Über die eigentümliche Gestalt des Neandertalers haben sich schon viele Fachleute den Kopf zerbrochen. Rundlich, gedrungen, muskelstrotzend, gut durchblutet. So einen Körperaufbau findet man heute nur noch bei sibirischen Völkern und den Inuit. Dass sie so besser mit dem arktischen Klima zurechtkommen, liegt auf der Hand.
Um die Bronchien der Lungen zu schützen, so wird oft argumentiert, hatten die Neandertaler besonders lange Nasen. So wurde der kalte Luftstrom beim Einatmen vorgewärmt. Auch ist durch anthropologische Studien belegt, dass in arktischen Gebieten wo Wärmeverlust zu Erfrierungen führen kann, es besonders günstig ist, einen Körper mit größtmöglichem Volumen bei kleinstmöglicher Körperoberfläche zu haben. Im Extremfall wäre dies eine Kugelform. Das wird natürlich zwangsläufig wegen Armen und Beinen nicht erreicht werden, aber Neandertaler hatten sehr gedrungene Körper mit einem relativ großen Gewicht und einem relativ großen Volumen, so dass der Wärmeverlust eingedämmt war. Hier zeigt sich wieder, dass die Neandertaler in vielen Merkmalen eigenartig waren, was noch nicht heißt, dass sie eine eigene Art waren.
Die Anpassung an das extrem kalte Klima der Eiszeiten in Europa und Asien ist eine recht plausibel klingende Erklärung für den außergewöhnlichen Körperbau des Neandertalers. Kein Frühmensch vor ihm und keiner nach ihm hatte ein so wuchtiges und klobiges Erscheinungsbild. Aber: leider funktioniert die Theorie nicht ganz!!! In der Zeitspanne des Neandertalers, also zwischen 200.000 und 30.000 Jahre vor unserer Zeit, gab es nämlich nicht nur eisige Epochen. Forscher haben mindestens 16 verschiedene Klimaschwankungen in den letzen 120.000 Jahren ausgemacht. Erst seit den letzten 10.000 Jahren hat der moderne Homo sapiens eine recht stabile Klimaphase erlebt. Das hat es in den 120.000 Jahren davor nicht gegeben. «Wenn in den Alpen Lawinen abgehen oder wenn Deiche brechen, erscheint uns das schon als Riesenkatastrophe. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was in der letzten Eiszeit geschehen ist. Das heißt der Rhythmus der Klimaveränderung, das ist dort viel, viel stärker, als wir uns das heute vorstellen können» sagt Gerd Christian Weniger, Direktor des Neandertaler-Museums in Mettmann.
Wegen des kalten Klimas hat der Neandertaler also nicht den eigentümlichen Körperbau besessen. Bei einem so raschen Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeit wäre es nicht ideal, nur auf Kälte eingestellt zu sein. Vor 40 bis 50.000 Jahren hat sich das Klima zunehmend verschärft, das Kältemaximum wurde vor ca. 20.000 Jahren erreicht. Möglicherweise wurde es zu diesem Zeitpunkt für den Neandertaler sehr eng, denn einerseits war er mit seinem kräftigen, robusten Körper widerstandsfähig gegen die Kälte, andererseits benötigte aber eben dieser Körper sehr viel Energie. Ab einem bestimmten Niveau der Klimaveränderung war es dann nicht mehr vorteilhaft, einen solchen robusten, und energetisch aufwändig zu unterhaltenden Körper zu besitzen. »Wenn die Ressourcen knapper werden, ist es sinnvoll, dass man weniger Energie verbraucht, und da war diese robuste Neandertaler-Konstruktion unter Umständen von Nachteil», sagt Gerd Christian Weniger.
Ist also der Neandertaler ausgestorben, weil es am Ende doch zu kalt für ihn wurde? Weil er sein Körperöfchen nicht heiß genug bekam? Weil es in den verschneiten und vereisten europäischen und vorderasiatischen Tundrawüsten nicht mehr genug Nahrung für ihn gab? Das wäre eine Ironie des Schicksals: Ausgerechnet der am besten an die Kälte angepasste Menschentyp, der Neandertaler, geht an der Kälte ein. Viele mögen an diese Theorie so recht nicht glauben. Sie argumentieren, dass alles, was wir über den Neandertaler wissen, ihn als kreatives, anpassungsfähiges Wesen zeigt. Er konnte mit Feuer umgehen. Er lebte in einfachen Behausungen sowie in Höhlen und trug warme Kleidung aus Tierfellen. Der Neandertaler war ein Menschentyp, der seine Umwelt manipulierte, statt ihr zum Opfer zu fallen.
