Der Neandertaler - Woher er gekommen ist

Im August 1856 hatten sich Arbeiter daran gemacht, die Feldhofer Grotte im Neandertal mit Pickel und Schaufel auszuräumen. Niemand ahnte etwas Besonderes als sie plötzlich ein paar alte Knochen in den Händen hielten, und so warfen sie die Knochen zusammen mit dem anderen Schutt auf die Abraumhalde – bis auf eine Hand voll. Aus irgendeinem Grund begann der Steinbruchbesitzer, ein gewisser Felix Beckershoff, sich für diese alten Knochen zu interessieren und konnte einige wenige retten: Arm- und Unterschenkelknochen, ein Stück Beckenknochen, ein Schädelfragment. Zum Glück war Beckershoff mit Johann Carl Fuhlrott bekannt, dem Gründer der dortigen naturwissenschaftlichen Gesellschaft. Als Fuhlrott die Fragmente sah, wollte er seinen Augen nicht trauen. Was für Knochen waren das? Dieser flache Schädel mit dem gewaltigen Augenbrauenwulst; wie sollte man den erklären?

Beinahe 150 Jahre später - Ende der 1990er - schultern zwei junge Archäologen von der Universität Köln Spaten und Spitzhacke, um im Neandertal nachzugraben. Vielleicht, sagen sie sich, gibt es dort noch mehr und unentdeckte Knochen vom Neandertaler. Sie werden fündig; mehr noch, es stellt sich heraus, dass die neuen Knochen zu den alten passen.

«Eine völlige Überraschung», so berichtet Ralf Schmitz: «wir haben das gar nicht für möglich gehalten». Er und Jürgen Thissen haben am 21. Januar 1999 um 13 Uhr ein 1-Mark-Stück großes Stück gefunden, das an der Knochenkollektion des alten Neandertalers angesetzt werden konnte. Dieses Stück ist möglicherweise durch einen Spitzhackenhieb eines Arbeiters von 1856 abgetrennt worden und im Neandertal liegen geblieben. Dieses kleine Stück war für die beiden Wissenschaftler der Beleg, dass sie die alte Fundstelle wieder entdeckt hatten. «.... und die Freude können Sie sich sicher vorstellen, und da haben wir erst einmal richtig zünftig gefeiert».

Ralf Schmitz und Jürgen Thissen
Ralf W. Schmitz (rechts) und Jürgen Thissen war es 1997 gelungen, den historischen Neandertaler-Fundplatz bei Mettmann wiederzufinden. Foto: dpa

Über den Neandertaler wird international ziemlich viel geforscht und viele Wissenschaftszweige arbeiten hier zusammen. Viele Bücher sind bisher erschienen und keine Zeitschrift lässt sich das Thema entgehen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Kein Frühmensch hat so viele Knochen hinterlassen. Wie er ausgesehen haben muss, kann man sich inzwischen relativ gut vorstellen. Hunderte von Fundstellen erzählen aber auch sonst viel über den Neandertaler und sein Leben zwischen den Eiszeiten der letzten 200.000 Jahre. Andererseits gibt er immer noch Rätsel auf, große Rätsel sogar. Wo kam er her? Warum sah er so aus, wie er aussah? Kein anderer Frühmensch hatte diesen gedrungenen Körperbau, diese wulstigen Gesichtszüge. Und: warum ist er so spurlos verschwunden?

Warum erschien der Neandertaler vor ungefähr 230.000 Jahren auf der Bildfläche, hielt sich über viele zehntausend Jahre, gelangte von Westeuropa bis nach Zentralasien und den Nahen Osten und eroberte sich Lebensräume mit unterschiedlicher Flora und Fauna nur, um dann plötzlich von der Erdoberfläche zu verschwinden?

Könnten wir diese einzige Frage beantworten, dann wüssten wir genau, was uns moderne Menschen eigentlich von allen sonstigen Lebewesen unterscheidet. Was wir in uns haben, das die Bezeichnung «sapiens» rechtfertigt. Den Neandertaler kennt jeder in der einen oder anderen Form. Andere Frühmenschen weniger. Was hat der Neandertaler also so Besonderes an sich?

