxa), als auch ein großer Teil der Wirbelsäule erhalten blieb. Dieser Fund zeigt eindeutig, dass diese Hominiden auf zwei Beinen gingen und nicht nur einfach Affen waren. STS 14 hat sechs Lendenwirbel (moderne Menschen haben fünf, Schimpansen haben in der Regel drei).

Es ist eine relativ große Anzahl von Zähnen des Australopithecus africanus bekannt (wenn auch nicht so viele wie von Australopithecus afarensis). Das Material zeigt mehrere wichtige Unterschiede im Vergleich zu afarensis. Vergleicht man die Größe der Eckzähne von Australopithecus anamensis über Australopithecus afarensis zu Australopithecus africanus (ohne Verwandschaftsverhältnisse ausdrücken zu wollen), so nimmt diese kontinuierlich ab, die Größe der Backenzähne hingegen nimmt in dieser Reihenfolge leicht zu. Die Bedeutung der Eckzähne als Waffe, wie bei den Menschenaffen üblich, nimmt also immer mehr ab und die größer werdenden Mahlzähne deuten auf eine Anpassung an härter werdende und schwieriger zu zerkauende Nahrung hin. A. Walker und M. Wolpoff vermuten, dass das Kaumuster von Australopithecus africanus vergleichbar mit dem moderner Jäger und Sammler Gruppen ist, mit Molaren und Prämolaren, die einem lebenslangen Verschleiß ausgesetzt sind (die ältesten Individuen sterben etwa zu der Zeit, wenn sie keine Zähne mehr im Mund haben - max. Alter ungefähr 35). Es scheint so, dass die Nahrung der südafrikanischen Hominiden saisonal unterschiedlich war, wobei der Schwerpunkt auf einer aus Früchten bestehenden Nahrung liegt, die mit Samen und anderen harten Pflanzenteilen zerkaut wurde.

Es gibt eine gewisse Anzahl gut erhaltener Schädel von Australopithecus africanus, die genauere Aussagen über Beziehungen zu anderen Arten zulassen. Einige der besser bekannten Stücke gehören STS 5 (Mrs. Ples), ein 2,5 Millionen Jahre alter Schädel eines männlichen Erwachsenen mit einem Gehirnvolumen von 485 ccm, STS 71, ein 2,5 Millionen Jahre alter, männlicher Teilschädel mit einem geschätzten Gehirnvolumen von 428 ccm , STW 505, ein Individuum mit einem geschätzten Gehirnvolumen von 625 ccm, und das Typusexemplar für Australopithecus africanus, dem Taung-Baby. Das Gesicht der africanus Schädel ist eine Mischung aus modernen und archaischen Merkmalen, mit Ähnlichkeiten (und Unterschieden) zu Australopithecus afarensis.

Der Australopithecus africanus wird von verschiedenen Forschern aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Einige sehen in ihm eine regionale Variante - oder Unterart - von Australopithecus afarensis. Andere vermuten, dass es sich um zwei völlig unterschiedliche Arten handelt, und einige meinen, Australopithecus africanus ist der Nachfahre von Australopithecus afarensis. Eine weitere wichtige Frage, die damals, heute und in Zukunft diskutiert werden wird ist die Frage ob das africanus-Material von zwei oder mehr Arten stammt, ob es von einer Art mit ausgeprägtem sexuellen Dimorphismus stammt, oder ob es von einer Art stammt, die sehr variabel war. Es scheint sich die Ansicht durchzusetzen, dass sie den Status der getrennten Arten verdienen, sowohl wegen der Differenzen im Fundmaterial als auch wegen der geografischen Trennung von beiden. Eine weitere sehr wichtige Frage in der Debatte ist, ob und in welcher Verwandschaftsbeziehung Australopithecus africanus zum modernen Menschen steht.

Artikel: Hans-Peter Willig
Quellen:
Raymond A. Dart: Australopithecus africanus: The man-ape of South Africa. Nature, Band 115 (1925), S. 195-199 (Der Artikel als pdf)
Tobias, P.V. 1992. "New researches at Sterkfontein and Taung with a note on Piltdown and its relavence to the history of paleo-anthropology." In Transactions of the Royal Society of South Africa, vol. 48, pp. 1-14.
Johanson, D., und B. Edgar. 2000, Lucy und ihre Kinder . Spektrum akad. Verlag ISBN: 3-8274-1049-5

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