"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Mit diesen schlichten und doch gewaltigen Worten beginnt die Genesis, das erste Kapitel der Bibel.
War es ein übermächtiges, über-natürliches Wesen, das nach seinem Wunsch und Willen Himmel und Erde schuf und dann den Menschen nach seinem Bilde? Die biblische Deutung setzt einen Gedanken (Gott) an den Anfang, dessen Autorität weiteres Nachgrübeln und Erklären erübrigt, dessen Wille die Welt und den Menschen so entstehen läßt, wie sie sich uns präsentiert - eine ebenso beruhigende wie schmeichelhafte Erklärung.
Kein Wunder, dass die Idee vom alleinigen Schöpfergott die komplizierten, vielgöttrigen Mythen in weiten Teilen der Welt verdrängte, dass sich heute fast die Hälfte der Erdbevölkerung zu den ersten Worten der Bibel bekennt.
Den Drang zu einer Deutung unserer Herkunft haben, soweit sich das überblicken läßt, alle Völker dieser Erde verspürt, und immer diente diese Deutung als Basis der jeweiligen religiösen Vorstellung. Oft freilich mangelte es Entstehungsgeschichten an einer innewohnenden Logik, mußten zusätzliche Erklärungen - oder Götter - logische Mängel der Mythen kitten.
Solche logischen Stolpersteine durchschüttelten schließlich auch die zuvor jahrtausendelang souveräne Bahn der biblischen Genesis. Zum einen waren es die Gläubigen selbst, die durch allzu wortgetreue Auslegung Zweifel am Wahrheitsgehalt der Heiligen Schrift nährten - wie etwa der irische Erzbischof James Ussher, der im Jahr 1650 streng nach der Bibel schloß, Gott habe die Welt im Jahre 4004 v.Chr. erschaffen. Zum anderen fanden sich immer weniger kritische Köpfe mit der augenscheinlichen Diskrepanz zwischen dem Wortlaut der Bibel und den eigenen Beobachtungen ab. Kopernikus erkannte, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht, und Charles Darwin stieß mit seiner Evolutionstheorie die Menschen vom selbsterklommenen Thron, "Krone der Schöpfung" zu sein.
Stießen Naturwissenschaftler die Menschheit damit nicht in ein endloses, zeitloses, erbarmungs- und letztlich gottloses Universum? Religionsphilosophen versuchten, den sich öffnenden Abgrund zwischen Wort und Erkenntnis zu überspannen: Die Genesis sei ein Gleichnis, aber hinter der letzten Grenze der naturwissenschaftlichen Erkenntnis verberge sich Gott, der Schöpfer des Universums und damit auch der Menschen.
Wie aber wurde der Mensch erschaffen? Gab Gott dem Universum einen speziellen Schöpfungsauftrag für den Menschen mit auf den Weg? Griff er durch "Sonderimpulse" in die ansonsten naturgesetzlich ablaufende Entwicklung von Erde und All ein, nur um uns "in seinem Ebenbild" entstehen zu lassen?
Viele bibelgläubige Menschen ziehen heute noch den Wortlaut der Genesis den modernen theologisch-naturwissenschaftlichen Schöpfungsdeutungenvor. So schwelt zum Beispiel in den USA ein heftiger Streit zwischen den sogenannten Kreationisten und den Naturwissenschaftlern.
Artikel: Hans-Peter Willig