
Die Entdeckung von KNM-WT 17000 (der schwarze Schädel) im Jahr 1986 stellt ein wichtiges Mosaikteil im Gesamtbild der Australopithecinen dar. Über Australopithecus aethiopicus ist immer noch wenig bekannt, da dieser Art bislang nur sehr wenige Fundstücke zuzuschreiben sind. Die anatomischen Besonderheiten der Art liefern jedoch wichtige Einblicke in die mögliche Entwicklungsgeschichte der robusten und grazilen Australopithecinen und deren evolutionärer Beziehung zueinander.
Im allgemeinen zeigt aethiopicus eine Mischung aus ursprünglichen und abgeleiteten (weiterentwickelten) Eigenschaften und die Datierung fällt in eine Zeit, die den Fund als einen bedeutenden Zweig auf dem Stammbaum der Hominiden auszeichnet. Der Schädel besitzt den größten und massivsten Scheitelkamm (Sagittal-Kamm), der je bei einem Hominiden gefunden wurde. Das Gehirn ist mit ca. 410 cm³ relativ klein, das breite, flache Gesicht und der Kiefer wirken äußerst massiv. Da die hinteren Abschnitte des Schädels an die Anatomie von Australopithecus afarensis erinnern, liegt eine Mischung ursprünglicher und weiterentwickelter (abgeleiteter) Merkmale vor. Australopithecus aethiopicus könnte ein Vorfahr von Australopithecus robustus und Australopithecus boisei sein, ist aber eine verwirrende Mischung aus primitiven und fortschrittlichen Zügen.
Beim ersten Fundstück, das dieser Art zugeschrieben wurde, handelt es sich um einen zahnlosen Unterkiefer (Omo 18), der 1967 in Südäthiopien, westlich des Omo Flusses gefunden wurde. Dieses 2,5 Millionen Jahre alte Stück wurde von einer französischen Expedition unter der Leitung von Camille Arambourg und von Yves Coppens ausgegraben. Der Unterkiefer wurde von seinen Entdeckern einer neuen Art zugeordnet, die sie Paraustralopithecus aethiopicus nannten. Sie glaubten, dass der Unterkiefer einen neue Artnamen verdiente, da die V-Form des Stückes - neben anderen Eigenschaften - sie von den anderen robusten Australopithecinen unterschied. Die Entdeckung des Unterkiefers und seine Zuordnung wurde von der damaligen Fachwelt jedoch mehrheitlich ignoriert.
Erst als der Schädel KNM-WT 17000 entdeckt wurde, rückte auch der Omo-Unterkiefer wieder ins Licht des Interesses. Der Name Paraustralopithecus wurde zugunsten der traditionelleren Bezeichnung Australopithecus fallengelassen, aber Arambourg und Coppens Artname aethiopicus wurde beibehalten.
Das allgemein besser bekannte Fundstück wird unter der Katalognummer KNM-WT 17000 geführt, ein fast kompletter Schädel ohne Unterkiefer. Er ist auch als schwarzer Schädel bekannt, da während des Fossilisationsprozesses manganhaltige Mineralien aufgenommen wurden und so dem Fund seine blau-schwarze Farbe gaben. Er wurde in einer 2,5 Millionen Jahre alten Ablagerung westlich des Lake Turkana entdeckt und nimmt eine von den meisten Forschern akzeptierte Schlüsselfunktion in den zahlreichen Stammbaumentwürfen ein. Das Exemplar ist den Schädeln männlicher afarensis recht ähnlich, jedoch besitzt er eine sehr kleine Schädelkapazität (410 cm) und verfügt über eine leistungsfähige Nackenmuskulatur und einem sehr stark entwickelten Kauapparat. Dem Oberkiefer fehlen zwar die Zähne, aber die Größe der Wurzellöcher und des Gaumens lassen vermuten, dass diese sehr groß gewesen sein müssen. Andere Fundstücke zeigen, dass die Zähne des aethiopicus ähnlich wie beim afarensis von dickem Zahnschmelz überzogen waren. Die Kombination eines sehr kleinen Gehirns mit einem vergrößerten Kauapparat führte zur Ausbildung eines riesigen sagitallen Kammes auf der Schädeloberseite, an dem die Kaumuskeln befestigt waren.
