Wir wissen heute, dass Neandertaler nicht nur im technologischen Bereich hervorragende Steinwerkzeuge hergestellt haben; wir haben inzwischen Hinweise auch aus neuester Zeit, dass sie Knochen- und Geweihgeräte hergestellt haben; wir wissen, dass sie große Lagerplätze angelegt haben. All das hat man über viele Jahrzehnte dem Neandertaler immer abgestritten: „Dazu war er nicht in der Lage, er hatte keine vorausschauende Strategie, um sich seinen Lebensrhythmus im Lauf eines Jahres einzuteilen, sondern lebte zufällig von der Hand in den Mund.“ Diese Behauptungen sind inzwischen alle widerlegt. In den letzten Jahren stellt sich in der Tat immer deutlicher heraus: Da ist lange Zeit ein falsches Bild von unseren kräftigen Verwandten der Eiszeit gezeichnet worden, und das kam mehr einer Karikatur als der Realität nahe.
In der Zwischenzeit sind etliche neue Lagerplätze entdeckt worden, an denen sich Neandertaler aufgehalten haben. Die Archäologen, die die Fundstücke untersuchen, kommen zu dem Ergebnis: Die Menschen damals müssen zum Teil erstaunliche Kulturtechniken beherrscht haben. Inzwischen sind an die tausend Plätze entdeckt worden, wo sich Neandertaler aufgehalten und viele Dinge des Alltags hinterlassen haben. Archäologen wie Gerhard Bosinski, Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Neuwied, spüren solche für einen Laien oft unscheinbaren Gegenstände auf und finden daran Erstaunliches.
Bosinski erzählt von einer regelrechten Werkzeugindustrie: Die übliche Bearbeitungstechnik der Neandertaler (Mousterien) ließ sich nicht an jedem beliebigen Stein anwenden, sondern es muss homogenes, gut spaltbares Material sein und deswegen gibt es Steinbearbeitungswerkstätten an besonders geeigneten Gesteinsvorkommen. Das können Feuersteine sein, berühmt sind Werkstattplätze in Flussschottern, wo viele Feuersteine liegen, das können auch, wie etwa im Kaukasus, Obsidianvorkommen sein. An solchen Werkzeugplätzen wurden die Steinartefakte in großem Stil hergestellt und dann zu den Siedlungsplätzen mitgenommen.
An den Feuerstellen der Neandertaler sind viele Tierknochen liegen geblieben. Der Archäologe blickt auf ihren abgegessenen Tisch. Da ist offenbar alles gejagt worden, dessen man habhaft werden konnte, vom Mammut über Bisons, Auerochsen und Riesenhirsche bis zu Feldhase, Igel und Vogel. Sehr große Säugetiere können Neandertaler nur mit einer entsprechenden Jagdtaktik erlegt haben. Ohne gegenseitigen Zuruf ist das nicht zu machen, also müssen sie in irgendeiner Weise miteinander gesprochen haben.
Gerhard Bosinski ist dabei aber noch etwas aufgefallen: Fundplätze im Rheinland, in Rheinhessen, in Wallertheim, in Codoulouse, Südfrankreich oder im Kaukasus-Vorland belegen, dass dort Jagd in solchem Ausmaß betrieben wurde, dass dies nur sinnvoll wäre, wenn es auch Konservierungsmöglichkeiten gibt. Man kann also an diesen Fundplätzen auf eine Vorratswirtschaft von Fleisch schließen.
Plausibel ist das während der Eiszeiten. Die Jäger hätten demnach den gefrorenen Boden aufgehackt und die Schlachttiere dort wie in eine Gefriertruhe eingelegt. Ob sie Fleisch getrocknet oder geräuchert haben, weiß man nicht, denkbar ist es aber. Gepökelt hatten sie noch nicht, denn in der Mittleren Steinzeit gab es noch keinen Salzabbau.
