Wo Fakten durch Fantasie ersetzt werden müssen, da läßt sich treffend spekulieren. Und da die Paläoanthropologie aus »extrem armseligen Beweisstücken weitreichende Schlüsse mit emotionaler Bedeutung für viele Menschen ziehen muß«, erscheint es der amerikanischen Wissenschafts-Zeitschrift »Science« oftmals »schwierig, bei den in diesem Feld tobenden Kontroversen das Persönliche vom Wissenschaftlichen zu trennen«.
Anlaß für die im August 1981 veröffentlichte Bemerkung des renommierten Blattes war ein damals anhaltender Zwist um den Ursprung des Menschen zwischen den beiden erfolgreichsten Urmenschenknochen-Entdeckern der 1970er Jahre: zwischen Richard Leakey aus Kenia und dem Amerikaner Donald Johanson . Die beiden fast gleichaltrigen, damals 37 Jahre alten Kontrahenten hatten sich nach anfänglicher Freundschaft gründlich entzweit. Denn Johanson hatte es zusammen mit seinem Partner und Landsmann Tim White im Januar 1979 gewagt, die Menschenfamilie nach 15jähriger Pause um eine neue Spezies zu erweitern: um Australopithecus afarensis.












Zwischen 1973 und 1977 sind bei internationalen Expeditionen in den Schluchten und Nebentälern des Hadar-Flusses im Afar-Gebiet in Nordost-äthiopien 250 hominide Fossilien gefunden worden. In den ersten Ankündigungen dieser bemerkenswerten Entdeckungen schlugen Johanson und seine Kollegen vor, dass es drei hominide Arten unter den Afar-Fossilien gäbe: eine kleine, von der sie glaubten, dass es sich um Australopithecus africanus handelte, eine große, die Australopithecus robustus sein könnte, und eine dritte, von der sie glaubten, sie repräsentiere Homo. Und Homo vor drei Millionen Jahren wäre natürlich auch »der älteste Mensch«.
Die Fossilablagerungen der Afar-Region fielen zuerst dem französischen Geologen Maurice Taieb 1967 auf, als er Forschungen für seine Dissertation in jener Gegend betrieb. Das Afar-Dreieck ist eine aufgebrochene Senkung in der Erdkruste und ist deshalb für Geologen so interessant, weil es das afrikanische Rift Valley mit den Spaltsystemen des Roten Meeres und des Golfs von Aden verbindet. Es ist als geologisches Spannungsgebiet bekannt und hat bedeutende Informationen über die Struktur tektonischer Erdplatten und die Ursprünge der Kontinente geliefert.




















1967 fand Taieb ein zerklüftetes Terrain vor, das er zu erforschen begann. Die Ablagerungen der Afarsenke waren durch geologische Verwerfungen aufgebrochen worden, hatten sich geneigt und Flüsse hatten Täler durch die Ablagerungen hindurchgeschnitten. Einer dieser Flüsse ist der Hadar, der die jahreszeitlich bedingten Fluten aus dem äthiopischen Hochland zum größeren Awash-Fluß transportierte und ein gewundenes Tal, ähnlich einem Kanal mit bis zu 140 Meter Tiefe aus den Sedimenten ausgehöhlt hat. So wurden an seinen Ufern und Schluchten die versteinerten Überreste der vielen Lebewesen freigelegt, die am Ufer eines alten Sees gelebt hatten und gestorben waren.
Taieb nahm Johanson 1972 mit in diese Region, um das paläontologische Potential dort einzuschätzen. Es war nur ein kurzer Ausflug, aber trotzdem fanden sie genug guterhaltenes Fossilmaterial von ausgestorbenen Tieren, das daraufhin deutete, dass die Schichten bis zu drei, ja vielleicht vier Millionen Jahre alt waren - älter also als Olduvai und Ost-Turkana, und somit eine wahrscheinliche Fundregion für Fossilien, die die frühen Stadien der menschlichen Evolution repräsentierten. Johanson bemerkte sofort, dass die Afar-Ablagerungen eine einzigartige Möglichkeit für die Suche nach menschlichen Ursprüngen boten. »Es war wie ein Traum, den man greifen konnte«, sagte er. Mit Taieb stellte er sodann Pläne für eine großangelegte Forschungsexpedition auf, die die Region 1973 erkunden sollte.
