Ackerbau und Viehzucht

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Titelbild: © Owio, FOTOLIA
 

Die Weisheit der Jäger und Sammler bestand darin, wie es der amerikanische Anthropologe John E. Pfeiffer einmal ausdrückte, »mit der Natur zu leben«. Es war ein vergleichsweise bequemes Leben, doch es hatte Grenzen: Mehr als etwa zehn Millionen Menschen, die als Jäger und Sammler leben, kann die Natur nicht ernähren. Gegen Ende der Eiszeit war die Zahl der Menschen auf schätzungsweise fünf Millionen Köpfe angestiegen, und fast alle erreichbaren Jagdgründe und Sammelplätze waren damals schon besiedelt.

An besonders begünstigten Orten mit reichlichem, das ganze Jahr über verfügbarem Nahrungsangebot lebten erste dorfähnliche Gemeinschaften. Sie beuteten besonders ertragreiche Muschelbänke an Meeresküsten aus, sie sam- melten die eßbaren Früchte bestimmter, vieltragender Bäume ein, sie ernteten die Samen wildwachsender Gräser. Andere größer gewordene Gruppen folgten Tierherden auf der Wanderschaft, so wie heute noch die Lappen im Norden Skandinaviens hinter den -keineswegs gezähmten - Rentieren herziehen. Ein bescheidener Handel, vor allem mit begehrten Werkzeug-Rohstoffen wie Feuerstein, förderte den Kontakt zwischen einsam lebenden Sippen. Mehr Kontakte bedeuteten auch mehr Austausch von Erfahrungen, größere Gruppen ermöglichten Spezialisierungen -und die kulturelle Entwicklung beschleunigte sich.

Wann und wo freilich Steinzeitmenschen zum erstenmal bewußt Grassamen, Nüsse oder Schoten aussäten, weil sie erkannt hatten, dass daraus fruchttragende Pflanzen werden, ist noch umstritten. Sicher ist, dass vor rund 10.000 Jahren im »Fruchtbaren Halbmond« -dem nahöstlichen Gebiet, das sich von Palästina über Syrien bis ins Zweistromland und ins südliche Persien zieht bereits Weizen und Gerste angebaut wurden.

Da Nutzpflanzen (wie auch Haustiere) in einem langwierigen Ausleseprozeß aus wild vorkommenden Arten herausgezüchtet werden müssen, dürften die Anfänge der Kultivierung einige Jahrtausende früher liegen. So entdeckte der amerikanische Archäologe Fred Wendorf im oberägyptischen Niltal, unweit des Assuan-Staudammes, ausgehöhlte Mahlsteine und Überreste von Gerstenpflanzen, deren Alter auf 17000 Jahre datiert wurde. Mehr noch: Die Gerste unterschied sich schon eindeutig von der Wildform, hatte also schon einen Ausleseprozeß durchlaufen.

Die frühen Bauern im Niltal bildeten allerdings keine größere Dorfgemeinschaft, sondern behielten für rund 7000 Jahre ihre althergebrachte Lebensweise in kleinen, rund 20 Köpfe starken Gruppen bei. Es muß also, wie Wendorf vermutet, andere Anlässe für die Ackerbauer gegeben haben, sich vor 10.000 Jahren in ersten dorf- und stadtähnlichen Siedlungen anzusammeln und damit endgültig »heimisch« zu werden.

Halbwilde Rentiere in Lappland

Die simple Vorstellung, dass ein Steinzeitmensch zufällig ein Samenkorn in den Boden steckte, zufällig die Pflanze daraus wachsen sah und dann diese Entdeckung weitererzählte, trifft jedenfalls nicht zu. Der Übergang vom intensiven Sammeln bestimmter Feldfrüchte ohne vorherige Aussaat zum Ackerbau mit veredelten Pflanzen -bei dem ja ein Teil der Ernte als Saatgut zurückgehalten werden muß - war fließend: Er umfaßte vier oder fünf verschiedene Stadien, die überdies in verschiedenen Regionen der Erde zu verschiedenen Zeiten abliefen - obwohl die Wurzeln land- wirtschaftlicher Aktivitäten in den Kulturzentren der Erde alle zurück in die allerletzte Phase der Eiszeit reichen.

Geschickte Sammler und Sammlerinnen wußten genau, wo und wann sie mit welchen Früchten rechnen konnten - ebenso wie geschickte Jäger intime Kenntnis vom Verhalten ihrer Beutetiere hatten. Manche Jäger- und Sammler- Völker, wie etwa einige Stämme der heute noch in der Steinzeit lebenden australischen Ureinwohner, kultivierten sogar wichtige Pflanzen, ohne deshalb Bauern zu werden: Sie sorgten dafür, dass ihre wild wachsenden Nahrungsquellen ausreichend Wasser bekamen.

Erst mit der Züchtung ertragreicherer Sorten, mit der Aussaat eigens gewonnener Samen begann die »echte« Landwirtschaft wirklich: Wilde Pflanzen und Tiere wurden domestiziert (lateinisch domus = Haus) - mit dem Erfolg, dass manche domestizierte Pflanzen oder Haustiere ohne den Menschen nicht mehr überleben konnten.