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Kreationismus vs. Evolution - Der Streit

Von welcher Art der Streit ist, in dem christliche Fundamentalisten die Evolutionslehre abschaffen und die Schöpfungsgeschichte beim Wort nehmen wollen, wird in diesem Artikel beschrieben:

Topeka, im Oktober 1999
Es geht hier um Adam und den Affen und den Großen Designer, und Steven Case, der Aktivist des Widerstands, ist auf der Hut. Er ist einer von acht Zuhörern hier, hockt in der zweiten Stuhlreihe und durchblättert Papiere auf seinen Knien. Der bärtige Mittvierziger trägt eine Goldrandbrille und einen Ring im linken Ohr, eine Krawatte baumelt auf kurzärmeligem Hemd. Die Jacke hat er abgelegt, es ist noch warm in diesen Tagen in Topeka.

Steven Case ist »ein alter Idealist«, wie er selber sagt, ein Mann, der die Gründerväter der USA verehrt, in Sonderheit den liberalen Autor der Verfassung, Thomas Jefferson. Case hat »eine wirkliche Passion für die Wissenschaft« und ist der Überzeugung, dass Erziehung und Bildung »den Leuten helfen kann, ihre persönlichen Ziele zu verfolgen«. Nach seiner Meinung ist die Welt verbesserbar, und viele Jahre hat er als Lehrer in diesem Sinn gewirkt. Heute arbeitet Steven Case in Lawrence an der Universität von Kansas. Seine Gegner, vor allem Steve Abrams, den Tierarzt, hat er an diesem Vormittag gut im Blick. »Die fühlen sich nicht wohl, wenn ich da bin«, sagt er, »und deshalb bin ich da«. Tierarzt Abrams und die anderen neun haben sich an dem wuchtigen Konferenztisch niedergelassen, an dem sie im August ihren aufsehenerregenden Beschluss zur Evolutionstheorie gefasst haben. Zwei Flaggen stehen vor der Wand, es hängt dort auch das große Siegel des Bundesstaates Kansas und zeigt einen pflügenden Bauern sowie einen Planwagen-Treck. Steve Abrams isst eine Stulle. Vor sich auf der Tischplatte hat er einen Laptop aufgeklappt und lässt darauf Texte abrollen, die hier gleich zur Beratung stehen werden. Man präpariert sich, man plaudert, es folgt ein Hammerschlag der Präsidentin, und die Sitzung beginnt. In einem schmucklosen Behördenbau der Hauptstadt Topeka tagt der Board of Education des amerikanischen Bundesstaates Kansas.

Man könnte dieses Gremium eine Erziehungskammer nennen. Im Kollektiv nimmt es Aufgaben wahr, die anderswo ein Unterrichtsminister hat. Seine zehn Mitglieder, derzeit sechs Männer und vier Frauen, werden alle drei Jahre gewählt, ebenso wie die Sheriffs oder die örtlichen Richter und Staatsanwälte. Es heißt also, eine besondere Form demokratischen Alltags in den USA kennen zu lernen, wenn man den Kansas State Board of Education ein paar Stunden lang dabei beobachtet, wie er Fortbildungsprogramme begutachtet oder wie er sich das unbefangene Eigenlob von Schulleitern anhört, die gerade bei einem Wettbewerb mit dem Blauen Band ausgezeichnet worden sind. Vor zwei Monaten hatte der Board of Education ein Thema auf der Tagesordnung, das in Europa größtenteils ausdiskutiert ist, in den USA aber auch heute noch die Gemüter erhitzt: die Evolution. Die von Charles Darwin und anderen Naturforschern aufgestellte Theorie, wonach am Anfang der Welt der Urknall stand und die heutigen Lebewesen einschließlich des Menschen sich durch Zufall und Selektion aus einfachsten Formen des Lebens entwickelt haben, wird von protestantischen Fundamentalisten den sogenannten Religiösen Rechten, heftig bekämpft. Sie setzen dagegen die Schöpfungslehre, glauben also an die Erschaffung der Welt durch den christlichen Gott, so wie es in der Bibel beschrieben ist, und werden deshalb Kreationisten genannt.