Und doch haben die Neandertaler nicht überlebt. Das ist das große Rätsel der Neandertaler: Warum sind sie so plötzlich verschwunden? Sind sie an Kälte und Schwäche eingegangen? Hat sie der moderne Mensch auf dem Gewissen? Der erste Völkermord in der Geschichte? Es gibt eine Unzahl von Theorien. Sie reichen von Virenepidemien und Kindersterblichkeit bis zum Kälteschock. Bewiesen ist nichts, und es wird, wie es aussieht, auch kaum je etwas bewiesen werden können. Möglich sind nur Annäherungen und plausible Wahrscheinlichkeiten.
In den Naturwissenschaften kommen die Theorien heute vielfach aus den Vereinigten Staaten. Dort ist auch folgende Vorstellung entstanden, die griffig « Out of Africa» genannt wird. Vor über einer Million Jahren sind erste Menschen aus Afrika ausgewandert – der Homo erectus, der aufrecht gehende Mensch– und nach Asien, später auch Europa gelangt. Nach etlichen hunderttausend Jahren hat sich daraus eine Sonderform, der Homo sapiens neandertalensis entwickelt. Vor gut hunderttausend Jahren haben erneut Menschen Afrika verlassen und sich dieses Mal über die ganze Welt ausgebreitet. Es waren sehr weit entwickelte Typen, viel moderner als etwa die Neandertaler und die anderen Frühmenschen. Deswegen konnten die modernen Menschen, deren Urenkel wir sind, diese eher altertümlichen Artgenossen, die sie allenthalben antrafen, verdrängen, vernichten, wie immer. So weit die «Out of Africa»-Theorie.
Doch viele Archäologen lesen aus ihren Fundstätten heraus, dass moderner Mensch und Neandertaler sich kulturell kaum voneinander unterschieden haben. Worin soll also der moderne Mensch dem alteingesessenen Neandertaler überlegen gewesen sein? «Außerdem darf man den Heimvorteil nicht unterschätzen...», sagt Jörg Orschiedt, Archäologe am Neandertalmuseum: «Jäger und Sammlergruppen, die schon seit Jahrtausenden in einem Gebiet leben und da natürlich über Informationen und Traditionen verfügen, also die Landschaft sehr gut kennen, sind natürlich Neuankömmlingen gegenüber ganz entscheidend im Vorteil. Das ist also nicht so einfach zu erklären durch ein Überrollen oder Verdrängen der Neandertaler-Populationen durch den modernen Menschen.» Andererseits ist die Geschichte voll von Eroberungs- und Niederwerfungsdramen. Hoch entwickelte Kulturen wie die der Inka, Azteken und Maya sind untergegangen, ausgerottet von Konquistadoren, einer ebenso hoch entwickelten Kultur, die aber ungleich aggressiver und goldgieriger gewesen ist. Die Beispiele ließen sich fast endlos fortsetzen.
Die «Out of Africa»-Anhänger vermuten: Der moderne Mensch hat die Neandertaler mit Distanzwaffen unterworfen, so wie die Spanier die lateinamerikanischen Kulturen mit überlegener Waffentechnik niedergemetzelt haben. Doch die Archäologen schütteln den Kopf: dafür finden sich in den entsprechenden Ausgrabungsstätten keine Beweise. Dagegen wieder «Out of Africa»: Der moderne Mensch war sozial besser organisiert als der Neandertaler. Dazu wieder die Archäologen: Das kann so gewesen sein oder auch nicht; es lässt sich weder beweisen noch widerlegen.
Womit wir (wieder) bei den Siegern angelangt wären. Sie müssen die Neandertaler nicht unbedingt ausgerottet haben. Genauso denkbar ist auch, dass sie die Alteingesessenen durchsetzt und langsam verdrängt haben. So wie die Römer Etrusker und Iberer und die christlichen Europäer in Amerika die Indianer und die Indios, bis auf spärliche Reste, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt haben. Und wie es die Chinesen jetzt in Tibet tun. Die Eroberer sind immer die Stärkeren, Aggressiveren, sonst wären sie keine Eroberer: hart und kompromisslos. Aber auch bei dieser Theorie bleiben viele Fragen offen. Allein der Zahlenvergleich: Von den Neandertalern lebten zu einem Zeitpunkt vielleicht einige Zehntausende in Europa und Asien. Wenn tatsächlich moderne Menschen aus Afrika ausgewandert sind, dann waren das höchstens ein paar Tausend. Militärisch geschickter oder nicht, zahlenmäßig wären sie den Neandertalern hoffnungslos unterlegen gewesen. Oder friedlicher argumentiert: Warum mussten sie sich überhaupt bekriegen? Für diese paar versprengten Sippen wäre auf dem riesigen eurasischen Kontinent allemal genug Platz.
