Was ist Evolution?

Pfau
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Ein Pfau schlägt ein Rad. Dieses Schauspiel ist nach Ansicht der Evolutionsbiologen Resultat einer natürlichen, durch sexuelle Zuchtwahl beeinflussten Auswahl.
Foto: BS Thurner Hof, Wikipedia

Unser modernes Weltbild ist geprägt von der Vorstellung, dass das Universum, die Sterne, die Erde und auch alle lebenden Wesen sich während einer langen Geschichte entwickelten - eine Entwicklung, die weder vorherbestimmt noch vorprogrammiert war und die von allmählichen, mitunter auch katastrophalen Änderungen im Rahmen der universell gültigen physikalischen Gesetze geprägt wurde. Die biologische Evolution ist jedoch weit komplizierter als die kosmische, ebenso wie Lebewesen wesentlich komplizierter aufgebaut sind als unbelebte Materie. So verwickelt die biologische Evolution auch ist, so einfach ist das von Charles Darwin im 19.Jahrhundert entdeckte, ihr zugrunde liegende Prinzip:

1. Kein Lebewesen gleicht exakt dem anderen, und diese Unterschiede vererben sich (zumindest teilweise) auf den Nachwuchs.

2. Lebewesen produzieren mehr Nachkommen, als selbst unter günstigen Umständen überleben können.

3. Im Durchschnitt wird der Nachwuchs, der dank kleiner Unterschiede am besten den Umweltbedingungen angepasst ist, überleben und sich weiter vermehren. Vorteilhafte Veränderungen werden sich deshalb durch natürliche Auslese in Lebewesengruppen ( sogenannten Populationen ) ansammeln.

Darwins Verdienst war es, als erster die beiden grundlegenden Bestandteile der biologischen Evolution zu erkennen: Zufällige Änderungen im Erbmaterial der Organismen bilden ein unerschöpfliches Reservoir für neuartige Lebewesen, doch erst die Notwendigkeit der natürlichen Auslese sortiert aus dieser - im Erbgut verborgenen - Vielfalt die jeweils am besten angepassten Organismen aus. Diesen Ausleseprozess betrachtete Darwin weniger als einen Scharfrichter für die Überlebensunfähigen, sondern vielmehr als schöpferische Kraft, die auch die Überlebensfähigen möglich macht und die so vorteilhafte Anpassungen vervollkommnet. Solche Anpassungen dank zufälliger Änderungen (Improvisationen) können natürlich nur von Generation zu Generation und zudem in winzigen Schritten geschehen: Für so kurzlebige Wesen wie uns scheint die Evolution stillzustehen.

Die Funde von frühen Hominiden wie Ardipithecus oder Orrorin tugenensis (der Millenium Mann) führen uns eindrucksvoll vor Augen, dass auch die Evolution des Menschen keine zielgerichtete Entwicklung ist, sondern auf ständiger Improvisation beruht. Die Evolution funktioniert nach dem Trial-and-Error-Prinzip: die Natur probiert aus und verwirft wieder. Alle Lebeweseen, jedes Individuum, jede Art sind so gesehen Provisorien. Auch bei den Hominiden hat die Evolution viele Modelle »gebastelt«. Viele waren gut und haben scih für bestimmte Zeit in einer gewissen Umgebung bewährt, doch dann änderten sich die Lebensbedingungen, einige Modelle verschwanden (wenn eine Art ausstarb), andere wurden umgebastelt und überlebten (wenn aus einer bereits bestehenden Art eine neue hervorging).

Treibende Kraft ist stehts eine sich verändernde Umwelt. Immer dann, wenn es zu drastischen Umbrüchen des Klimas kam, entwickelten sich auffallend viele neue Arten. Solche Phasen evolutionärer Hochkonjunktur lassen verschiedene Abwandlungen oder Varianten innerhalb einer Art entstehen. Es überleben jene Varianten, die mit den neuen Bedingungen gut fertig werden, alle anderen hingegen verschwinden über kurz oder lang. Dies gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für ganze Arten. Wie die abgestorbenen Seitenäste des Stammbaums zeigen, waren davon auch Arten der Hominidenfamilie betroffen. Es wäre jedoch falsch, die Seitenlinien als Sackgasse der Evolution zu bezeichnen: Eine Art, die ausstirbt, ist deswegen noch lange kein Versager. Dieses Schicksal teilt sie mit fast allen anderen Pflanzen- und Tierarten. 99 Prozent aller jemals existierenen Arten gibt es heute nich mehr! In der Evolution gilt eine einfache Faustregel: Aussterben ist die Regel, Überleben die Ausnahme.

Es wird niemals eine optimale Lebensform geben, jedenfalls nicht solange sich die Umweltbedingungen ständig ändern. Leben ist immer ein Spiel auf Zeit, Individuen müssen sterben, Arten verschwinden. Die Evolution ist ein Entwicklungsprozess, der sich in der Vergangenheit abgespielt hat, heute noch im Gange ist und den es auch in Zukunft geben wird.

Kein Lebewesen existiert für sich allein, isoliert von den anderen. Jedes Lebewesen ist immer Teil eines größeren Zusammenhangs, ist teil der Umwelt. Kommt es zu Veränderungen in der Umwelt, dann wird es darauf reagieren. Wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern und das Individuum mit den neuen Bedingungen nicht mehr so gut zurechtkommt, dann wird es versuchen abzuwandern. Dies ist oft der Fall, wenn es zu langsamen klimatislchen Veränderungen kommt, bei denen Klimazonen sich allmählich verschieben. Im schlimmsten Fall geht das Individuum zugrunde. Populationen gehen zurück, es werden weniger oder gar keine Nachkommen zur Welt gebracht. Doch nicht jede Art ist homogen, nicht alle Individuen einer Art sichd absolut gleich. Sie unterscheiden sich in vielen Merkmalen, Populationen zeigen eine große Variationsbreite. Immer sind auch Individuen dabei, die stark vom Mittelmaß abweichen und besondere Fähigkeiten haben. Darunter mögen auch solche sein, die ein Überleben unter den neuen Bedingungen erleichtern. Diese Individuen mit neuen Eigenschaften können unter bestimmten Umständen sogar die Überhand gewinnen, zu einer neuen großen Population anwachsen - und wiederum selbst zum Mittelmaß werden. So wird sich die Art verändern, unter Umständen so stark, dass mit der ursprünglichen Mutterpopulation keine Fortpflanzung mehr möglich ist. In diesem Fall ist dann tatsächlich auch eine neue Art entstanden.

Wenn kleine Populationen geographisch von ihrer Mutterpopulation abgeschnitten werden, kann es besonders schnell zu solchen Artbildungsvorgängen kommen. Biologen und Evolutionsforscher beobachten dieses Phänomen vor allem auf Inseln, wo die geographische Isolierung offensichtlich ist (siehe Homo floresiensis, Flores, Indonesien). Auch können sich neue Arten in regionen bilden, die durch Flüsse oder Gebirgszüge abgeschieden sind oder sich wie Hochebenen durch eine extreme Höhenlage auszeichnen. Umweltveränderungen und das Vorhandensein von "Inseln" treiben die Evolution an.

Der erste entscheidende Schritt in der Menschheitsgeschichte wurde getan, als sich Menschenaffen und Hominiden in zwei getrennte Entwicklungslinien aufspalteten. Das Revolutionäre dabei war, dass die ersten Hominiden auf zwei Beinen gingen.

Artikel: Hans-Peter Willig

© Hans-Peter Willig, München User online 10   gestern 1252   heute 185 Glossar LinklisteSitemapMail