Auf der Suche nach Belegen für die Evolution des Menschen waren die Forscher zuerst in Europa fündig geworden - aus einem einfachen Grund: Anderswo war das Interesse an fossilen Menschenknochen noch nicht erwacht. Und so akzeptierte mancher europäische Forscher nur allzugern die schmeichelhafte Vorstellung, sein Heimatland sei die Wiege der Menschheit, wie der Schwindel um den Piltdown-Menschen, der nach aufsehenerregenden Urmenschen-Funden in Deutschland und Frankreich britische Forscher auf den Leim gehen ließ, drastisch illustriert.
Realistischer war da schon die Einschätzung des Eugene Dubois, der im tropischen Südostasien nach dem Bindeglied zwischen Tier und Mensch suchte. Allerdings erwies sich auch Dubois' Java-Mensch als viel zu menschenähnlich, um das langgesuchte missing link sein zu können. Charles Darwin hatte scharfsinnig vermutet, dass der Mensch aus Afrika stammen könnte, weil dieser Kontinent noch heute Heimat für Schimpansen und Gorillas ist. Doch als dann schließlich im Jahr 1925 der südafrikanische Anatom Raymond Dart den ersten vielversprechenden afrikanischen Fund eines »menschenähnlichen Affen« verkündete, schlug ihm vor allem Skepsis entgegen: Der Blick der Fachleute war durch den Piltdown-Menschen getrübt.
Dart hatte die Versteinerung im Jahr zuvor von einem Kalksteinbruch bei der Bahnstation Taung erhalten, einem Ort im Norden der südafrikanischen Kap-Provinz. Zunächst vermutete er einen fossilen Pavianschädel in dem Felsbrocken. Doch nach monatelanger Präparation hatte er den Schädel eines sechsjährigen Kindes vor sich, dessen Kiefer noch ein vollständiger Satz Milchzähne zierte. Das Wesen hatte keine Augenwülste wie ein Affe, und seine Stirn war höher, sein Gehirn größer und sein Kiefer kleiner als bei einem Menschenaffen. Überdies war die Gegend, in dem das Fossil ausgegraben worden war, seit Jahrmillionen trockene Steppenlandschaft und damit kein Platz für waldbewohnende Menschenaffen. Dart lag nächtelang »im Gedankenfieber« wach und versuchte sich klarzuwerden, was er da entdeckt hatte: Affe, Mensch - oder beides?
Am 7. Februar 1925 veröffentlichte die angesehene britische Wissenschaftszeitschrift »Nature« Darts Bericht: Der Fund, schrieb der Südafrikaner, »ist wichtig, weil er eine ausgestorbene Affenrasse als Übergangsform zwischen heute lebenden Menschenaffen und Menschen darstellt«. Dart schlug deshalb »versuchsweise« vor, »diese erste bekannte Spezies der (neuen Affenmenschen-) Gruppe Australopithecus africanus zu nennen«.
Darts »afrikanischer Südaffe« machte als »Taung-Baby« zwar Schlagzeilen, konnte aber nicht die Gunst der Fachwelt erringen. Einzig der schottische Arzt Robert Broom, der sich als Fossilienjäger einen Namen gemacht hatte, unterstützte Dart offen. Doch erst als Broom zwischen 1936 und 1938 in Sterkfontein und Kromdraai nahe der südafrikanischen Metropole Johannesburg weitere Schädel und Knochen vom Typ Australopithecus fand, begannen sich andere Experten an den Gedanken zu gewöhnen, dass es in der Tat vor ein bis zwei Millionen Jahren in Südafrika frühe Vorfahren oder Vettern des Menschen gab: etwa 1,20 Meter große, aufrecht gehende Wesen mit einem nur etwa 500 Kubikzentimeter großen Gehirn.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam eine ganze Reihe neuer menschenähnlicher Fossilien im südafrikanischen Raum ans Licht, die zeigten, dass Australopithecus ein eigenständiges, frühes Mitglied der Menschenfamilie war. Afrika stieg nun zum ersten Anwärter auf den Titel » Wiege der Menschheit« auf. Das »Taung-Baby« und seine Nachbarn, die heute alle zu den beiden Australopithecus-Unterarten africanus oder robustus gezählt werden, waren freilich ebenfalls nicht das missing link, wie Funde im Osten Afrikas zeigen sollten.