Die erste International Afar Research Expedition (IARE) begann ihre Arbeit unter der gemeinsamen Leitung von Yves Coppens, Donald Johanson und Maurice Taieb im Spätsommer 1973. Zuerst schien alles nach dem bekannten Schema einer Feldforschung abzulaufen: Wochenlange geologische und stratigraphische Aufzeichnungen, Sammeln und Registrieren von fast 6000 Fossilien von ca. 40 verschiedenen Wirbeltierarten usw. usw. - jedoch fand man keine Homininen, nicht einmal einen einzigen Zahn. Am 30. Oktober aber, als seine Gruppe die Vermessungen einer kleinen Schlucht vervollständigte, fand Johanson vier Teile eines homininen Beinknochens. Zwei davon gehörten zusammen und bildeten ein perfektes Kniegelenk (A.L. 129-1) . Die Fossilien stammten aus Ablagerungen, die über drei Millionen Jahre alt waren. Das Individuum, dem das Kniegelenk einmal gehörte, war ein sehr kleiner Erwachsener gewesen, aber zweifelsohne konnte er oder sie aufrecht gehen. Johanson hatte den ältesten schlüssigen Beweis für die Zweibeinigkeit der frühen Homininen gefunden.
Was diese Entdeckung versprach, wurde im nächsten Jahr (1974) bestätigt. Innerhalb einer Woche nach Errichtung des IARE-Lagers am Ufer des Awash fand Alemayehu Asfaw (ein Mitarbeiter des Ethiopian Antiquites Department) das Fragment eines hominiden Kieferknochens, in dem noch zwei Zähne steckten. Tags darauf fand Asfaw ein vollständigeres Exemplar und dann noch eins. Am nächsten Tag fand der Lagervorsteher namens Melissa ein viertes. »Unglaublich«, berichtete Johanson später, »in drei Tagen vier hominide Exemplare, die vier Individuen repräsentierten«. Das bemerkenswerteste daran war eine Gaumenplatte mit sämtlichen sechzehn Zähnen. Nicht nur der hervorragende Zustand, sondern besonders die Kombination von primitiven und modernen Merkmalen war außerordentlich. Im Vergleich zu den hinteren Zähnen waren die Vorderzähne relativ groß, wie bei einem modernen Menschen, doch zwischen Eck- und Schneidezähnen war eine Lücke, wie sie die Affen haben (Affenlücke). Die Zahnreihen standen eher parallel als in einem Bogen zueinander, der Gaumen war flach - nach Johansons Meinung waren dies alles Merkmale, die an einen Schimpansen erinnerten. Er glaubte, dass eine solche Kombination von affen- und menschenähnlichen Charakteristika noch nie dagewesen war, und arrangierte die Veröffentlichung der Entdeckung bei einer Pressekonferenz in Addis Abeba: »Wir haben in gerade mal zwei Tagen unser Wissen über die Gattung Homo um fast 1,5 Millionen Jahre erweitert. Jede frühere Theorie über den Ursprung jener Linie, die zum modernen Menschen führt, muß nun völlig neu überarbeitet werden. Die Gattung Homo ging bereits vor drei bis vier Millionen Jahren aufrecht, aß Fleisch und benutzte wahrscheinlich Werkzeuge, um Tiere zu jagen.«
Diese Ankündigung schien jedoch den anderthalb Gaumen, zwei Unterkiefern und dem Kniegelenk mehr Bedeutung zuzumessen, als die meisten Experten zu akzeptieren bereit waren. Der Behauptung, den »ältesten Menschen« gefunden zu haben, wurde bald darauf von Richard Leakey entgegengehalten, dass ein relativ großes Gehirn als Beweis vorliegen müsse, bevor man ein Fossil der Gattung Homo zuordnen könne.





















