Am 12. Februar vor 200 Jahren wurd der Naturforscher Charles Darwin geboren. Er schuf die Evolutionstheorie - und damit die Grundlage der modernen Biologie. Er brach so endgültig mit dem alten Weltbild, das nur den Schöpfergott kannte.
Am 27. Dezember 1831 tritt der 22-jährige Darwin als naturwissenschaftlicher Begleiter an Bord der Beagle eine Forschungsreise rund um die Welt an. Ziel ist es vornehmlich, die Küstenlinien Süd- und Mittelamerikas kartographisch zu erfassen.
Noch ist nicht abzusehen, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse der Reise sein Leben prägen, lange reifen und schließlich das wissenschaftliche Denken seiner Zeit radikal verändern werden. Was für ein Mensch war Charles Darwin, welche Voraussetzungen haben ihn zu jenen tiefgreifenden neuen Denkansätzen geführt? Und welche Lebensumstände benötigte er, um seine Selektionstheorie zu entwickeln und gegen den Zeitgeist letztendlich doch durchzusetzen?
Erste Jahre eines jungen Naturforschers
(K)ein grader Lebensweg
Charles Darwin wird am 9. November 1809 als zweiter Sohn und fünftes Kind des Arztes Robert Darwin und Susanna Wedgwood geboren. Darwins Familie steht in der Tradition von wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch aktiven Männern. Beide Großväter waren Mitglieder der Royal Society, Erasmus Darwin Mediziner mit Ambitionen für Theorien zur Entstehung des Lebens. Selbst kein ausgesprochener Lamarckist, verfasste er für die Historie wohl bedeutendstes Werk, die "Zoonomia".
Als Darwin acht Jahre ist, verliert er die Mutter, die mit erst 30 Jahren an einem mysteriösen Gallen-Nieren-Versagen stirbt - eine Krankheit, die auch Darwin mit ganz ähnlichen Symptomen nach der Fahrt auf der Beagle begleiten wird. Der Junge kommt in ein Internat nach Screwsbury. Der Stoff der im viktorianischen Zeitstil geführten Schule ist nichts, was Darwin sonderlich anspricht - entsprechend fallen auch seine Leistungen aus. Wird er in der Schule dem guten Durchschnitt zugerechnet, beurteilt er später seine Leistungen lediglich als mittelmäßig.
Darwins wahre Interessen entfalten sich auch eher in der Freizeit. Er beginnt schon jetzt, Insekten und Pflanzen zu sammeln und auf die Jagd zu gehen. Über diese Formen der Sammelleidenschaft hinaus legt er gemeinsam mit seinem Bruder Erasmus im heimatlichen Schuppen ein improvisiertes Labor an, dessen geruchsintensive Spuren ihn wohl begleitet haben müssen. Wie sonst wäre er zu dem Spitznamen "Gas" gekommen, den ihm seine Klassenkameraden in dieser Zeit verleihen.
Die schulischen Leistungen seines jüngsten Sohnes machen Robert Darwin Sorgen, und wohl aus diesem Grund entscheidet er über den Kopf des mittlerweile 16-jährigen Charles hinweg, dass die berufliche Weiterentwicklung als Arzt für ihn der richtige Weg sei. Darwin wehrt sich nicht, kann oder will der väterlichen Autorität nichts entgegensetzen - und geht gemeinsam mit seinem Bruder Erasmus für zwei Jahre nach Edinborough. Auch hier ist es wiederum nicht der gradlinige Weg zum Erfolg, der Darwin intellektuell herausfordert. Das Medizinstudium interessiert ihn nicht und stößt in teilweise ab. Halbherzig hört er Vorlesungen der Medizin, wendet sich aber im wesentlichen seinen eigenen Interessen zu - den Studien der Natur. Botanik, Zoologie, Geologie, Mineralogie sind seine Fächer. Später wird er bedauern, nicht die Vorlesungen von George Lyell, der zu seiner Studienzeit eine Professur für Geologie innehat und dessen Aktualismustheorie für Darwin außerordentliche Bedeutung gelangen wird. In dieser Zeit beschäftigte er sich auch - mehr oder minder intensiv - mit den Schriften seines Großvaters, der "Zoonomia" und dem 1801 erschienen Werk Lamarcks "Système des animaux sans vertèbres". Auch wenn er das Werk seines Großvaters bewundert, die Begeisterung seines Lehrers Grant, einem entschiedenen Lamarckisten, kann er nicht aufbringen.