Raymond Dart, Senior-Prospektor in Anatomie am University College in London, arbeitete von 1917 bis 1922 unter dem Gehirnspezialisten Elliott Smith, zu einer Zeit also, als die Diskussionen um den Piltdown Menschen in vollem Gange waren. Die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem waren Darts vorrangige Interessen in der Evolutionsforschung. Als er London 1922 verließ, war er aufgrund der Zusammenarbeit mit Elliott Smith besonders gut ausgerüstet, um die Bedeutung der hominiden Fossilien zu erkennen, die er einige Jahre später finden sollte.
Auf Empfehlung von Elliott Smith und Arhur Keith wurde Dart schließlich Anatomieprofessor an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Manche hätten eine solche Position im Alter von neunundzwanzig sicher als schmeichelnd empfunden, die Witwatersrand Medical School war damals allerdings nicht gerade die attraktivste Adresse für einen jungen Anatomen, dessen Interessen in der Neurologie und der menschlichen Evolution lagen. Johannesburg war zu diesem Zeitpunkt immer noch eine Pionierstadt mit Wellblechhäusern, eine Stadt ohne Gesicht. Die Universität hatte ihre Stiftungsurkunde erst drei Jahre zuvor erhalten und der Lehrstuhl für Anatomie war nur deshalb leer, weil der Amtsinhaber durch Intrigen wegen seiner Scheidung zum Rücktritt gezwungen wurde. Dart war nicht gerade ein sehr willkommener Nachfolger. Er war Australier und für das Universitätskollegium war das fast so schlimm wie die Scheidung seines Vorgängers. Der Rektor selbst schrieb, dass er bedauere, dass ein Australier angestellt worden war. Die Auswahl allerdings war wohl eingeschränkt.
Die medizinische Fakultät, die auf ihren neuen Professor wartete, war ein reizloser Ort. Die Ausstattung war katastrophal, es gab keine Bibliothek, kein Museum, keine Sammlung. »Es gab einfach nichts«, schrieb Dart, »nur das, was ich zufällig aus England mitgenommen hatte.« Als er England verließ, fühlte er sich eher wie jemand, der ins Exil geschickt wurde als jemand, den man zum Professor ernannt hatte. In den ersten zwei Jahren in Südafrika scheint Raymond Dart ziemlich unglücklich gewesen zu sein.
Die Ereignisse, die Darts Leben unwiderruflich änderten und der Evolution des Menschen eine bedeutende neue Dimension hinzufügten, nahmen im Frühjahr 1924 ihren Anfang. Darts einzige Studentin, Josephine Salmons, bemerkte einen fossilen Affenschädel auf dem Kaminsims im Wohnzimmer eines Freundes. Sie berichtete dem Professor davon und dieser bat sie, das Exemplar auszuborgen und ihm zur Untersuchung mitzubringen. Dart wußte von keinen Fossilfunden südlicher als Fayoum in Ägypten. (Aegyptopithecus zeuxis) und so weckte dieses Fossil sein besonderes Interesse. Gefunden worden war der Schädel eines Pavians bei Kalksteinsprengungen in der Nähe eines Ortes namens Taung.
Die Fossilien im Steinbruch von Taung waren in Ablagerungen von Höhlen eingebettet, die in Südafrika oft in Tälern zu finden sind, die den Dolomitfels des Inlandplateaus durchschneiden. Aber wie entstanden solche Höhlenablagerungen, und wie kam es zu Fossilansammlungen in ihnen? Die Höhlen im Dolomitfels bildeten sich, als der Wasserspiegel der Flußregionen so hoch war, dass der gesamte Fels mit Wasser bedeckt war. Dieses sickerte durch Risse im Fels und spülte die löslichen Kalziumsalze heraus und formte so Höhlen und Tunnel. Als die Flüsse große Täler durch den Fels schnitten, fiel der Wasserpegel, bis die Höhlen und Tunnel über der Wasseroberfläche lagen und abtrockneten. Der Regen, der durch die Felsspalten fiel, sorgte für weitere Auswaschungen des Kalziumsalzes, das jetzt aber nicht mehr fortgespült wurde, sondern sich im Höhlensystem in Form von Stalagmiten und Stalaktiten sammelte.