Die Neandertaler haben von 200.000 bis 30.000 Jahren vor unserer Zeit gelebt. Das waren 170.000 klimatisch sehr wechselhafte Jahre in Europa und Asien. Ein Menschenschlag, der sich so lange und offensichtlich so effizient halten konnte, muss optimal an seine Umweltangepasst gewesen sein. «Und sozial gut organisiert», erzählt der Archäologe Ralf W. Schmitz vom Rheinischen Landesmuseum Bonn: «Die Menschen zu dieser Zeit waren körperlich sehr stark beansprucht, was auch bleibende Spuren im Skelettmaterial hinterlassen hat. Es lassen sich Mangelerscheinungen diagnostizieren, wie etwa Vitaminmangel, aber auch schwere Verletzungen. Es gibt einige Neandertaler, die so schwer verletzt waren, dass sie alleine sich nicht mehr hätten ernähren können. Das legt den Schluss nahe, dass sie von ihren Gruppenmitgliedern versorgt worden sind und dass da das Soziale im Gemeinwesen durchschimmert.
Die ersten Knochen des Neandertalers kamen in der Feldhofer Grotte im Neandertal nahe Düsseldorf 1856 zum Vorschein. Vermutlich stammen sie aus einem Grab. Über die religiösen Inhalte solcher Kulte, wenn es denn solche gewesen sind, können die Archäologen nur spekulieren. Aber es gibt Hinweise, die in Richtung Ahnenkult gehen, womöglich haben die Neandertaler ihre Toten verehrt, damit sie sie vor bösen Dämonen und anderem Unheil schützen. Die Anlage eines Grabes ist im weitesten Sinn eine unnütze Angelegenheit; sie bringt materiell keinen Vorteil, sondern macht nur Arbeit; und erklärbar ist sie nur mit religiösen Vorstellungen.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang ein Fund, der vor zehn Jahren in der Kebara-Höhle in Palästina gemacht wurde. Dort hat man das Grab eines Neandertalers entdeckt. Es handelt sich dabei um ein bemerkenswert vollständiges und gut erhaltenes Skelett, nur der Schädel fehlt. Der Unterkiefer ist jedoch noch da und ein bisschen weiter lag ein Oberkieferzahn. Das heißt, ursprünglich ist der Tote, ein Mann, bestattet worden, und nach einer gewissen Zeit hat man das Grab geöffnet und mit großer Sorgfalt den Schädel herausgenommen. Es gibt einen zweiten Fall, in Regourdou, Südfrankreich, da hat man den Finder verdächtigt, den Schädel geklaut zu haben. Das erklärt sich jetzt besser, weil der Fund aus Kebara auf eine besondere Verwendung, auf eine besondere Wertschätzung des Schädels hinweist, und dass nicht jeder Schädel, der isoliert an einem Fundplatz auftaucht, von einem erschlagenen Feind stammen muss.
Viele Forscher wollen den Neandertaler jetzt rehabilitieren, nachdem ihre Vorgänger ihn so lange für einen ungehobelten Vierschrötling gehalten hatten. Manche behaupten gar, was die kulturellen Fertigkeiten angeht, gebe es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Neandertaler und modernem Menschen. Demnach müssten die Neandertaler auch gemalt haben. Ansätze dazu sieht Archäologe Gerhard Bosinski: «Wir haben rote und schwarze Farbstückchen mit Abreib-Spuren, die an einigen Fundplätzen recht häufig auftreten. Man hat aus ihnen also Pulver hergestellt und das macht nur Sinn, wenn man es mit Wasser zu einer Farbe anrührt. Was hat man damit gemacht? Bilder, die man damit gemalt hat, kennen wir nicht. Aber irgendwas hat man damit bemalt, vielleicht sich selber.»