Johanson kehrte also zu den Ausgrabungen zurück und gegen Mittag des 24. Dezember bemerkte er das Fragment eines Armknochens, das aus einem Abhang herausragte, den er flüchtig mit seinem Kollegen Tom Gray untersuchte. Auf den ersten Blick hätte es ein Affenarm sein können, aber, obwohl klein, fehlte ihm der charakteristische knochige Flansch, den Affen an dieser Stelle haben. »Mein Puls begann zu rasen«, schreibt Johanson später, »plötzlich hörte ich mich sagen, „das ist hominid“ «. Mehrere andere Fragmente lagen etwas höher am Abhang und dann: »merkten wir beide plötzlich, dass wir ein Skelett gefunden hatten. Ein außergewöhnliches Skelett ... die schreckliche Hitze war vergessen. Tom und ich schrien, umarmten einander und tanzten wie zwei Verrückte unter der Mittagssonne«.
In den folgenden drei Wochen wurden insgesamt etwa vierzig Prozent eines Skeletts ausgegraben. Die Beckenknochen zeigten, dass das Individuum weiblich gewesen war, und die Weisheitszähne deuteten auf ein Lebensalter von etwa zwanzig Jahren hin, als es starb. In der Liste der IARE-Sammlung wird das Fossil als A.L. 288-1 Partial Skeleton geführt. Doch diese formale Katalognummer taucht nur in akademischen Zeitschriften und Abhandlungen auf. Sonst heißt es - sowohl in Publikationen als auch in Diskussionen - Lucy, nach dem Beatles Song »Lucy in the Sky with Diamonds«, den der Kassettenrekorder des Lagers in diesen Tagen öfters über die Afar-Senke schallen ließ. In der Mythologie der Popmusik heißt es, die Beatles schrieben dieses Lied, um die »Hochgefühle« zu beschreiben, die sie damals gelegentlich erlebten: Die Anfangsbhstaben von »Lucy in the Sky with Diamonds« sollen auf LSD verweisen. So könnte man sagen, dass Johanson und sein Team ein »High« in der paläoanthropologischen Forschung erlebt hatten, und von daher ist der Name vielleicht ganz passend. Doch der Name, den die äthiopischen Arbeiter wählten, klingt respektvoller: »Denkenesh - du bist wundervoll«.
Lucy war der Star der Pressekonferenzen, die gegen Ende der Grabungssaison 1974 abgehalten wurden. Doch Johanson war sehr zurückhaltend, was die Einordnung zu einer bestimmten Gattung betraf. Er sagte nur, es handele sich entweder um »einen kleinen Homo oder um einen kleinen Australopithecinen«. Möglicherweise wollte er vorerst weitere Auseinandersetzungen mit Richard Leakey vermeiden, der Ihren Behauptungen von 1973, Exemplare eines Homo gefunden zu haben, widersprochen hatte, da sie keine Hirnschale dazu präsentieren konnten.
Die Afar-Expeditionen der Jahre 1973 und 1974 waren so erfolgreich gewesen, dass man für die Grabungen 1975 vielleicht eine Enttäuschung erwartet hätte, aber das Gegenteil war der Fall. »Jeder Tag brachte neue Entdeckungen«, erinnert sich Johanson später. Und so machte man auch einen Fund, der insgesamt aus 197 Teilen bestand! Es waren aber nicht nur Fragmente, sondern genug Stücke, um Männer, Frauen und Kinder - vielleicht eine Familie - identifizieren zu können, die vor drei Millionen Jahren gemeinsam ums Leben gekommen waren. Dieser Fund war einmalig - die früheste Gruppe zusammengehöriger Individuen, die je entdeckt wurde: Kiefer, Zähne, Beinknochen, Dutzende von Hand- und Fußknochen, Wirbel, Rippen, Knochenfragmente von Erwachsenen und ein Teil eines Kinderschädels.