Dieser langsame, aber stetige Ablagerungsprozeß konnte die vorher herausgelösten Hohlräume vollständig ausfüllen, doch manchmal wurden sie vorher durch Steinschlag oder Erosion zur Oberfläche hin geöffnet, und Gestein und Abfall konnten hineinfallen und sich mit den anderen Ablagerungen mischen. Tiere konnten dann hineingelangen oder hineinfallen und dort sterben. Ihre Knochen blieben liegen und versteinerten unter perfekten alkalischen Bedingungen, während sich die Höhlen langsam weiter mit Gestein füllten. Ein sich über Millionen von Jahren ersteckender Prozeß von Erosion und Ablagerung hat das Dolomitplateau von Südafrika mit einer Vielzahl von Höhlen mit Ablagerungen voller Fossilien übersät. Diese kommen zum Vorschein, wenn Arbeiter der dort angesiedelten Steinbrüche den Kalkstein sprengen. Es gilt deshalb als sicher, dass unzählige Fossilien in den Kalköfen verbrannt wurden, bevor Darts Bekannmachung über seinen Fund aus dem Jahre 1924 den südafrikanischen Kalksteinhöhlen weltweite Aufmerksamkeit schenkte.
In seinem populären Buch «Adventures with the Missing Link» schildert Dart die Entdeckung des Fossils: Zwei große Kisten mit Gestein, die man ihm aus den Taung-Steinbrüchen hatte schicken lassen, kamen in dem Moment an, da er gerade dabei war, sich für eine Hochzeit in seinem Hause umzuziehen, schreibt Dart. Die Gäste kamen bereits, als er, noch in Hemdsärmeln, hastig die Kisten aufbrach. Der Inhalt der ersten war enttäuschend, doch in der zweiten entdeckte er sofort einen versteinerten Schädelabdruck mit eindeutig hominiden Merkmalen. Er durchstöberte die Kiste und fand Stirn- und Gesichtspartie, die zum Abdruck paßten. «Da stand ich nun in der Dämmerung und hielt das Gehirn an mich gepreßt wie ein Geizhals sein Gold», schreibt er. «Ich war sicher, dass dies einer der bedeutendsten Funde war, die in der Geschichte der Anthropologie jemals gemacht worden waren... Diese angenehmen Tagträume wurden plötzlich vom Bräutigam unterbrochen, der mich am Ärmel zupfte. «Mein Gott, Ray», sagte er und konnte nur mühsam seine Ungeduld und Nervosität verbergen. «Du mußt dich sofort anziehen, oder ich muß mir einen anderen Trauzeugen suchen. Die Braut muß jeden Moment hier sein.»
Ein fossiler Gehirnabdruck, oder um genauer zu sein, ein Endokraniumabdruck, entsteht, wenn sich die Schädelhöhle des Toten, in einer Höhle liegend, füllt, z. B. mit Fledermausexkrementen, Sand, Kalk usw., und diese Füllung zusammen mit dem Schädel versteinert. Bei dem Taung-Exemplar war nur etwa die Hälfte des Schädels gefüllt worden, der Abdruck war nur an der rechten Seite ausgebildet, die linke Hälfte war flach und mit glitzernden Kristallen bedeckt. Endokraniumabdrücke sind ausgesprochen selten. Es gibt fünf aus Südafrika, und das Taung-Exemplar war das erste, das als solcher erkannt wurde. Seine Entstehung allein ist schon bemerkenswert genug; die Tatsache, dass es bei einer so zerstörenden Arbeit wie einer Sprengung entdeckt wurde, ist noch erstaunlicher - dass es aber nach einer derartigen Verkettung glücklicher Zufälle auch noch in die Hände eines der wenigen Menschen geriet, die in der Lage waren, seinen Wert zu erkennen, grenzt an ein Wunder.