Das Studium der Medizin scheitert, sehr zum Verdruß des Vaters. Den heimgekehrten 19-jährigen Darwin schickt er zum Theologiestudium nach Cambridge. In den höheren sozialen Schichten der viktorianischen Zeit ist dieser Berufstand durchaus gut angesehen und gilt als gut geeignet für Söhne ohne ausgesprochen ausgeprägte Neigung. Wiederum widersetzt sich Darwin seinem Vater nicht - vielleicht auch in der Kenntnis, das viele Geistliche Zeit und Muße für Naturstudien aufbringen konnten. Auch wenn er den Dogmen des religiösen Weltbildes nicht verhaftet ist, so sieht er es anscheinend durchaus als realistisch an, diesen Beruf später einmal auszuüben.
Es ist nicht abzusehen, das seine späteren Theorien den theologisch noch indifferenten jungen Darwin zum überzeugten Agnostiker machen und in der wissenschaftlichtheologischen Diskussion über die Entstehung der Welt einen Flächenbrand auslösen werden. Die folgenden drei Jahre am Christ College in Cambridge lernt er und schließt das Studium 1830 mit Erfolg ab. Außerhalb seiner Pflichtveranstaltungen hört Darwin Vorlesungen bei dem Geistlichen Professor John Henslow und findet in ihm einen Freund und Tutor. Henslow ist es auch, der den frisch graduierten Darwin 1831 Kapitän Robert Fitzroy empfiehlt, der gerade das Forschungsschiff Beagle für eine Reise um die Welt vorbereitet...
Einmal um den Globus
Die Reise mit der Beagle
Im September 1831 erhält Darwin eine Anfrage von Kapitän FitzRoy, der einen gut ausgebildeten jungen Naturwissenschaftler als Reisebegleiter für eine zweijährige Expedition sucht. Ziel der Reise ist es, die Küste Südamerikas kartographisch zu erfassen - ohne Bezahlung, für Kost und Logis.
Darwin ist begeistert. Doch nachdem er gegen familiäre Widerstände erfolgreich ins Feld gezogen ist, scheitert sein Forschungseinsatz dann beinahe noch auf den letzten Metern. Nach einem ersten Kennenlernen der beiden zukünftigen Reisegefährten und einem beidseitigen positiven Eindruck wird Darwins "Nasenfaktor" zum Problem. FitzRoy geht davon aus, dass ein Mann mit einer Nase von Darwins Ausprägung weder genügend Eifer noch Energie für die Anforderungen einer solchen Reise mitbringt. Er wird schnell merken, dass er sich täuscht.
Am 27. Dezember 1831 läuft die Beagle aus dem Hafen von Plymouth aus. England wird sie nicht in den angestrebten zwei, sondern erst in fast fünf Jahren wiedersehen. Diese fünf Jahre werden nach Darwins eigenen Aussagen die wichtigsten seines Lebens werden. An Bord der Beagle umrundet er einmal die Welt, an jedem Ankerplatz begibt er sich auf ausgedehnte Erkundungstouren, von denen er Pflanzen und Tiere - vom Insekt bis zum Säugetier-, Gesteinsproben und Versteinerungen mitbringt. Seine Beobachtungen legt er sorgfältig in umfassenden Notizbüchern nieder. Er entdeckt Spuren ausgestorbener Arten und Versteinerungen von Meerestieren in den Hochlagen Südamerikas.
Intensiv beschäftigt er sich mit den Werken Lyells, die ihm Henslow zukommen läßt, und hält Kontakt mit der wissenschftlichen Welt im heimatlichen England. Bereits bei seiner Rückkehr wird er es zu einm beträchtlichen Bekanntheitsgrad gebracht haben, der durch seine umfangreiche Sammlung noch vermehrt wird. Diese umfaßt 1529 in Alkohol eingelegte Belgexemplare, knapp 4000 Felle, Knochen, Steine und über 2000 Seiten thematischer Notizen.