Andere Überreste, z.B. Omo 338y-6, wurden nach der Entdeckung von KNM-WT 17000 ebenfalls der Art aethiopicus zugeordnet. Es handelt sich bei Omo 338y-6 um eine 2,39 Millionen Jahre alte, zu einem ca. 10 Jahre alten Individuum gehörende Schädeldecke. Schon dieses jugendliche Exemplar zeigt trotz des geringen Lebensalters bereits die Ausprägung des leistungsfähigen Kausystems.
Das früheste bekannte aethiopicus Material ist ein vermutlich 2,7 Millionen Jahre altes Unterkieferfragment mit der Bezeichnung L55s-33 vom Level C6 in den Omo Ablagerungen nördlich des Lake Turkana. Dieses Stück wurde bis zur Entdeckung des Schwarzen Schädels im Allgemeinen keiner spezifischen Art zugeschrieben, da ein untersuchter Zahn zu klein war, um zu Australopithecus boisei zu gehören, (er hatte nur 83% der Größe des kleinsten bekannten boisei Zahnes) aber er paßte auch nicht so recht zu irgendeiner anderen Art. Der Japaner Gen Suwa, der sich auf die Analyse australopitheciner Prämolare (vordere zweihöckerige Backenzähne) spezialisiert hat, berichtete, dass diese mit einem ungewöhnlich dicken Zahnschmelz überzogen waren und die nicht-quadratische Form der hyper-robusten Australopithecinen aufwies. Er war jedoch nicht imstande, den Premolar einer bestimmten Art zuzuschreiben, und ordnete ihn deshalb einer nicht weiter spezifizierten robusten Australopithecinenart zu. Es scheint jetzt, dass er Recht behält und das Material zu A. aethiopicus gehört.
Australopithecus aethiopicus wurde schon bald nach der Entdeckung des schwarzen Schädels für phylogenetische (stammesgeschichtliche) Betrachtungen wichtig. Er hat gezeigt, dass der Speziesname Paranthropus polyphyletisch und daher unzulässig ist und obwohl einige noch lautstark gegen diese Tatsache argumentieren, wird dies mittlerweile allgemein akzeptiert. In einer der frühesten wichtigsten Analysen behaupten Walker und Leakey (1988), dass der aethiopicus an der unteren Seite der boisei Abstammung zu stehen scheint und dass er ursprünglicher als robustus ist, und daher nicht in einer Ahnenreihe mit diesem steht. Skelton und McHenry (1992) und Lieberman et al. (1996) kamen beide zu dem gleichen Schluss: aethiopicus und Paranthropus weisen unterschiedliche charakteristische Merkmale auf. Beide sehen aethiopicus auf einem Zweig des Stammbaums, der in einer Sackgasse endet.
Artikel: Hans-Peter Willig
Quellen:
Leakey, R. E., Lewin, R. Der Ursprung des Menschen. Auf der Suche nach den Spuren des Humanen . Fischer (S.), Frankfurt (1993). ISBN: 3100432053
Kimbel, W.H., T.D. White, and D.C. Johanson. 1988. "Implications of KNM-WT 17000 for the evolution of "Robust" Australopithecus." In. Evolutionary History of the "Robust" Australopithecine, ed. by F.E. Grine, pp. 259-268. New York: Aldine de Gruyter.
Arambourg, C., and Y. Coppens. 1968. "Sur la decouverte dans le Pleistocene inferieur de la valle de l'Omo (Ethiopie) d'une mandibule d'Australopithecien." In Comptes Rendus des seances de l'Academie des Sciences, vol. 265, pp. 589-590.