Im Laufe seiner Pionierarbeit auf dem Gebiet der Gehirnschalenabdrücke hatte Darts Lehrer am University College, Professor Grafon Elliott Smith, den Halbmondsulcus identifiziert, eine Furche zwischen zwei Windungen an der rückwärtigen Seite des Gehirns. Er stellte die Theorie auf, dass der Abstand zwischen diesem und dem parallelen Sulcus ein bedeutender Indikator für die evolutionäre Entwicklung sei. Bei Affen liegen die Sulci eng beieinander, beim Menschen weiter auseinander. Dart kannte natürlich Elliott Smiths Arbeit und ein erster Blick auf das Taung-Fossil zeigte ihm, dass der Abstand etwa dreimal so groß als bei den lebenden Affen war. Was den Schädelinhalt anging, so war der Abdruck groß für einen Affen, aber weit kleiner, als man es für einen Vorfahren des Menschen für möglich hielt. Trotzdem hatte Dart das Gefühl, »durch reines Glück« mit dem Fossil die Gelegenheit (bekommen zu haben), die möglicherweise ultimative Antwort in der... »Erforschung der menschlichen Evolution zu geben.«
Dreiundsiebzig Tage später (während dieser Zeit hatte Dart mit den unterschiedlichsten Werkzeugen in seiner Freizeit an dem Fossil gearbeitet, so z.B. mit den Stricknadeln seiner Frau) konnte die ganze Form aus dem Fels gelöst werden und das Gesicht des Taung-Exemplars lag frei. Es hatte keine vorspringenden Augenbrauenwülste und kein vorspringendes Kinn wie die Affen. Das große Gehirn - so wurde deutlich - gehörte nicht zu einem erwachsenen Affen, sondern zu einem Kind mit runder Stirn, vollständigem Milchgebiß und ersten Backenzähnen.
Dart hatte das Fossil Mitte Oktober erhalten, um Weihnachten hatte er die meisten Einzelheiten freigelegt und Mitte Januar hatte er einen vorläufigen Bericht geschrieben und zusammen mit Fotos nach London zu Nature geschickt. Darts Möglichkeiten waren während dieser Zeit sehr eingeschränkt. Er hatte ganz allein an dem Fossil gearbeitet, ohne die Hilfe von Kollegen, ohne Spezialliteratur oder Vergleichsexemplare. Hilfreich war nur ein Buch, das er aus England mitgebracht hatte und das einige Zeichnungen von jungen Schimpansen- und Gorillaschädeln enthielt. Er verglich den Taung-Schädel mit diesen Zeichnungen und war überzeugt davon, dass das Fossil sich in einem genauso großen Maße von den beiden unterschied, wie sie selbst untereinander verschieden waren. In der Darstellung dessen, was er herausgefunden hatte, zog Dart kühne Schlüsse aus seinen zwangsläufig eingeschränkten Beobachtungen. Er schrieb, das Taung-Exemplar repräsentiere eine Kreatur, die den Affen in zwei eindeutig humanen Merkmalen überlegen war - den Zähnen und der «verbesserten Qualität» des Gehirns. Die Kreatur hätte Farben unterscheiden können, Gewicht und Gestalt erkennen können, sie kannte die Bedeutung von Tönen und war bereits weit fortgeschritten auf dem Wege zur Sprechfertigkeit. Darüber hinaus deutete er die vorgelagerte Position des Hinterhauptslochs (das Loch in der Schädelbasis, durch das das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden ist) als Beleg dafür, dass der Schädel ähnlich wie beim modernen Menschen mit der Wirbelsäule verbunden war. Die Kreatur mußte also wie der Mensch aufrecht gegangen sein, mit freibeweglichen Händen, die dem Angriff und der Verteidigung dienen konnten - dies hielt Dart auch deshalb für sehr wahrscheinlich, da dem Taung-Schädel «starke Eckzähne und gräßliches Aussehen» fehlten.
Den evolutionären druck, der die Entwicklung dieses Missing Links ausgelöst haben könnte, beschrieb Dart folgendermaßen: Die Kreatur hatte am Rande der Kalahari- Wüste gelebt, zweitausend Meilen vom bequemen Leben der tropischen Wälder entfernt, zu einer Zeit, in der, wie Geologen bestätigen, das Klima genauso extrem war wie heute. Während in den tropischen Zonen, wo die «Natur, die mit verschwenderischer und freigebiger Hand für alle sorgte, eine einfache und langsame Lösung der Existenzprobleme bot, nämlich adaptive Spezialisierung», meinte Dart, dass durch relativen Wassermangel, Raubtiere und den «harten Kampf mit anderen Säugern» um Nahrung Südafrika der ideale Ort gewesen sei, den Geist zu schärfen und die Intelligenz zu entwickeln, zu einer Zeit, die er «die vorletzte Phase der menschlichen Evolution» nannte. Er wertete die anderen Kandidaten für die Ahnenschaft der Menschen ab, indem er auf die schimpansenähnlichen Merkmale des Piltdown-Menschen anspielte und Dubois' Java-Menschen als «eine Karikatur von frühzeitigem hominidem Mißgeschick» bezeichnete, ein affenähnlicher Mensch, der zum Aussterben verurteilt war. Der Taung-Mensch aber repräsentiere «unsere höhlenbewohnenden Vorfahren» zwischen den Affen und dem Menschen. Er schlug eine neue zoologische Familie vor, um das Phänomen einzuordnen, die Homo-simiadiae, und nannte das Taung-Fossil Australopithecus africanus als erste bekannte Gattung und Art dieser Gruppe.