Die Sammlung war ziemlich unproportioniert, aber es schien, als hätten mindestens dreizehn Individuen beiderlei Geschlechts und verschiedenen Alters an dieser Stelle das Zeitige gesegnet. Maurice Taieb meinte, dass sie möglicherweise von einer Springflut überrascht wurden, als sie sich in einem Flußbett aufhielten. Man kennt in dieser Gegend jene plötzlichen Fluten in ausgetrockneten Flußläufen, die von weit entfernten Gewittern und Wolkenbrüchen herrühren. Johanson hat diese Deutung später mehrmals aufgegriffen, aber andere Experten hielten sie für unwahrscheinlich. Doch wie auch immer die Knochen dahin gekommen waren, wo das IARE-Team sie fand, Johanson war sich sicher, dass sie die Gattung Homo repräsentierten, über drei Millionen Jahre alt waren und deshalb schlüssige Beweise des »ältesten Menschen« darstellten.
In einem Artikel der National Geographic mit dem Titel äthiopien liefert die älteste Menschenfamilie beschreibt Donald Johanson die versteinerten Afar-Homininen als »Entdeckungen, die neue Kapitel in den Annalen der Suche nach dem Frühmenschen schreiben«. Er ordnete Lucy zwar den Australopithecinen zu, doch die Fossilien der »ersten Familie« gehörten seiner Meinung nach eindeutig zur Gattung Homo. Und worauf stützte sich dieses Urteil? »Nun ja, zunächst lieferten die Zähne einige Anhaltspunkte, und dann waren die Knochen allgemein größer als Lucys«, sagt Johanson; unter ihnen fänden sich Charakteristika, die Homo sehr ähnlich waren. Beispielsweise glichen die Fußknochen denen eines modernen Menschen und die Handknochen konnten, mit modernen Knochen kombiniert, zu einer völlig modernen Hand rekonstruiert werden. Unglücklicherweise gab es keine Schädelfunde, die den Beweis eines großen Gehirns erbracht hätten, nach denen Kritiker wie Richard Leakey verlangten. Doch unter den Afar-Fossilien fand Johanson einen Unterkiefer, von dem er sicher war, dass er zu KNM-ER-1470 passen würde - Leakeys Anwärter für den Titel des »ältesten Menschen«.
1974, als Johansons Team noch versuchte, Beweise für Homo in Afar zu sammeln, kam eine vorläufige Bestätigung aus einer entfernten und unerwarteten Ecke. Während einer Feldbegehung in Laetoli, Tansania, hatten Mary Leakey und ihr Sohn Philip einige hominide Fossilien in jenen Fossilschichten gefunden, die Louis Leakey und sie bereits vor vielen Jahren durchsucht hatten. Diese neuerlichen Versteinerungen stammten aus Ablagerungen, die über 3,5 Milllionen Jahre alt sind. Sie umfaßten mehrere einzelne Zähne, einen jugendlichen sowie einen erwachsenen Unterkiefer, der dem Stück aus dem 2000 Kilometer entfernten Afar erstaulich ähnelte, obwohl er mindestens eine halbe Million Jahre älter war.
Mary Leakey und Donald Johanson trafen sich bei der ersten Gelegenheit, um die Afar- und Laetoli-Stücke vergleichen zu können. Betrachtet man die Entfernung, die sie sowohl zeitlich als auch räumlich trennte, war ihre ähnlichkeit verblüffend. Mary Leakey und Johanson stimmten darin überein, dass unter den größeren Exemplaren die Homo-Merkmale überwogen. Da Mary Leakey sich als Archäologin verstand und sich nicht für qualifiziert genug hielt, um eine formale Beschreibung der Laetoli-Fossilien zu verfassen, bat sie Tim White, der auch in Laetoli gearbeitet hatte, diesen Job zu übernehmen. White war mit Johanson gut bekannt und der war gerade dabei das Afar-Material zu beschreiben. Da beide Fossilsammlungen sich so ähnlich waren, konnten gemeinsame Diskussionen zwischen White und Johanson nur von Nutzen sein, und so war es vermutlich unvermeidlich, dass die Laetoli- und Afar-Fossilien in einer einzigen Veröffenlichung zusammengefaßt wurden und das gesamte Material einer neuen Homininenart zugeordnet wurde. Dazu mehr weiter unten.
