Evolution des Menschen - Koexistenz von Hominiden

NEANDERTALER - Homo neanderthalensis. Typische Merkmale: große Nase, vorspringendes Mittelgesicht, sehr breiter Brustkorb, gebogene Oberschenkelknochen, robuste Sprunggelenke, Hände mit starkem Kraftgriff.
MODERNER MENSCH - Homo sapiens. Typische Merkmale: steile Stirn, prominentes Kinn, schwach ausgebildete Augenwülste, flacher Hinterkopf, graziler Knochenbau, relativ schwache Nackenmuskulatur

Da es sich bei allen Homininen um große, aufrecht gehende Primaten mit vermutlich ähnlicher ökologischer Stellung sowie mit ähnlichen Abhängigkeiten von Werkzeugen und Kultur handelte, glaubte man, es könne jeweils nur eine Art von ihnen existiert haben. Heute lebt natürlich nur eine Homininenspezies, aber war das immer so?

Als Donald Johanson und Tim White ihre aufrechtgehenden, aber kleinhirnigen Wesen von Lucy's Art (Australopithecus afarensis) in die Gattung Australopithecidae einordneten, da ordneten sie auch den Stammbaum der Menschenfamilie um. Trotz ihres Namens (der ihnen schon 1925 von Raymond Dart verliehen worden war) zählen die »Affen des Südens« eindeutig zu den Homininen, als deren entscheidendes Merkmal sich nun der aufrechte Gang - und nicht das große Gehirn - herauskristallisierte.

Lucys Art überdauerte etwa eine Million Jahre ohne große Veränderungen, bis sich dann vor rund drei Millionen Jahren eine neue Spezies von ihr abzuspalten begann: die schlankeren, etwa 1,35 Meter großen Wesen der Art Australopithecus africanus. Ihr Gehirne waren größer als jene von Lucy und deren Verwandtschaft. Auch das Verhältnis zwischen ihrer Hirnkapazität und ihrem Körpergewicht - ein Maßstab für Intelligenz - war günstiger. Australopithecus afarensis existierte noch eine halbe Million Jahre neben den moderneren Abkömmlingen her und starb dann aus - ein Schicksal, das auch Australopithecus africanus vor rund 2,3 Millionen Jahren ereilte.

Zuvor aber spaltete sich von dieser Art eine weitere Gruppe von Homininen ab, die robusten Australopithecinen ( aethiopicus, robustus und boisei) traten auf den Plan. Diese kräftig gebauten, knapp 1,50 Meter großen Homininen stifteten unter den Paläoanthropologen zunächst beträchtliche Verwirrung. Denn diese nur Pflanzenkost fressenden Homininen schienen (entsprechend der damaligen Denkweise) ein evolutionärer Rückschritt gewesen zu sein: Ihr Hirn-Körper-Verhältnis war schlechter als bei den älteren Australopithecus africanus. Heute weiß man, dass auch diese Homininen perfekt an ihre Umwelt angepasst waren und von »evolutionärem Rückschritt« keine Rede sein kann.

Die Verwirrung war komplett, als Louis Leakey 1964 die bis dahin älteste bekannte Menschenart Homo habilis anmeldete. Dieser »fähige Mensch« wies mit etwa 680 cm³ ein nahezu doppelt so großes Gehirn wie ein moderner Schimpanse auf, benutzte schon grob zugehauene Steinwerkzeuge und lebte, wie einige kreisförmig zusammengelegte Felsbrocken vermuten lassen, mitunter schon in Zweighütten.

In der Ökologie gibt es nun aber das sogenannte Konkurrenzausschlußprinzip. Danach kann eine ökologische Nische (räumliches und verhaltensmäßiges Umfeld) nur von einer Art zur gleichen Zeit besetzt sein, weil mehrere Arten in derselben Nische heftig um Nahrung und andere Ressourcen konkurrieren würden, bis schließlich alle Arten außer einer verdrängt sind. Dieses Prinzip, auf die Evolution der Menschen angewandt, führte zur sogenannten Mono-Spezies-Hypothese.

Vater Leakeys Verdacht jedoch, dass Homo habilis ein Zeitgenosse des Australopithecus war (und deshalb nicht von ihm abstammen konnte), schien von Sohn Richard Leakey 1972 bestätigt zu werden. Am Ostufer des Turkanasees (früher Rudolf-See) hatte ein afrikanischer Mitarbeiter der Leakeys, Bernard Ngeneo, die Bruchstücke eines Schädels erspäht. Richards Frau Meave stückelte das dreidimensionale Puzzle gemeinsam mit Alan Walker in mehrwöchiger Arbeit zusammen. Resultat: Ein schon sehr modern wirkender Schädel mit dem erstaunlich großen Hirnvolumen von 800 cm³ - erstaunlich, deshalb, weil dieser Homo mit der Katalognummer KNM-ER 1470 zunächst auf das sensationell hohe Alter von 2,6 Millionen Jahren eingestuft wurde. Neuere, genauere Altersbestimmungen ergaben freilich ein nun auf 1,82 Millionen Jahre reduziertes Alter. Dennoch ist »1470« der älteste Schädel mit einem so großen Hirnvolumen, dennoch lebte sein Träger zur gleichen Zeit wie Australopithecus africanus und einige der robusten Arten.