Dart hat gesagt, dass er diesen ersten Bericht «stolz» und mit «einem geschichtlichen Bewusstsein» abgefaßt habe. Als er ihn an Nature schickte, erwartete er zwar Skepsis von den britischen Wissenschaftlern, hoffte aber, zumindestens ernst genommen zu werden. Berücksichtigt man die geradezu elenden unzulänglichen Möglichkeiten in Johannesburg, so hatte er einen Bericht von bemerkenswerter Scharfsichtigkeit zusammengestellt. An einigen Stellen ließ sich Dart zwar eher von inspirativer Interpretation als von kühler wissenschaftlicher Abschätzung leiten und fiel darüber hinaus manchmal in einen etwas blumigen Stil, den man sonst nicht in Nature gewohnt war, trotzdem hielten die Herausgeber den Artikel für wichtig genug, um sich sofort damit auseinanderzusetzen (was an sich schon ein Kompliment ist), und ließen ihn vor der eigentlichen Veröffentlichung von vier der distinguiertesten britischen Anthropologen rezensieren - Sir Arthur Keith, Sir Arthur Smith Woodward, Graf ton Elliott Smith und Dr. W.L.H. Duckworth. Sie erhielten die Kopien des Reports am 3.Februar 1925, hatten aber kaum Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Am Morgen hatte ein Telegramm aus Johannesburg angekündigt, dass Professor Dart dort das Missing Link gefunden hatte, und die Reporter stürzten sich nun auf die Anthropologen, um Kommentare von ihnen zu ergattern. In den folgenden Tagen waren die Zeitungen mit Schlagzeilen über das Missing Link gefüllt. Zwar bemühte sich Sir Arthur Keith, die Diskussion zu dämpfen mit dem Kommentar, dass «wir solche Gerüchte drei- oder viermal im Jahr hören), hatte aber wenig Erfolg damit. «Missing Link 5.000.000 Jahre alt», «Affenmensch aus Afrika hatte gesunden Menschenverstand», «Missing Link konnte sprechen», «Die Geburt der Menschheit), «Missing Link 500.000 Jahre alt», ... diese Schlagzeilen liefen um die Welt, überall erschienen Artikel, in denen Dart sich ausgiebigst über Merkmale und Fähigkeiten des Vorfahren ausließ, der seiner Meinung nach von dem Taung-Fossil repräsentiert wurde.
So wurde Raymond Dart, gerade sechsunddreißig Jahre alt, eine Berühmtheit. Anfragen von Reportern und Glückwunschtelegramme überschwemmten ihn, Verleger bemühten sich um Buchrechte, General Smuts und der Rektor der Universität, die keine Australier mochten, gratulierten ihm beide. Am 14.Februar erschien der erste ernsthafte wissenschaftliche Kommentar, als Nature die vier Rezensionen der britischen Anthropologen veröffentlichte. Obwohl alle vier mehr Ähnlichkeiten mit Affen als mit dem Menschen sahen, waren die Artikel eher wohlwollend. Sie betonten, dass es schwer sei, ein Fossil - besonders ein jugendliches - nur mit Hilfe eines Berichtes und weniger Fotos einzuschätzen. Um Darts Behauptungen richtig bewerten zu können, brauchten sie mehr Material. Sie erwarteten deshalb mit Spannung die Fotos in Originalgröße, Abgüsse und die Monographie, die Dart versprochen hatte. Von den vier Artikeln war der von Sir Arthur Smith Woodward am wenigsten schmeichelhaft. Er endete mit der Bemerkung, dass es bedauerlich sei, dass Dart eine dermaßen «barbarische» Kombination aus Latein und Griechisch gewählt hätte, indem er das Fossil Australopithecus africanus genannt hätte.