Als Mary Leakey Tim White bat, das Laetoli-Material zu beschreiben, war sie ziemlich sicher, dass es zwei verschiedene Arten zu benennen gäbe. Ihrer Ansicht nach waren alle Laetoli-Exemplare Homo, und selbst ihre Kritiker schienen ihr zuzustimmen, dass die großen und kleinen Afar-Exemplare zwei unterschiedliche Arten repräsentierten. Doch als Johanson, White und ihr französischer Kollege Yves Coppens anfingen, die Fossilien zu analysieren und mit anderen Sammlungen zu vergleichen, sahen sie sich gezwungen, die Folgerungen, die vorher so eindeutig schienen, zu revidieren. Die Studien ergaben nämlich, daß nur eine einzige Art in Afar und Laetoli existiert hatte. Die Individuen aus beiden Ablagerungen waren morphplogisch gesehen identisch, und der Größenunterschied, der anfangs zwei Arten vermuten ließ, lag einzig und allein am geschlechtsspezifischen Dimorphismus - also sehr große männliche und sehr kleine weibliche Individuen - innerhalb einer Gruppe.
So wie sie die evolutionäre Bedeutung der Afar- und Laetoli-fossilien verstanden, kamen Johanson und White zu dem Schluß, daß die Mischung von Homo und Australopithecus-Merkmalen nur auf einen gemeinsamen Vorfahren beider hindeuten kann, doch wie sollte man so ein Wesen nennen? Die Belege, so schlossen sie, verlangten nach einer Zuordnung zur Gattung Australopithecus. Doch welcher Art sollte man sie zuordnen? Einige Charakteristika, wie etwa die primitiveren Zähne, verdienten eine Abgrenzung von den bekannten Australopithecus - Arten. Also schufen sie für ihre Fossilien eine neue Art - Australopithecus. Als Holotypus (Typusexemplar) ihrer neuen Art wählten Johanson und White den adulten Unterkiefer aus Laetoli, der zwar weniger gut erhalten war als ein ähnliches Exemplar aus Afar, aber bereits von White beschrieben und veröffentlicht worden war. Damit erreichte Australopithecus ein maximales Alter von 3,7 Millionen Jahren.
Johanson und White dachten darüber nach, wo und wie die neue Art der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte. Zunächst dachten sie an eine sorgfältig vorbereitete Pressekampagne, doch dann entschloß man sich, die Ankündigung bei einem Nobel-Symposium über den Frühmenschen, das unter der Schirmherrschaft der Königlichen Schwedischen Akademie im Mai 1978 stattfand, zu verlesen. Bis dahin blieb der Australopithecus ein wohlgehütetes Geheimnis. Die Reaktionen auf die neue Art waren zwiespältig: Richard Leakey etwa gefiel der Gedanke an einen neuen Vorfahren der Homo-Linie überhaupt nicht und Phillip Tobias hielt eine Unterartendifferenzierung für angebrachter - etwas ähnliches wie Australopithecus africanus tanzanensis .... Die populärwissenschaftliche Resonanz war aber durchweg positiv - hier hat Anstoß zu einem Buch, einer Fernsehsendung und mehreren Artikeln gegeben.
Die Kritik der Wissenschaft aber konzentrierte sich auf zwei Punkte: Erstens, ob es stichhaltig sei, das Afar- und Laetoli-Material zu einer einzigen Art zusammenzufassen - bestanden die Fossilien nicht mindestens aus zwei Arten? fragten die Kritiker. Und zweitens wurde die Frage gestellt, ob das Material überhaupt spezifisch genug war, um eine neue Art zu rechtfertigen - konnte es nicht einer bereits existierenden Art von Homo oder Australopithecus zugeordnet werden?