Bis heute wird der Gegensatz meist zugespitzt auf die Frage, ob der Mensch vom Affen oder von Adam und Eva abstamme, und bis heute geht der Streit um die Frage, ob man die Bibel wörtlich oder als Gleichnis zu nehmen habe. Auch die Position des Papstes , für den die Evolutionslehre akzeptabel und mit christlichen Glaubensgrundsätzen vereinbar ist, wird von den amerikanischen Creationists abgelehnt. Gewiss sind diese Gruppen eine Minderheit, aber eine sehr aktive. Es gibt in Kansas und Missouri eine "Wissenschaftliche Schöpfungs-Gesellschaft für Mittelamerika", die im Internet Seminare, Kanufahrten oder geologische Safaris anbietet, bei denen die Evolution gewissermaßen durch Augenschein in Gottes schöner Natur widerlegt werden soll. Ihr Präsident Tom Willis vertritt die Ansicht, die Erde sei vor ziemlich genau 6000 Jahren geschaffen worden, angeblich ältere Fossilien würden von der Wissenschaft falsch interpretiert, Felsen und Kohleformationen seien durch Vulkanausbrüche während der Sintflut entstanden, und Dinosaurier seien nicht vor Jahrmillionen ausgestorben, sondern noch im 19. Jahrhundert gesichtet worden. Es ist nicht so, dass man derlei Unfug auch vom Tierarzt Steve Abrams zu hören bekäme, aber immerhin standen dieser und seine Freunde in diesem Sommer mit Willis und anderen Creationists in Kontakt, bevor sie im Board of Education aktiv wurden. Das Gremium hatte zuvor 27 Fachleute beauftragt, unter ihnen den langjährigen Lehrer und heutigen Universitätsdozenten Steven Case, neue Richtlinien für den Unterricht an den staatlichen Schulen zu erarbeiten. Den vorgelegten Entwurf, der sich an nationalen Standards orientierte, nahmen sich Steve Abrams und seine Kollegen vor und veränderten ihn in ein paar entscheidenden Passagen. Das Ergebnis war, dass am 11. August der Board of Education mit sechs zu vier Stimmen beschloss: Die sogenannte Makro-Evolution, also die Theorie vom Urknall und dem Übergang der Arten ineinander, soll vom Jahr 2001 an nicht mehr Prüfungsstoff sein. Dies ist zwar nur eine Empfehlung, ihre Umsetzung obliegt den gewählten Boards of Education in den 301 Schuldistrikten des Staates Kansas. Sollten diese Boards folgen, was keineswegs in allen Fällen zu erwarten ist, so wäre es rein formal den Lehrern damit immer noch nicht verboten, in der Schule von der Evolutionstheorie zu sprechen. Allerdings fürchten Kritiker, dass viele Pädagogen vor allem auf dem Land dann Darwin ignorieren werden.

Steve Abrams wäre das wohl sehr willkommen, sonst hätte er kaum so intensiv daran gearbeitet, den gefassten Beschluss herbeizuführen. Der korpulente Mann aus Arkansas City im Süden von Kansas gehört dem Board seit 15 Jahren an und ist Mitglied bei den Republikanern, 1998 hat er ein halbes Jahr lang sogar die Partei in Kansas geleitet. Hin und wieder streicht er sich den Schnauzbart, während er der Sitzung folgt, hin und wieder stellt er mit dunkler Stimme eine Frage, wirkt ruhig und souverän.