Der Name sollte beschreibend sein. Er steht für «der südliche Affe Afrikas» und ist an den Präzedenzfall angelehnt, der 1922 durch Hesperopithecus, den «westlichen Affern», geschaffen wurde. Natürlich weist «Australopithecus» auch auf Darts Heimatland hin; er hat aber immer größtes Erstaunen bekundet, wenn jemand behauptete, er habe den Namen nur deshalb gewählt.
Sieht man einmal von der Namensgebung ab, so war die wichtigste Forderung in den Monaten nach der Entdeckung, dass Dart eine sorgfältige Beschreibung und Abdrücke der Funde mit der gleichen Schnelligkeit liefern sollte, mit der er seinen ursprünglichen Bericht verfaßt hatte. Denn weder seine extravaganten Spekulationen noch das öffentliche Ansehen, das er erhielt, beeindruckten das wissenschaftliche Establishment. Dart war wohl enttäuscht, dass die Reaktionen «eher aus Kritik als aus Bewunderung für ihre potentielle Vorfahrenschaft bestandem». Aber Kritik erfüllt einen wichtigen Zweck, durch den die interpretative Wissenschaft vorangetrieben wird. Ein Wissenschaftler hat also die Verpflichtung, neue Befunde in einer möglichst wissenschaftlichen Weise darzustellen. Dart aber fuhr fort, seine Interpretationen in der populären Presse zu verbreiten. Inzwischen verhärteten sich die Meinungen der Wissenschaftler, die meisten sahen im Australopithecus eine Schimpansenart, deren menschenähnliche Züge einer parallelen Evolution zugeschrieben wurden. Heute wird allgemein angenommen, dass Dart und sein Fund damals vom wissenschaftlichen Establishment ziemlich unfair angegriffen wurden. In der Denkschrift zum fünfzigsten Jahrestag der Entdeckung wird beschrieben, wie das Fossil überall, wo es erwähnt wurde, «Sensationen und Diskussionen» verursachte und sich eine «Lawine aus Spott» über Dart ergoß. Doch wenn wir die Zeit und die Umstände berücksichtigen, waren diese Reaktionen dann wirklich unfair?
Zunächst einmal erweckte Darsts Ruf nicht gerade Vertrauen. Sir Wilfred le Gros Clark beschreibt, dass eine ziemlich unorthodoxe Theorie, die Dart einmal über die Evolution des Nervensystems aufgestellt hatte, noch immer in einigen Köpfen herumspukte und in ihnen die Vorstellung erweckte, Dart zöge aus begrenztem Beweismaterial zu weitreichende Schlüsse. Darüber hinaus stützte sich ein Großteil des Berichts auf den Endokraniumabdruck, und derartige Interpretationen wurden allgemein immer noch mit Mißtrauen aufgenommen. Und schließlich gab es noch «die sich merkwürdig wiederholende Übereinstimmung zwischen Darts Entdeckung und der von Dubois in Java», wie le Gros Clark es nennt. Sowohl Dart als auch Dubois waren Anatomen mit Interesse an der Evolution der Menschheit. Beide gingen ins Ausland und beide fanden wenige Jahre nach ihrer Ankunft ein «Missing Link». Die Zufälligkeit von Dubois' Fund war schon bemerkenswert, dass Dart nun fast das gleiche passiert war, «schien fast zu gut, um wahr zu sein», schreibt le Gros Clark. «Wie auch immer», so fährt er fort, «zusammen mit einigen unschönen Aspekten von Darts Vorabbeschreibung..., schien dies alles die Anthropologen so zu beeinflussen, dass sie die Möglichkeit ins Auge faßten, Dart habe in seinem enthusiastischen Eifer mehr aus dem Australopithecus gemacht, als durch Beweismaterial abgesichert war.»