Er wird verändert nach England zurückkehren. War er vor seiner Abfahrt noch mehr oder weniger der kreationistischen Vorstellung der Entstehung des Lebens verhaftet, so entwickelt sich während seiner Reise immer mehr die Überzeugung, dass die Arten wandelbar sind. Doch zurück zur Beagle. Ein fünfwöchiger Aufenthalt auf einer kleinen Inselgruppe am Äquator nimmt die Schlüsselrolle in der Entwicklung der Selektionstheorie ein - Darwin betritt die Galápagos-Inseln...
Das Laboratorium der Evolution
Geschichte der "verzauberten Inseln"
"Die Erde ist wie Schlacke, wertlos, weil sie nicht die Kraft hat, auch nur ein bisschen Gras hervorzubringen", schrieb Tomas de Berlanga, Bischof von Panama im Jahr 1535 über das Eiland, der als erster Europäer die Galápagos-Inseln betrat. Er war eigentlich auf dem Weg nach Peru gewesen. In der Mission, zwischen den über die Reichtümer des frisch unterworfenen Inkareichs in Streit geratenen Konquistadoren zu schlichten sollte er schlichten und war vom Kurs abgekommen. Die unbekannte Strömung, die sein Schiff zu den dunklen, auf den ersten Blick karg erscheinenden Inseln führte, ließ die Inselgruppe wie aus dem Nichts am Horizont erscheinen. Oder die Inseln verschwanden ebenso schnell in diffusen Nebelbänken. Ein Archipel, das scheinbar ohne feste Koordinaten auf dem Meer trieb, unvermittelt aus dem Blickfeld verschwand oder wieder auftauchte und dessen Gewässer als schwierig beschiffbar galten - nicht ohne einen leichten Schauer wurde das Archipel von den Seefahrern "Islas Encantadas" - die verwunschenen Inseln - getauft.
Der Mythos, von dem die Insel umgeben wurde, kam einer Gruppe von Seefahrern, die die Verborgenheit bevorzugen, gerade recht. Über zwei Jahrhunderte, von 1590 bis 1790, dienten die Galápagos-Inseln vornehmlich englischen Piraten als Unterschlupf. Ihre Hinterlassenschaften - Bedarfsgegenstände des Alltags, wohnlich eingerichtete Höhlen und nicht zuletzt die englischen Bezeichnungen einiger Inseln des Archipels - sind auf diese ersten Nutznießer der Inseln zurückzuführen. Hier fanden sie, was sie zum täglichen Leben benötigten, Trinkwasser und leicht zu fangende Fleischvorräte.
Das Fleisch der endemischen Riesenschildkröten, die bis zu 350 Kilogramm auf die Waage bringen konnten, war zarter als jedes Hähnchenfleisch, so William Dampier, englischer Freibeuter im 17. Jahrhundert. Außerdem waren sie transportabel. Als lebende Konserven wurden sie in den Vorratsraum verladen und dienten auf Streifzügen als Frischfleischvorrat. Nicht nur ihr Fleisch wurde genutzt - die spanische Bezeichnung "galápago" - Schildkröte - gab dem Archipel seinen Namen.
Nach den Piraten kamen die Walfänger. Eigentlich auf der Jagd nach den damals noch zahlreichen Vorkommen der Pottwale im Ostpazifik, nahmen ganze Walfangflotten die guten Gaben des Archipels mit, bedienten sich bei den Riesenschildkröten und schlachteten massenweise Seelöwen und Seebären ab. Da die Inseln nie besiedelt waren, hatte die Tierwelt, die den Umgang mit dem räuberischen Menschen nicht gewohnt war und ihm mit Neugierde und Arglosigkeit entgegentrat, jetzt schon unter der Heimsuchung durch den Menschen zu leiden.
1832 änderte sich der Status der Inselgruppe. Das seit kurzem unabhängige Equador annektierte die Inseln und gab einige zur Besiedlung frei. Die erste Siedlung wurde auf Floreana errichtet, 1869 folgte San Cristóbal, 1897 Isabela und in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Santa Cruz.