Zwar wiesen schon Fossilien, die Louis und Mary Leakey 1959 und Anfang der 19-sechziger Jahre in der Olduvai-Schlucht in Tansania fanden, auf zwei gleichzeitig lebende Homininenarten hin, bestätigt wurde diese Vermutung jedoch erst 1975: Damals entdeckte ein Team um Richard Leakey in den Sedimenten von Koobi Fora in Kenia den fast vollständigen Schädel KNM-ER 3733 von Homo ergaster, sechs Jahre zuzvor hatte Leakey in demselben Sediment den vollständigen Schädel KNM-ER 406 ausgegraben, ein klassisches Exemplar von Australopithecus boisei. Demnach hatten diese beiden Arten zumindest im weiteren Sinne zur gleichen Zeit gelebt. Die einfache Annahme von jeweils nur einer einzigen Spezies (Mono-Spezies-Hypothese) war also offensichtlich falsch.

Wenn sich also zwischen 3 und 1 Millionen Jahren zwei Homininenarten oder mehr in Ostafrika (und offenbar auch in Südafrika) den gleichen Lebensraum teilten, mußte man sich fragen, wie diese beiden Arten die Ressourcen unter sich aufteilten. Möglicherweise war Homo ergaster ein Allesfresser mit großem Revier, der sich unter anderem auch von Fleisch ernährte. Seine schweren Werkzeuge lassen darauf schließen, dass er ein guter Schlachter war, der Tiere jagte oder vorgefundene Kadaver zerlegte. Australopithecus boisei dagegen, dessen Kiefer zund Zähne sich besonders zum Zerquetschen und Kauen eigneten, gilt oft als Pflanzenfresser, der auch harte Nahrungsmittel wie Nüsse und Samen nicht verschmähte.

Lebten immer mehrere Homininenarten nebeneinander? Für die erste Phase der menschlichen Evolution deuten die Belege derzeit nur auf eine einzige Spezies hin. Aus der Zeit vor über vier Millionen Jahre haben wir Belege für Ardipithecus ramidus und später für Australopithecus anamensis. Vor drei bis vier Millionen Jahren war Australopithecus in Ostafrika der einzige bekannte Hominide.

Aber vor etwa zwei Millionen Jahren hatte es im Stammbaum mindestens eine Aufspaltung gegeben, wodurch sowohl die robusten Australopihecinen als auch die ersten Angehörigen der Gattung Homo entstanden waren. Es gab mindestens drei robuste Arten, darunter eine ostafrikanische, die durch den Schädel 406 sowie mehrere andere Schädel, Kiefer und Zähne vertreten ist. Nach Ansicht vieler Fachleute lebten zu dieser Zeit in Ostafrika auch mindestens dei Arten des frühen Homo: Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo ergaster, darunter das Exemplar 3733.

Der überzeugendste Beweis für die Koexistenz der Homininen schließt allerdings uns selbst ein. Aus dem Nahen Osten und insbesondere vom Berg Carmel in Israel gibt es zahlreiche Indizien, dass Neandertaler (Homo neanderthalensis) und moderne Jetztmenschen (Homo sapiens) mindestens 50.000 Jahre lang nebeneinander existierten. Standen diese sehr ähnlichen Arten in Verbindung, oder lebten sie jeweils für sich? Die Vorstellungen reichen von der Evolution des Jetztmenschen aus den Neandertalern über Koexistenz und Kreuzungen zwischen den getrennten Populationen bis zur Verdrängung der Neandertaler durch gewalttätige Auseinandersetzungen oder unterschwellige ökologische Konkurrenz. Die erste Theorie erscheint angesichts der langen zeitlichen Überschneidung unwahrscheinlich. Kreuzungen wären möglich, sind aber ebenfalls zu verwerfen, wenn es sich, wie man aufgrund der Anatomie annimmt, um unterschiedliche biologische Gruppen handelte. Obwohl die Jetztmenschen letztlich die Neandertaler überlebten, gibt es nirgendwo stichhaltige Indizien für eine gewaltsame, schnelle Verdrängung - auch wenn die Jetztmenschen in den archäologischen Funden aus Westeuropa recht plötzlich auftauchen.

Artikel: Hans-Peter Willig

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