Schließlich wurden einige Abgüsse vom Australopithecus angefertigt und Dart lieferte eine Beschreibung von Kopf und Schultern des Exemplares. Die Art und Weise, wie sie anschließend in London ausgestellt wurde, trug allerdings wenig dazu bei, seine Stellung zu verbessern. Die Abgüsse waren nämlich nicht dafür vorgesehen, von den älteren Kollegen bewertet zu werden, sondern sollten zur Erbauung der breiten Öffentlichkeit dienen - sie wurden in einem Schaukasten des Südafrikapavillons auf der British Empire Exhibition im Sommer 1925 in Wembley ausgestellt. Als Sir Arthur Keith den Abdruck inspizieren wollte, mußte er in den Glaskasten spähen, angerempelt von drängelnden Besuchern. Über dem Kasten hing ein Transparent mit der Aufschrift «Afrika: Die Wiege der Menschheit», und ein Aushang bekundete, dass alle Menschen sich aus dem Vorfahr, der durch das Taung-Kind repräsentiert wurde, entwickelt hatten. Wieder einmal hatte Dart alle Konventionen verhöhnt, und Sir Arthur war verärgert. Er schrieb an Nature und beschwerte sich darüber, dass den Fachleuten keine Möglichkeit gegeben wurde, Abdrücke zu untersuchen, sondern dass sie nach Wembley fahren mußten, wenn sie das Exemplar ausführlich studieren wollten. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten kam Sir Arthur zu dem Schluß, dass der Taung-Schädel zu einem jungen anthropoiden Affen gehört hätte; er «zeige so viele Ähnlichkeiten mit ...Gorilla und Schimpansen, dass man keine Sekunde zögern könne, das Fossil dieser lebenden Gruppe zuzuordnen». Jeglicher Anspruch auf einen Missing-Link-Status sei absurd, und wenn man ihn als einen Vorfahren der Menschheit bezeichnete, so wäre das, als behaupte man, «ein moderner Bauer aus Sussex sei der Vorfahr von William dem Eroberer». Diese letzte Bemerkung spielte darauf an, dass es Dart nicht gelungen war zu beweisen, das der Schädel nicht, wie manchmal vorgeschlagen wurde, jünger war, als er behauptete. Manche meinten, der Schädel sei jünger als die aus Piltdown oder Heidelberg. Dart bemühte sich, diese Bemerkungen zu entkräften, da er aber nichts Neues vorbringen konnte, schnitt er ziemlich schlecht ab, zumal sein Brief in Nature auf der gleichen Seite abgedruckt wurde, wie eine andere kühle Erwiderung von Sir Arthur.
Danach waren Dart und das Taung-Kind nicht viel mehr als ein schlechter Varietéwitz, während sich die Fossilforschung auf Dubois' Java-Fossilien und hominide Funde aus China stützte. In Südafrika konzentrierte sich Dart auf den Aufbau der medizinischen Fakultät von Witwatersrand. Er veranlaßte keinerlei weitere Höhlenerforschungen und suchte auch selbst nicht mehr nach weiteren Überresten des Australopithecus, vervollständigte aber die Taung-Monographie.
1930 schickte er das Manuskript an Elliott Smith zur Bewertung durch die Royal Society. Er selbst folgte ein Jahr später mit der Hoffnung, jeden davon überzeugen zu können, dass der Australopithecus wirklich das war, wofür er ihn ausgab. Er kam auf den Tag genau, sechs Jahre nachdem die erste Ankündigung in Nature erschienen war, in London an. Er brachte das Fossil mit und beugte sich endlich der Konvention. Leider kam dieser Schritt zu spät, um noch überzeugen zu können.
Zwar nahmen ihn Elliott Smith, Smith Woodward und Keith herzlich genug auf, waren aber mehr daran interessiert, ihm von dem Schädel zu erzählen, der kurz zuvor in China gefunden worden war, als die alte Taung-Geschichte zum x-ten Mal zu hören. Elliott Smith war gerade aus China zurückgekehrt und sollte vor der Zoological Society einen Vortrag über diesen Besuch halten. Er lud Dart ein, ihn zu begleiten und bei dieser Gelegenheit über das Taung-Kind zu sprechen. Dart stimmte sofort zu, endlich war er in der Lage, seinen Fall richtig darzustellen. Doch das Resultat war enttäuschend. «Dies war nicht der Rahmen, um Behauptungen zu verteidigen, die einst gewagt, jetzt aber ziemlich abgedroschen waren», schrieb er.