Das ändert sich, wenn man ihn nach den Folgen des Beschlusses vom 11. August befragt. Da ist er sehr kurz angebunden und lässt sich aggressiv über die Presse aus, die alles aufgebauscht habe. Offenkundig macht es ihm kein Vergnügen, dass er selber zumindest in Topeka bald als derjenige erkannt war, der die Sache eingefädelt hatte. Seit Jahren herrschte im Board bei Richtungsstreitigkeiten ein Patt. Drei der acht Republikaner in der Kammer - die drei Gemäßigten - stimmten regelmäßig mit den beiden Demokraten, ihnen standen die fünf konservativen Republikaner gegenüber, darunter Adams. Diesmal aber gelang es diesem, einen der gemäßigten Parteifreunde auf seine Seite zu ziehen und so überraschend die Mehrheit zu erhalten. Der Effekt war gewaltig. In den USA ebenso wie im Ausland hagelte es hämische Kommentare. Erneut war Kansas, das Agrar- und einstige Wildwestland, der Rückständigkeit überführt. Gouverneur Bill Graves, dem ein modernes Kansas am Herzen liegt, drohte in der ersten Wut, den Board of Education abzuschaffen. »Dies ist eine furchtbare, tragische, peinliche Lösung für ein Problem, das nicht existiert,« sagte er. Der Gouverneur ist ebenfalls Republikaner - der Beschluss zur Evolution ist somit auch zu lesen als Teil des Grabenkampfes zwischen Rechten und Gemäßigten innerhalb der Republikanischen Partei.

Insgesamt ist nicht zu übersehen, dass bibeltreue Christen im US-Erziehungswesen generell auf dem Vormarsch sind. In Alabama und Nebraska erreichten sie, dass den Biologiebüchern Zettel beigelegt werden, die die Evolutionstheorie als umstritten kennzeichnen. In Kentucky und Illinois wurde das Wort Evolution aus einer Erziehungsrichtlinie getilgt und durch "Wandel in den Zeiten" ersetzt. Exodus 2000 nennt sich eine Organisation, die Eltern dazu aufruft, ihre Kinder aus den staatlichen Schulen herauszunehmen und christliche Schulen zu gründen, in denen sie selbst den Lehrplan bestimmen.

Auf mehr als 60 ist die Zahl jener privaten Institute gestiegen, die sich zu einem Verband klassisch-christlicher Schulen formiert haben. Die Cair-Paravel-Lateinschule in Topeka, 1980 gegründet, ist eine der ältesten von ihnen. Hier wird heute schon das gelehrt, was die Creationists sich auch für die staatlichen Schulen wünschen.» Wir sind eine Nation, die nach Führern verlangt,« sagt Schulleiter Steve Marshall. Seine 380 Schüler, die 70 Konfessionen angehören und bis zu 3500 Euro Schulgeld im Jahr aufzubringen haben, werden nach dem Trivium erzogen, einem Dreistufenkonzept aus dem Mittelalter. Sie lernen literarische Texte auswendig, üben sich in freier Rede und sollen einmal eine christliche Elite darstellen. Mindestens zwei Jahre lang stehen Latein und Spanisch auf dem Stundenplan.

Kindliche Gemälde von der Erschaffung der Meerestiere, wie im Buch Genesis des Alten Testaments beschrieben, zieren den Gang des Schulgebäudes. Im Theaterraum halten ältere Schüler kleine Vorträge, und in einer Klasse, die zwischen großen Bücherregalen und Gemälden amerikanischer Präsidenten ihre Studien betreibt, schiebt der Lehrer spontan eine Diskussion über die Evolution ein, als die stellvertretende Schulleiterin unangemeldet mit einem Besucher aufkreuzt. Der Lehrer greift zwei Bücher aus dem Regal, in denen Charles Darwin gründlich kritisiert wird, und erzählt davon. Ein Mädchen mit blondem Zopf wendet sich dagegen, dass man »die Evolution als eine Tatsache« akzeptiere, andere Schüler argumentieren ähnlich - sie haben die Lektionen gelernt, die man in den Lehrbüchern der Schule findet. Christliche Weltsicht verlange »den Glauben an den Schöpfer, so wie Er wörtlich im Buche Genesis dargestellt wird«, heißt es in einem der Werke. Weltlicher Humanismus, Marxismus-Leninismus und New-Age-Theorien gleichermaßen werden dem »biblischen Christentum« gegenübergestellt, und natürlich kommen die Autoren zu dem Schluss, allein der Schöpfungsglaube sei die Wahrheit, weil nur er einen Schöpfer voraussetze - den Designer, wie es wörtlich darin heißt. »Wenn die Bibel nicht Geschichte ist, dann zerbröckelt das Christentum. Deshalb müssen Christen viel Zeit und Mühe darauf verwenden , beide Grundsteine zu verteidigen.«

Nun versteht es sich von selbst, dass in einem Land, das dank seiner wissenschaftlichen Errungenschaften die führende Wirtschaftsmacht der Erde geworden ist, auch Zeitgenossen zu finden sind, die die Evolutionslehre als vollkommen gesichert ansehen. Steven Case, der Universitätsdozent, gehört natürlich dazu. Für Leute seines Schlags ist es »schwer, nicht zu lachen über die eklatant falschen Behauptungen« der Kreationisten.