«Der Neandertaler ist so interessant für uns, einerseits weil es vergleichsweise viele Skelettfunde gibt, andererseits weil er zeitlich so eng mit uns verbunden ist», meint Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neandertal-Museums Mettmann, « und so versuchen wir auch immer wieder, an ihm unsere eigene Geschichte zu erkennen. »

Wir modernen Menschen sind zwar nicht eng mit ihm verwandt, trotzdem steht er uns nahe, und zwar auf eine zwiespältige Art. Er war der Inbegriff des halb affenartigen Vorfahrens, eingehaart, ungehobelt, gewalttätig, immens stark und kulturlos. Dieses Bild kam nicht von ungefähr. Die ersten Gelehrten, die sich über seine Knochen gebeugt hatten, glaubten, irgendetwas zwischen Affen und Menschen vor sich zu haben. Darwin hatte ja gerade in seinem Buch über die Entstehung der Arten doziert, der Mensch stamme vom Affen ab. Mit dem Neandertaler glaubten die einen, das Zwischenglied zwischen Affe und Mensch entdeckt zu haben. Andere konnten sich von der Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht verabschieden. Der Mensch als etwas Einzigartiges auf der Welt, als Krone der Schöpfung: sollte der schöne Traum zu Ende geträumt sein? Also machte man den Neandertaler, ohne viel von ihm zu wissen, zum Wüstling, damit der zivilisierte Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts sich entsprechend edel dagegen abhebe. So mußte der Neandertaler seinen breiten Schädel für etwas hinhalten, wofür er nichts kann.

Gerd Weniger vermutet, dass - auch unter Wissenschaftlern - das Bild des Schöpfergottes immer noch in den Köpfen der Menschen ist. Dieses steht aber im Gegensatz zur Darwin’schen Theorie der Evolution und daran knüpft sich die Problematik an, dass wir halt nicht die Krone der Schöpfung, nicht Gottes Ebenbild, sondern ein ganz banaler, gewöhnlicher Teil der Biosphäre sind. Dieser alte Schöpfungsmythos steckt noch in vielen drin, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen, und es tut natürlich weh, nach 2.000 Jahren Christentum anerkennen zu müssen, dass man ein ganz normales Lebewesen ist und aus dem Tierreich stammt. Natürlich unterscheiden wir uns von anderen Lebewesen, aber diese Unterscheidung sind letzten Endes nur Übergänge. Der Mensch ist biologisch nichts grundsätzlich Neues oder Anderes. «Das ist es, was Darwin gelehrt hat, und das ist die große Kränkung, die er vielen zugefügt hat», erzählt Weniger.

Woher ist er aber nun gekommen, der Neandertaler? Weniger meint dass es ein allmählicher, unwillkürlicher Ausbreitungsprozess war, der damit zusammenhängt, dass der Neandertaler nomadisch unterwegs war und dass es z. B. bei lokalen Lebensveränderungen sinnvoll war, bestimmte Regionen zu verlassen und neue aufzusuchen. So könnten Tierherden, die der Neandertaler bejagt hat und von denen er zumindest jahreszeitlich profitiert hat, ihre Wanderwege verändert haben und dass sich die Neandertaler diesen Wanderwegen angepasst haben.

Und die Menschen haben zu allen Zeiten Spuren auf ihren Wanderungen hinterlassen. Im Durchzugskorridor im Nahen Osten - die Passage zwischen Afrika und dem Rest der Welt - gibt es Funde, die bis auf ein Alter von 2,2 Millionen Jahre zurückgehen, und in Südostasien gibt es Fundmaterial, das 1,8 Millionen Jahre alt sein soll. Es gibt den berühmten Fund aus Dmanisi, Georgien, der bis zu 1,6 oder 1,7 Millionen Jahre alt sein könnte, so dass man davon ausgehen kann, dass Auswanderungen aus dem afrikanischen Bereich erfolgt sind.