Als Charles Darwin am 17. September 1835 an Bord der Beagle die Galápagosinseln erreicht, ist er der erste Naturwissenschaftler mit ausdrücklich wissenschaftlichem Interesse an diesem Reiseziel. Doch zunächst geht es ihm nicht anders als den anderen Europäern. Auch er empfindet den ersten Anblick des Archipels als trostlos und öde. Den Geschmack der Schildkrötensuppe weiß er sehr wohl zu schätzen, während er dem Fleisch der Tiere nicht viel abgewinnen kann.
Wie auf den anderen Etappen seiner Reise beginnt er hier mit dem Anlegen von ausgedehnten Sammlungen, die er anfangs auch bunt, nicht geordnet nach der Zugehörigkeit zu Inseln anlegt. Noch hat er nicht bemerkt, das die Tiere und Pflanzen, die auf den Inseln anzutreffen sind, sich zwar sehr ähneln, doch eigenständige Arten darstellen. "Es wäre mir doch nicht im Traume eingefallen, dass ungefähr 50 oder 60 Meilen voneinander entfernt liegende Inseln, die meisten in Sicht voneinander, aus genau denselben Gesteinen bestehend, in einem ganz ähnlichen Klima gelegen und nahezu zu derselben Höhe sich erhebend, verschiedene Bewohner haben sollten." Fünf Wochen verbringt Darwin auf dem Archipel, sammelt, macht Aufzeichnungen, studiert die örtlichen Gegebenheiten. Die Auswertung dieser fünf Wochen wird ihn zum Kerngedanken über die Entstehung der Arten führen, die erst 24 Jahre später veröffentlicht werden sollen....
Was Darwin auf den Inseln entdeckte...
Endemische Tierwelt
Die endemische, nur auf der Insel vorkommende Tier- und Pflanzenwelt der Galápagos-Inseln ist überschaubar. Im Laufe seines doch recht kurzen Aufenthaltes konnte er einen Großteil der Tierwelt und über die Hälfte der endemischen Pflanzen erfassen. Es herrschen klare Verhältnisse auf den 14 Inseln. Das Archipel ist jung, vulkanischen Ursprungs, isoliert und die Lebensbedingungen sind kleinräumig differenziert und zum Teil extrem. Das "Labor der Evolution" lieferte Darwin überschaubar alles was er für die Entwicklung der Selektonstheorie benötigte.
Riesenschildkröten
Riesenschildkröten, die einen sattelähnlich aufgebauten Panzer haben, gibt es auf verschiedenen trockenen Inseln des Archipels. Der Hals kann für ein so behäbig erscheinendes Tier erstaunlich weit vorgestreckt werden. So gelangt das Tier auch an schwerer zu erreichende Nahrungsquellen. Insgesamt 13 Arten dieser gewaltigen Kolosse beherbert das Archipel heute noch. Auch die Riesenschildkröten weisen erstaunliche Anpassungen an ihren Lebensraum auf. Auf extreme Trockenheit eingestellt, können sie Wochen und sogar Monate ohne Nahrung und Wasser überleben, da sie in ihrem Körper große Vorräte an Wasser und Fett deponieren können. Langlebigkeit und Gewicht sind daneben ihre hervorstechendsten Eigenschaften. Bis zu 350 Kilogramm schwer kann solch ein bepanzerter Riese werden und bei entsprechender Lebensführung ein geschätztes Alter von bis zu 200 Jahren erreichen - wahrhaft biblisch.
Tölpel
Von den weltwelt neun auftretenden Tölpelarten bewohnen drei die Galápagos-Inseln: der Blaufuß-, der Rotfuß- und der Maskentölpel. Diese Vögel sind geschickte Jäger, die aus großen Höhen wie ein Geschoß auf eine einmal erspähte Fischbeute abstürzen, sind liebevoll im Umgang mit dem Partner und umsichtige Eltern.