Case hat mit 120 Gleichgesinnten gegen die Politik des Board eine Bürgerinitiative gegründet, die sich sinnigerweise auf der Treppe des Naturhistorischen Museums von Kansas versammelte. Sie treibt für ihre Anliegen Geld ein mit einem Sticker, dessen Aufschrift lautet: »Kansas - wo die Evolution nicht erlaubt ist und die Affen das Sagen haben«. Case war natürlich auch dabei, als die Biologie- und Wissenschaftslehrer von Kansas beschlossen, die neuen Richtlinien zu missachten und weiter die Evolution zu lehren. Bewegung kam auf. Mehrere Firmen, darunter ein Software-Betrieb aus Oregon, gaben Pläne für eine Ansiedlung in Kansas auf. Ein Biologieprofessor an der Universität von Kansas klagte, es meldeten sich kaum noch Studenten bei ihm an. In der Universitätsstadt Lawrence wurden Vorträge veranstaltet. Eine Rednerin, Eugenie Scott von der Universität Berkeley in Kalifornien, berichtete über »wissenschaftlichen Analphabetismus« in den USA. Etwa die Hälfte aller Bürger glaube tatsächlich, die Comic-Serie über Fred Feuerstein stelle die historische Wirklichkeit nach.

Spaßvögel setzen noch eins drauf. Bei der Sitzung des Board of Education in Topeka tritt ein langhaariger Mensch in einem Gewand aus Haaren auf, verteilt Flugblätter und verlangt, aus den Prüfungsrichtlinien solle auch die Theorie getilgt werden, dass die Erde eine Kugel sei, denn auch dazu gebe es verschiedene Ansichten. Ein Angehöriger der unterlegenen Minderheit im Board, der Geschichtsprofessor Bill Wagnon, bittet um Aufmerksamkeit für eine Tonbandaufnahme. Es ertönt der im Radio gesendete Gesang einer Kabarettgruppe, die das ölige Glissando der Friseurladenmusik imitiert. Sie lästert, in Kansas seien die Schulbücher künftig so dünn, dass sie nur noch 1,42 Dollar kosteten - zumindest bis zur nächsten Wahl des Board of Education. Steve Abrams lächelt süß-sauer dazu.

In der Tat: Eine Wahl steht an. Zeitgleich mit den Präsidentschaftswahlen im November 2000 wird auch die Erziehungskammer neu bestimmt. Diesen Termin haben Steven Case, der Behüter der Wissenschaft, und seine Mitstreiter im Auge. Steve Abrams und seine Freunde sollen dann für ihre Geisterfahrt büßen. Letztes Mal haben sich weniger als ein Drittel der berechtigten Bürger an der Wahl beteiligt, nächstes Mal wird die Mobilisierung gewaltig sein, da ist sich Steven Case ganzs icher. »Dann werden diese Leute rausgeworfen«, sagt er.

Überdies ist schon eine Bremse gezogen. Drei angesehene Einrichtungen, der Nationale Forschungsrat der USA, der Nationalverband der Wissenschaftslehrer und der Amerikanische Verband zur Förderung der Wissenschaft hatten die Möglichkeit, dem Board of Education die Veröffentlichung des Richtlinien-Textes zu verbieten. Denn dieser beruht in Teilen auf Texten dieser drei Organisationen. Diese Möglichkeit haben sie genutzt. Damit findet die Umsetzung des Beschlusses von Topeka auf absehbare Zeit nicht statt.

Artikel: Süddeutsche Zeitung, 1996

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