So wanderte auch Homo erectus von Ostafrika nach Asien, später auch nach Europa. Die meisten Spuren verloren sich in den unendlichen Weiten Asiens; nur ein paar bogen im Kaukasus nach links ab, erreichten Europa und wurden dort heimisch. Mehr als ein paar Tausend werden es nicht gewesen sein. Sie zogen als Jäger und Sammler in den vielen unterschiedlichen Landschaften zwischen Südspanien und dem Ural herum. Ab etwa einer Million Jahre gibt es auch Funde und Fundplätze in Europa, so z.B. aus dem italienischen Ceprano oder die Atapuerca-Funde aus Spanien. Es handelt sich dabei um Gruppen von Menschen, die sich im europäischen Bereich etabliert und, möglicherweise mit Zuwanderungen, über eine lange Zeit völlig separiert entwickelt haben. Diese Menschen stammen vermutlich vom afrikanischen Homo ergaster ab. Ob diese ersten Europäer späte Erscheinungsformen des Homo erectus waren oder eigene Arten, etwa Homo heidelbergensis, kann man heute schwer entscheiden. Jedenfalls stehen die Fachleute vor einem gewaltigen zeitlichen Loch. Aus der Spanne zwischen 800.000 und 300.000 Jahren vor unserer Zeit sind bisher keine Knochen gefunden worden. Um 200.000 taucht dann der Neandertaler auf – geradezu plötzlich, denn von seinen Vorfahren ist noch nichts entdeckt worden.

Jörg Orschiedt, Archäologe am Neandertalmuseum, meint dazu: «Wir haben zunächst mal das Problem, dass wir den Erscheinungszeitraum, das erste Auftreten des Neandertalers sehr, sehr schwer fassen können. Wir haben das Problem, dass wir es hier hauptsächlich mit Funden zu tun haben, die von den späten erectus-Formen stammen, vor allem durch diese Fundstelle in Spanien, in Atapuerta, Sima de Los Huesos, eigentlich recht gut belegt im Zeitraum von 300.000 und 200.000 Jahren. Dort kann man schon einige Merkmale erkennen, die auch bei den Neandertalern da sind. Wir haben dann die ersten frühen Neandertaler, die treten etwa um 200.000 vor heute auf, das lässt sich so genau nicht einordnen.»

So tritt der Neandertaler ohne rechten Stammbaum aus dem Dunkel der Vorgeschichte hervor. Zwar gibt es von keinem anderen Frühmenschen so viele Fossilien, aber im Ganzen sind es nur wenig Puzzlesteine, um sich daraus ein Bild von einem Menschenschlag zu machen, der fünfmal so lange existiert hat wie der moderne Mensch bisher. Es ist die Aufgabe der Archäologen und Anthropologen ein Gesamtbild zu rekonstruieren, doch trotz neuester Methoden und trotz Einbindung vieler Wissenschaftsdisziplinen, die immer stärker auch im archäologischen Bereich wichtige Daten liefern, ist das Gesamtbild vom Neandertaler immer noch schemenhaft.

Weniger schemenhaft allerdings ist das Verbreitungsgebiet des Neandertalers. Im Neandertal-Museum hängt eine eurasische Karte, auf die rote Punkte mit Knochen-Fundstellen eingetragen sind. Diese Verbreitungskarte des Neandertalers zeigt große Bereiche, die von Spanien bis östlich des Kaspischen Meers reichen, im Süden den Sinai und den nördlichen Teil von Saudi-Arabien einschließen und im Norden bis zu den Rändern der Eiszeitgletscher reichen, die - ganz grob gesagt - entlang der norddeutschen Küste verlaufen. Der Neandertaler hat also einen breiten Streifen auf der nördlichen Halbkugel besiedelt, der seinerzeit das am nördlichsten besiedelte Gebiet überhaupt war. Das erklärt unter Umständen auch die besondere Körperform der Neandertaler. Sie waren die Menschenform, die zu Beginn der letzten Eiszeit am weitesten im Norden gelebt hat und deswegen möglicherweise so kräftig und robust war, weil das als Anpassung an die Kälte zu Beginn der letzten Eiszeit zumindest sehr sinnvoll gewesen sein kann. Im Zuge der weiteren Entwicklung des Klimas ist es allerdings so kalt geworden, dass dieser unter Umständen sehr energieaufwändige Körper sich nicht mehr bewährt hat und deswegen eine grazilere Körperform bei kälter werdendem Klima günstiger war.

Artikel: Hans-Peter Willig

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