Warum dann also die Trivialbezeichnung Tölpel, die im englischen mit "boobies" - Einfaltspinsel - ihre Entsprechung findet? Diesen diskriminierenden Namen werden sie wohl ihrer Arglosigkeit und Neugierde zu verdanken haben, mit denen sie ihren wenig wohlmeinenden Namensgebern entgegengetreten sind. Die Nahrungsreviere haben sich die Tölpel nach "Gewichtsklasse" aufgeteilt. Die leichten Blaufußtölpel fischen in küstennahen Bereichen, die größeren und kräftigeren Maskentölpel in den Gewässern zwischen den Inseln. Die größten Tölpel, die schweren Rotfußtölpel können am tiefsten eintauchen und sich auf Beutezügen auf das freie Meer hinauswagen. Die Nahrungsnischen zwischen den Arten sind klar aufgeteilt, jeder könnte mit seinen Fischereirechten zufrieden sein, ... wenn es nicht die Fregattvögel gäbe.
Fregattvögel
Die Fregattvögel sind die Piraten der Lüfte, extrem fluggewandt und nicht minder geschickt darin, andere erfolgreiche Fischer so lange zu drangsalieren, bis diese die mitgebrachte Beute hervorwürgen oder fallenlassen. Dabei sind sie Leichtgewichte. Bei einer Flügelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern bringen die erwachsenen Vögel nur zweieinhalb Kilogramm auf die Waage.
Zwei Arten sind auf den Galápagos-Inseln beheimatet, der Bindenfregattvogel und der Prachtfregattvogel. Zur Balzzeit geraten die schwarzen Männchen beim Anblick jedes Weibchens in helle Aufregung, füllen ihren leuchtend roten Kehlsack und zeigen sich so von ihrer besten Seite...bis sich eine für ihn entscheidet. Nur die erwachsenen männlichen Fregattvögel besitzen den auffällig roten Kehlsack. Die Jungtiere weisen zunächst ein noch helles Jugendkleid auf, das allmählich durch das schwarzglänzende Gefieder ersetzt wird.
Meeresechsen
Wechselwarme Taucher
Schwarzer, vulkanischer Untergrund, davor ein bis zu 1,3 Meter großes Wesen, das mit seinem Drachenkamm, seiner schuppigen, vielfarbigen Haut und seinen kräftigen, krallenbewehrten Zehen der Urzeit entsprungen zu sein scheint. Doch dieser Eindruck täuscht. Meeresechsen, die auf den Galápagosinseln mit einer einzigen Art vertreten sind, sind friedliche Pflanzenfresser und erdgeschichtlich junge Vertreter in der Zeitpalette der Artenentstehung.
Auch ihr Archipel ist jung, erst vor vier Millionen Jahren erhoben sich die Schildvulkane der Galápagos-Inseln über die Wasseroberfläche. Die letzten echten Meeresechsen waren dagegen bereits mit den Dinosauriern zum Ende der Kreidezeit von unserem Planeten verschwunden. In mehreren Einwanderungswellen erreichten die landbewohnenden Reptilien von der Küste Südamerikas aus das Archipel, nach einem Wasserweg von über 1000 Kilometern wohl mehr tot als lebendig. Dennoch gelang es ihnen, einzigartige Anpassungen an einen extremen Standort zu entwickeln, der auch für ein robustes Reptil schwer zu bewältigen ist. Wasser- und Nahrungsmangel an Land führten die ehemaligen Landbewohner direkt ins Meer. Sie entwickelten als einziges heute auf der Erde lebendes Reptil die Fähigkeit zu tauchen - bis zu 15 Minuten kann eine Meerechse unter Wasser bleiben - und weideten dort die algenbewachsenen Lavaformationen ab. Lange Krallen an kräftigen Zehen helfen ihnen, sich auf ihren Unterwasser-Weidegründen festzuhalten. Um die über ihre Hauptnahrungsquelle reichhaltig aufgenommenen Salzmengen wieder auszuscheiden, entwickelten die Tiere Drüsen an der Nasenwand.
Als wechselwarme Taucher in kalten Strömungen, deren Temperatur in den Monaten Juni bis November bei 18 Grad Celsius liegen können, ließ sich die Tauchzeit nur unter Vermeidung allzu großer Wärmeverluste verlängern. Die Echsen sind in der Lage, dies über eine Reduktion des Herzschlages zu bewerkstelligen. Nach jedem Tauchgang nehmen sie ein ausgiebiges Sonnenbad auf den warmen Lavafelsen, um ihre "Betriebstemperatur" von 37 Grad Celsius wieder zu erreichen.