«Ich stand in diesem strengen, kühlen Raum, mein Herz schlug aufgeregt in der Hoffnung, dass die höflich interessierten Mienen der etwa achtzig Leute vor mir durch meinen Vortrag lebendigem Interesse weichen würden. Ich wußte, dass meine Darbietung eher ein Anti-Höhepunkt war, trotzdem begann ich meine Geschichte mit ungebrochenem Optimismus... Doch was für ein trauriger Unterschied zwischen diesem erbärmlichen Versuch und Elliott Smiths perfekter Demonstration. Ich hatte weder Gipsabdrücke noch Lichtbilder, um meine Darstellung zu untermauern. Ich konnte nur da vorne stehen, mit dem winzigen Schädel in der Hand, und dem Publikum erzählen, was ich darin sah -und all das war natürlich schon vorher veröffentlicht worden, mit Illustrationen... Mein Vortrag wurde immer eingeschüchterter, als ich merkte, wie unzulänglich mein Material war und wie unverändert das Publikum blieb ...»
Dart erlebte in jenem Jahr in London wenig Erfreuliches und kurz bevor er abreisen wollte, teilte man ihm mit, dass die Royal Society nur den Teil seiner Monographie veröffentlichen würde, der die Zähne des Australopithecus behandelte. Warum der Rest zurückgewiesen wurde, weiß man nicht, obwohl Sir Wilfred le Gros Clark vermutete, dass der Stil nicht angemessen war. Sir Wilfred hat sich auch darüber gewundert, «warum nicht einer der älteren Anatomen, die damals in London waren, ihm mit Rat und Hilfe zur Seite stand und ihm bei einer publizierbaren Neufassung der Monographie behilflich waren. »
Sir Arthur Keith hatte einen Abdruck des Exemplars erhalten und bereitete etwa hundert Seiten über den Taung-Schädel vor, die in der bearbeiteten Fassung seines Buches New Discoveries Relating to The Antiquity of Man (Neue Entdeckungen zur Frühzeit des Menschen) (1930) erscheinen sollten; der österreichische Anatom Wolfgang Abel veröffentlichte ebenfalls hundert Seiten über das Fossil in einem europäischen Journal. Beide Autoren widersprachen Darts Interpretation. Keith stellte eine Verbindung zum Schimpansen her, Abel bevorzugte den Gorilla. Ein dritter Autor, Louis Leakey, verstärkte die Zweifel an Darts Behauptungen dadurch, dass er den Australopithecus in seinem 1934 veröffentlichten Buch Adam's Ancestors (Adams Vorfahren) erst gar nicht erwähnte.
Das Schlimme war, dass Dart zwar die richtigen Schlußfolgerungen gezogen hatte, diese aber eher von Spekulationen als von irgend etwas anderem inspiriert waren, denn es gab kaum Belege, die seine Theorie bestätigen konnten. Das Fossil konnte sehr wohl einen Vorfahren des Menschen repräsentieren, aber es zeigte auch viele affenähnliche Merkmale. Außerdem handelt es sich um ein jugendliches Exemplar, was eine endgültige Diagnose fast unmöglich machte, da sich bei allen Primaten die Jungen stark von den Erwachsenen unterscheiden und die Jungen verschiedener Arten sich stärker ähneln als Erwachsene verschiedener Arten. Mehr als alles andere brauchte Dart zusätzliche Belege fossiler Natur, um seine Theorien zu bekräftigen. Sicher gab es noch genug in den südafrikanischen Höhlenablagerungen, aber Dart entschloß sich, nicht danach zu suchen.
Das Witwatersrand Education Department bot ihm im Jahre 1925 Geld und Zeit an, damit er reisen könne, um seine Monographie unter Zuhilfenahme von Sammlungen und Bibliotheken fertigzustellen. Er lehnte ab, da er sein Heim und die Anatomieabteilung nicht für so lange Zeit verlassen wollte, außerdem mißfiel ihm die Bedingung, den Taung-Schädel der Universität zu stiften. Heute ist das Fossil Bestandteil der ständigen Ausstellung der Universität und Raymond Dart bedauerte später, dass er das Angebot damals zurückwies und nicht um die Welt reiste, um für seinen Australopithecus Unterstützung zu suchen. «Es hat keinen Sinn, vorn zu sein, wenn man schließlich doch nur einsam ist», sagte er. Es ist genauso bedauernswert, dass in den zehn Jahren, in denen Dart allein dastand, unzählige Australopithecus-Exemplare mit größter Wahrscheinlichkeit in den Kalköfen landeten. Aber damals interessierte das natürlich niemanden.
Artikel: Hans-Peter Willig