Die katholische Kirche ist seit 1996 offenbar unter dem Einfluss des engsten Vertrauten des verstorbenen Papstes Johannes Paul, Kardinal Josef Ratzinger und dessen Nachfolger geneigt, eine der wichtigsten Annahmen der modernen Wissenschaft für die Entwicklung der Welt und des Menschen, die so genannte Evolutionstheorie, als seriös zu akzeptieren. Papst Johannes Paul II. erklärte, diese Theorie, wonach die heute existierenden Lebewesen sich in einem komplizierten Prozess aus einfachsten Formen des Lebens entwickelt haben, sei nicht mehr nur als reine Hypothese zu betrachten. Doch wirft dies nach seiner Darstellung keine Glaubenswahrheiten um.
Papst Johannes Paul äußerte sich in einer von der offiziellen Zeitung des Vatikans, dem Osservatore Romano, veröffentlichten Botschaft an die Päpstlichen Akademie der Wissenschaft. Diese befasste sich auf einer Tagung im Vatikan mit dem Ursprung des Lebens und der Evolution. Johannes Paul II. berührte mit seinen Ausführungen die oftmals diskutierte Frage, wie sich der biblische Schöpfungsmythos von Adam und Eva vereinbaren läßt mit der vor über 100 Jahren vom britischen Naturforscher CharlesDarwin und anderen Wissenschaftlern aufgebrachten Vermutung, der Mensch stamme gewissermaßen vom Affen ab.
Johannes Paul II. wies in seiner Botschaft ausdrücklich darauf hin, dass sich das Lehramt der katholischen Kirche mit diesen Fragen bereits befasst habe, so 1950 sein Vorgänger Pius XII. in der Enzyklika Humanae generis. Im Licht des damaligen Forschungsstandes habe dieser die Doktrin des Evolutionismus als »ernstzunehmende Hypothese bewertet, die einer Erforschung und vertiefenden Reflexion würdig sei«. Heute, etwa ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung der Enzyklika, bringen neue Erkenntnisse uns dazu, die Theorie der Evolution nicht mehr nur als eine »reine Hypothese zu erachten«, merkte Johannes Paul II. dazu an. Diese Theorie habe sich bei den Forschern schrittweise durchgesetzt. »Die weder gesuchte noch provozierte Übereinstimmung der Ergebnisse von unabhänig voneinander ausgeführten Arbeiten stellt für sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorie dar«, schreibt Johannes Paul II....
Zugleich betonte er jedoch, der Mensch sei gemäß der Offenbarung nach dem Bild Gottes geschaffen worden, und dies sei »eine der Achsen des christlichen Denkens«. Das Zweite Vatikanische Konzil habe daran erinnert, dass der Mensch das einzige Wesen sei, das Gott um seiner selbst willen gewollt habe. »Wenn der menschliche Körper seinen Ursprung in der lebenden Materie hat, die vor ihm existierte, dann ist doch seine Seele unmittelbar von Gott geschaffen«, schrieb Johannes Paul II., indem er die Enzyklika von Pius XII. zitierte.
Einen kurzen Hinweis gab er zudem auf seine eigenen Äußerungen von 1992 über den Fall des Naturwissenschflters Galileo Galileo, der 1633 die damals neue Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, unter der Todesdrohung der päpstlichen Inquisition widerrufen und fortan unter Hausarrest gelebt hatte. Johannes Paul II. hatte dazu 1992 erklärt, die Theologen der damaligen Zeit hätten geirrt in der Annahme, der Wortsinn der Bibel beschreibe den physikalischen Zustand der Welt.
Beobachter sahen die Äußerungen zur Evolution auch vor dem Hintergrund der Ankündigung Johannes Pauls II., beim großen Jubiläum im Jahr 2000 solle die Vergangenheit der Kirche kritisch reflektiert werden.
Quelle: SZ vom 25.10.1996, Ressort Politik