Männliche Meeresechsen verhalten sich nur in der Paarungszeit territorial. Männliche Konkurrenten werden an der Reviergrenze zwar bedroht aber selten kommt es zu Beißereien. Paarungswillige Weibchen hingegen haben freien Zutritt zum Revier betreten. Die dann aber in möglichst großer Zahl.
Darwin-Finken
Revolution der Wissenschaften
Die wohl bekanntesten Tiere der Galápagos-Inseln sind klein und auf den ersten Blick unspektakulär. Doch ihre Existenz lieferte einen entscheidenden Beleg für die Stimmigkeit der Selektionstheorie. Zunächst glaubte Darwin selbst nicht, dass es sich bei den Vögeln, die er auf den verschiedenen Inseln fing, um unterschiedliche Arten handeln sollte sondern hielt sie für Varietäten - und hielt es aus diesem Grund erst nicht für nötig, die Bälge den einzelnen Inseln zuzuordnen. Erst nach seiner Rückkehr nach London bestätigten ihm Ornithologen, dass es sich bei den Belegexemplaren um Vertreter unterschiedlicher Arten handelte. Alle 13 endemischen Arten, die heute auf der Insel vorkommen, sind auf eine Grundfinkenart zurückzuführen, dessen Nachkommen sich im Laufe der Erdgeschichte verschiedene Lebensräume oder "ökologische Nischen" erschlossen. Die Tendenz, unnötige Konkurrenz zu vermeiden und so die eigenen Chancen für eine Fortpflanzung zu erhöhen, ist letztendlich der Motor für die Entstehung der Arten.
Die Finkenarten, von denen manche nur auf einer einzigen Insel des Archipels vorkommen, unterscheiden sich grundsätzlich in Verhalten, Nahrungserwerb und äußerlich in der Form des Schnabels. Während der Großgrundfink einen dem heimischen Kernbeißer ähnlichen kräftigen Schnabel besitzt, ist der kleine Baumfink mit seinem dünnen Schnabel auf den Fang von Insekten eingestellt.
Auch extremere Anpassungen sind im Laufe des seit vier Millionen Jahren tätigen Evolutionslabors Galápagos möglich. Der Specht- und der Mangrovenfink benutzt ein Werkzeug - einen Kaktusstachel oder einen kleinen Zweig - um nach Termiten oder anderen Holzbewohnern zu stochern. Ein Fink wird mit dem herrschenden Flüssigkeitsmangel fertig, indem er Albatrossen und Tölpeln einzelne Schwanzfedern ausreißt und das an den offenen Kielansätzen austretende Blut aufleckt ... der Vampirfink von Wolf.
Was Darwin nicht sah ...
Die Unterwasserwelt
"Das Leben im Meer um Galápagos kontrastiert so stark mit dem Leben an Land wie der tropische Dschungel mit der arktischen Region. Die Landlebewesen sind wenig zahlreich und düster gefärbt, die Meeresorganismen aber bilden eine ungeheure Fülle und viele können mit den buntesten Schmetterlingen und Vögeln konkurrieren", so schrieb im Jahr 1923 der amerikanische Naturforscher William Beebe. Die Welt, die er beschreibt, blieb Charles Darwin verborgen, sie ist aber auf ihre Art ebenso faszinierend wie die Welt über dem Meeresspiegel. Über 25 Prozent der 300 in den Gewässern um Galapagos anzutreffenden Fischarten sind endemisch. Aber auch die nicht endemischen Bewohner des Meeres treten in bemerkenswerter Vielzahl auf. Hier jagen Pinguine nach Kaiser- oder Schmetterlingsfischen, in den Freiwasserzonen gleiten große Gruppen von Mantarochen, angelockt durch den Fischreichtum der Region, wie Vogelschwärme vorbei. Das Gebiet ist ein "Melting pot" unter Wasser, der in der Vielfalt und der unterschiedlichen Herkunft seiner Bewohner einzigartig ist.