1994 kam seit Jahrtausenden wieder Licht in eine Höhle, die alles, was man bisher an Höhlenkunst gekannt hat, in den Schatten stellt. In der Grotte Chauvet nahe des südfranzösischen Avignon donnern Büffel über die Prärie, grasen kleine Pferde, tapsen Bären, erheben sich Vögel mit mächtigen Schwingen zum Himmel, senken Nashörner drohend ihr Haupt, schläft eine Eule, schleicht ein Panther durchs Gras und führen Mammuts einen Zweikampf auf. Die Kohlezeichnungen von Pferden und Urrindern sind so plastisch und naturgetreu geraten, dass es bald hieß: Das sind Fälschungen. Aber es ist angeblich alles echt. Und das Beste ist: Es handelt sich um die frühesten bisher entdeckten Malereien; sie sind bis zu 37.000 Jahre alt. Die Neandertaler sind erst 10.000 Jahre später ausgestorben.
Haben sich also Neandertaler hier verewigt? Zeitlich wäre es möglich. Allerdings hätte man dann zum ersten Mal Neandertaler-Kunst vor sich. Aber irgendwann, könnte man sagen, ist es immer das erste Mal. Die Archäologen jedoch haben die Chauvet-Malereien quasi automatisch dem jungsteinzeitlichen Menschen zugeschrieben, also dem modernen Nachfolger des Neandertalers in Europa – so, als trauten sie dem Neandertaler dergleichen gar nicht zu. Doch da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Die Grotte Chauvet wird immer noch untersucht. Dazu gehören nicht nur die Felszeichnungen, sondern auch Fußspuren und Reste von Lagerstätten. Vielleicht tauchen also noch Überraschungen auf.
Mit einiger Sicherheit haben die Neandertaler aber gesprochen. Ihre Werkzeuge und Waffen legen das nahe. Die sind so kompliziert herzustellen, dass der Jungneandertaler sich die Technik nicht einfach vom Vater abschauen konnte. Der musste dazu schon einiges erklären.
Kronzeuge für die Sprechfähigkeit ist ein einziges Zungenbein, das Archäologen in der israelischen Höhle von Kebara entdeckt haben. Das Zungenbein sitzt zwischen Unterkiefer und Kehlkopf und unterstützt die Zunge bei der Artikulation von Wörtern. Das Exemplar von Kebara ist von dem des heutigen Menschen nicht zu unterscheiden. Rein anatomisch hätte der Neandertaler also sprechen können. Hatte er aber auch das Köpfchen dafür? Gehirne von Neandertalern sind nach mindestens 30.000 Jahren natürlich nicht überliefert. Aber Fachleute finden an der Innenseite von Schädelknochen gelegentlich Abdrücke des Gehirns. An denen können sie erkennen, welche Hirnregionen wie weit entwickelt waren, meint Jörg Orschiedt, Archäologe am Neandertalmuseum: «Was Neandertaler sicher besitzen, sind beide Sprechzentren, das Broca’sche und das Wernecke-Zentrum. Das heißt, die Grundvoraussetzung für Sprechfähigkeit ist vorhanden. Man kann sie lokalisieren mit ihrer spezifischen Form, so dass die Sprachfähigkeit mit Sicherheit vorhanden ist.»
Auch hier wieder: Die physiologischen Voraussetzungen zum Sprechen sind beim Neandertaler vorhanden. Ob er seine Hirnwindungen zum Artikulieren und Wörterlernen auch benutzt hat, kann niemand beschwören. Der Archäologe Winfried Henke von der Universität Mainz rät jedenfalls zu Vorsicht: « Philipp Tobias, ein sehr ehrenwerter und hoch reputierter Wissenschaftler, hat einmal gesagt: He could say and he could do, und ich bin sehr nahe an seiner Meinung, dass wir nicht darüber reden sollten, was wir nie hören werden. Alle anatomischen Untersuchungen am Kebara-Bein zeigen, dass die anatomischen Voraussetzungen gegeben sind. Und ob uns die Paläoneurologie darüber Erkenntnisse verschaffen wird, wie weit die mentalen Leistungsfähigkeiten da waren, ist mit einem großen Fragezeichen versehen.»
Artikel: Hans-Peter Willig