Nach angemessener Betrachtung kam Phillip Tobias zu dem Schluß, dass Australopithecus aufgrund beider Kritikpunkte nicht stichhaltig war. Mindestens fünfzehn der Charakteristika, die Johanson und seine Mitarbeiter als diagnostisch für die neue Art angeführt hatten, kämen ebenfalls beim Australopithecus africanus vor, berichtete er bei einer Versammlung der Royal Society im März 1980. Die Bezeichnung Australopithecus sollte formell beseitigt werden, verlangte Tobias, und die Fossilien sollten in Australopithecus africanus ethiopicus für die Afar-Fossilien und in Australopithecus africanus tanzanensis für die Laetoli-Fossilien umbenannt werden. Das bedeutete, dass er eine Unterartenzuordnung nur nach geographischen Gesichtspunkten verlangte. In der anschließenden Dabatte wurde Tobias allerdings darauf hingewiesen, dass ein solches Auslöschen von Bezeichnungen nach dem internationalen Code der zoologischen Nomenklatur nicht möglich sei. Da der Name Australopithcus nun einmal existiere, könne man ihn nicht einfach wieder wegwünschen.
Mary Leakeys Reaktion auf die neue Art war ziemlich zurückhaltend. Sie konnte ihr nicht zustimmen und als sie erfuhr, dass die Veröffentlichung ihren Namen als Mitautorin tragen sollte, verlangte sie, dass er gestrichen werden sollte. Sie wiederholte ihre Überzeugung, dass die Laetoli-Fossilien und die großen Exemplare aus Afar der Gattung Homo zugeordnet werden sollten, aber sie stimmte auch Tobias` »Klage« bei der Royal Society zu, obwohl sie seine Vorliebe für Australopithecus nicht teilte. In ihrer eigenen Ansprache drückte sie ihr Bedauern darüber aus, dass »der Laetoli-Mensch jetzt dazu verdammt war, für alle Zeit Australopithecus genannt zu werden«.
Auch Richard Leakey lehnte die neue Art ab. Zusammen mit Alan Walker griff er Johansons und Whites Theorie auf phylogenetischer Basis an und bestand darauf, dass Johansons erste Interpretation, nämlich Homo, korrekt war. Er meinte, es gäbe zwei deutlich unterschiedliche Arten in den Afar- und Laetoli-Sammlungen, die eine Art repräsentiere die Vorfahren von Homo, die andere die Vorfahren von Australopithecus. Dies würde beweisen, so Leakey, dass die beiden hominiden Linien nebeneinander im Afar-Becken vor drei Millionen Jahren existiert hätten, genauso wie sie in Ost-Turkana vor anderthalb Millionen Jahren nebeneinander existiert hätten. Tatsächlich sah Leakey in den Afar-Fossilien den Beweis für seine Theorie, wonach Homo und Australopithecus nicht näher miteinander verwandt waren und lediglich in ferner Vergangenheit - vor sechs oder sieben Millionen Jahren - einen gemeinsamen Vorfahren hatten.
Die Tatsache, dass die Fossilien aus Afar und Laetoli unterschiedlich (Geschlechtsdimorphismus oder zwei unterschiedliche Arten?) interpretiert werden konnten, nötigte die Paläoanthropologen dazu, der Wahrheit durch Hypothesen und Spekulationen näher zu kommen. Und in einer Wissenschaft, die durch persönliche Ambitionen vorangetrieben wird und deswegen vorgefaßten Meinungen Tür und Tor öffnet, müssen Interpretationen einfach zu verschiedenen Ergebissen kommen, wenn die Beweislage eben nicht eindeutig ist. Die -Affäre und die gegensätzlichen Ansichten Leakeys und Johansons über den Status des Australopithecus sind nur ein Beispiel dafür. Es hat schon vorher viele andere solche unterschiedlichen Interpretationen gegeben und es wird sie weiterhin geben. Sie halten sich so lange, bis neue Beweise oder eine neue Methode die Mehrdeutigkeit auflösen.
Heute - nach weiteren spektakulären Funden - ist der Australopithecus freilich allgemein anerkannt und eine der am besten belegte frühe Homininenart überhaupt.
Artikel: 2003, Letztes update: 04.02.2012 um 02:04