Doch es zieht seit je den Menschen zum Menschen, sofern der andere nicht gar zu fremd und garstig aussieht. Dann ist die Frage: Wie weit haben es Neandertaler und moderne Menschen miteinander gebracht – lokal, sozial, sexuell? Im Nahen Osten, vor allem in Palästina, lebten Neandertaler und moderne Menschen über 60.000 Jahre neben-, vielleicht sogar miteinander. Sie lebten an ähnlichen Fundplätzen und aus den archäologischen Hinterlassenschaften lassen sich kaum Unterschiede feststellen. Wenn man an einer Fundstelle aus der Zeit vor 100.000 bis 50.000 Jahren in der israelischen Levante Ausgrabungen durchführt, dann kann man an den kulturellen, archäologischen Hinterlassenschaften nicht eindeutig bestimmen, ob das eine Fundstelle des Homo sapiens oder des Homo neandertalensis ist?
Spannend ist die Frage, ob man sich denn auch sexuell nahe gekommen ist. Dann hätten nämlich auch wir, die späten Nachfahren, noch Neandertaler-Blut in unseren Adern. Genetiker haben den Oberarmknochen eines kroatischen Neandertalers aufgesägt und darin noch Reste uralten Genmaterials, so genannter DNA, Desoxyribonukleinsäure, gefunden. Die chemische Zusammensetzung, die so genannten Basen, haben sie entschlüsselt und mit denen moderner Menschen verglichen. Was dabei herausgekommen ist, erläutert der Archäologe Ralf Schmitz von der Universität Köln: «Wenn man zwei Menschen, die heute auf der Welt leben, miteinander vergleicht, dann haben diese Menschen eine Abweichung von acht Basen und beim Neandertaler im Vergleich mit einem modernen Menschen sind das 27 Basen. Das heißt, der Neandertaler fällt zwar nicht ganz aus der Variationsbreite des modernen Menschen heraus, liegt aber doch sehr weit am Rande dieser Variationsbreite, so dass sich die Frage erhebt, ob er unser Vorfahre gewesen sein kann.»
Irgendwie war dieses Ergebnis eine Enttäuschung. Nur wusste keiner so richtig warum. Vielleicht wäre es einfach befriedigender gewesen zu wissen, mit einem alteingesessenen, kräftigen Geschlecht verwandt zu sein als mit nervösen, ruhelosen Leuten, die ständig von einem Kontinent zum nächsten auf Achse sind.
Inzwischen sind auch die Gene eines Neandertalers mit einem modernen Menschen aus gleicher Zeit vergleichend untersucht worden. Wieder hat sich keine Verwandtschaft ergeben. Das muss aber alles noch nicht viel heißen. Damit man mit einiger Berechtigung sagen kann: “die” Neandertaler sind mit “dem” modernen Menschen nicht näher verwandt, müssten die Gene von Hunderten Neandertalern untersucht werden.
«Was sagen diese genetischen Unterschiede letztlich aus?», fragt sich Weniger: «Da gibt es auch eine Vielzahl von Humangenetikern heute, die aus ihren Erfahrungen sagen: eine Variabilität im Gengut allein sagt über historische Prozesse von Populationen überhaupt noch nichts aus, weil: auch die genetischen Veränderungen haben eine Geschichte. Unser Ziel muss es jetzt sein, zusammen mit den Paläogenetikern diese Geschichte zu schreiben, denn die ist noch nicht entdeckt.»
Es geht aber auch ganz ohne «Out of Africa», sprich ohne Verdrängung oder Ausrottung des Neandertalers durch den modernen Menschen, sagen zumindest Fachleute, die sich selbst Multiregionalisten nennen. Sie glauben: es hat nur eine Auswanderung gegeben, nämlich die des Homo erectus vor gut einer Million Jahren. Aus dem habe sich der Neandertaler und aus diesem der moderne Mensch entwickelt. Vor allem chinesische Forscher bestehen darauf, dass es in Ostasien eine Kontinuität gibt von den späten erectus-Formen bis zum modernen Menschen. Es sind Forscher, die nicht so laut auftreten, darunter Archäologen und Anthropologen, die diese Theorie mit ihnen vorliegenden Daten und anhand von Skelettmerkmalen glauben, belegen zu können.
Diese Theorie löst offenbar alle Probleme. Wirklich alle? Fast alle, denn den genetischen Abstand zwischen Neandertalern und modernen Menschen kann sie nicht erklären. In nur 30.000 Jahren, vom Ende des Neandertalers bis heute, verändern sich die Gene nicht so rapide, wie die Ergebnisse es gezeigt haben. Aber die Gen-Probe war halt auch nicht repräsentativ. So beenden wir mit Brechts Worten:
“Am Ende sehen wir betroffen:
Vorhang zu und alle Fragen offen.”