Johann Wolfgang von Goethe: Das Gewebe der Welt besteht aus Zufall und Notwendigkeit. (Gemälde von Joseph Karl Stieler 1828)"Das Gewebe der Welt besteht aus Zufall und Notwendigkeit." Kein Geringerer als Deutschlands Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe prägte diesen Kernsatz der modernen Wissenschaften vom Leben. Konnte ein Jahrmilliarden währendes Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit nach den Spielregeln von Physik und Chemie die ungeheuere Vielfalt des Lebens auf der Erde, uns eingeschlossen, ganz ohne gezielte Eingriffe eines Schöpfers hervorbringen? Die Kreationisten sagen nein, die Naturwissenschaftler ja. Aussage gegen Aussage?
Der Begriff eines Schöpfers ist in sich unwissenschaftlich, da jeder denkbare Beweis dafür oder dagegen als Werk eben dieses Schöpfers erklärt werden kann. Die Wissenschaft baut jedoch grundsätzlich nur auf Theorien, die sich auch in irgendeiner Form überprüfen lassen. Die These vom Schöpfergott ist Glaubenssache, die These von der Evolution des Lebens dagegen liegt auf dem Prüfstand der Natur. So wie es aussieht, kann sie wohl bestehen.
Wissenschaftler sammelten Millionen von Fakten über gegenwärtig existierende wie auch über längst ausgestorbene Lebensformen. Mit Hilfe von Darwins Evolutionstheorie läßt sich daraus ein Stammbaum und damit ein Verwandtschaftsverhältnis der heute lebenden Kreaturen erstellen. Irgendwann in der Vergangenheit mußte dieser Stammbaum seinen Ausgang genommen gaben, und dieser Zeitpunkt ist der ultimative Prüfsten für die These vom Leben, das sich selbst aus unbelebter Materie organisierte.
Lange Zeit schien jede Theorie über den Anfang des Lebens an einem Eckpfeiler der Physik, dem sogenannten Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, zu scheitern: Dieses unversale Gesetz besagt, dass sich das Weltall als ein in sich geschlossenes System unweigerlich auf dem Weg von totaler Ordnung zu totaler Unordnung befindet (oder, anders ausgedrückt, immer kälter wird). Lebewesen jedoch sind Systeme, die diesen Prozeß sichtlich umkehren: Sie machen aus größerer Unordnung, nämlich unbelebter Materie, größere Ordnung, nämlich komplizierte Kreaturen. Erst in den letzten zwanzig Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass das Leben einen Weg gefunden hat, unter bestimmten äußeren Bedingungen zumindest zeitweise den universalen Trend zu größerer Unordnung umzukehren.
Dermaßen theoretisch gewappnet, konnten Forscher nun einigermaßen realistische Laborversuche und Computerberechnungen beginnen, die den Anfang des Lebens simulieren sollten. Sie fanden heraus, dass Leben nicht länger als unwahrscheinliches statistisches Mirakel gelten konnte, als einmalig blinder Zufall, wie der französische Nobelpreisträger Jacques Nonod noch wenige Jahr zuvor vermutet hatte: Aus einer nahezu unendlich großen Anzahl möglicher Lebensbausteine, die der Zufall zustande kommen ließ, sortierten die äußeren, durch Naturgesetze bestimmten Notwendigkeiten die jeweils geeignetsten heraus. Mit dieser "Zähmung des Zufalls", wie es der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen nannte, konnte die Evolution beginnen.
Zufall sollte freilich bleiben, wie die einzelnen Lebewesen aussahen, die aus einem ungerichteten, keinem höheren Zweck dienenden Spiel der Natur hervorgingen. So wird erklärlich, wie ein derart komplexes Wesen wie der Mensch entstehen konnte.
Artikel: 2007, Letztes update: 04.02.2012 um 02:02