Ursache und Lebensquelle für diesen besonderen Artenreichtum unter Wasser findet sich im Zusammentreffen von großen Meeresströmungen - dem Humboldt-Strom, dem Südäquatorialstrom, dem Nordäquatorial-Gegenstrom und dem Cromwell-Strom. Der Humboldt-Strom ist eine breite Meeresströmung, die längs der südamerikanischen Küste teils arktische Wässer, teils nährstoffreiche Tiefenwässer mit sich bringt. Diese werden durch den von Juni bis November besonders starken Südostpassat gegen die Küste Südamerikas gedrückt und gelangen in oberflächennahe Bereiche. Solche sogenannten "Upwelling" - Gebiete bedingen reiches Planktonwachstum und riesige Fischbestände. Die Unmengen an Sardellen, die um die Galapagos-Inseln anzutreffen sind, sind die Nahrungsgrundlage auch für viele Landbewohner des Archipels.
Auf der Höhe des Äquators biegt der Humboldt-Strom nach Westen ab und umspült Galapagos mit 18 bis 22 Grad Celsius kühlem Wasser. Seine Gegenströmung, der Nordäquatorialstrom, beeinflußt mit 25 bis 28 Grad Celsius warmen pazifischen Wässern Klima und Randzonen des Humboldt-Stromes.
Der äquatoriale Tiefenstrom, auch Cromwell-Strom genannt, besitzt besondere Bedeutung für die Galapagosinseln. Er strömt von westlicher Richtung auf das Archipel mit sehr kühlem (17 bis 18 Grad Celsius) mineralstoffreichen Wasser zu und wird durch die Inselplatte nach oben gezwungen. Vor allem die westlich gelegenen Inseln Fernandina und Isabela profitieren von dem kühlen Nass, hier sind die endemischen Galapagos-Pinguine, der flugunfähige Galapagos-Kormoran und viele Wale und Delphine anzutreffen.
Die Meeresströmungen sind allerdings mehr als reine Nährstoffversorger. Sie sind die Wasserstraßen, über die sowohl die Land- als auch die Wassertiere von Galapagos die zukünftige Heimat ihrer Nachfahren erreichen sollten. Darwin entdeckte die große Ähnlichkeit der Inselfauna und -flora mit der Südamerikas. Ein Reptil benötigt ungefähr zwei Wochen, um über ein Floß oder einen treibenden Landabbruch von Südamerika über den Humboldt-Strom an die Küste des Archipels zu gelangen. Unfreiwillig, versteht sich. Diesen Weg haben auch die Vorfahren desjenigen nehmen müssen, der heute der letzte seiner Art ist ... .
... der letzte seiner Art
Gefährdungen des Archipels
"Lonesome George" ist der letzte Vertreter einer Schildkröten-Art (Geochelone elephantopus abingdoni), die auf Pinta, einer kleinen, nördlich gelegenen Insel des Archipels über Jahrmillionen beheimatet war. Mit seinen 80 Jahren und der sorgsamen Pflege durch die Darwin Research Station hat hat er wohl noch einen Großteil seines Lebens vor sich. Doch der unwiederbringliche Verlust einer weiteren endemischen Art auf Galápagos ist sicher.
Ihren tragischen Verlauf nahm die Geschichte der Schildkröten mit den ersten Seefahrern. Die Eigenschaften der Tiere, die ihnen auf dem Archipel das Überleben gesichert hatten, machten sie besonders attraktiv. Bis zu einem Jahr konnten die Schildkröten ohne Wasser und Nahrung in den Laderäumen überleben und lieferten schmackhaftes Fleisch und Öl. Die weiblichen Tiere wurden zuerst dezimiert. Sie waren leichter als die Männchen, damit leichter zu transportieren und hielten sich zur Eiablage in den gut zugänglichen sandigen Küstenregionen auf.
Eine zweite Gefahr kam mit einer Besiedlungswelle auf. 1950 setzen Fischer auf Pinta Ziegen aus, die sich rasch vermehrten, die Vegetation zerstörten und unmittelbare Nahrungskonkurrenten für die unterlegenen Repitilien waren. Bevor George 1971 durch Ranger der Charles Darwin Research Station entdeckt wurde, waren zuletzt 1906 drei männliche Exemplare seiner Art auf der Insel registriert worden. Die Ziegen wurden zwar abgeschossen, doch die Art war nicht mehr zu retten.
Heute verbringt George gemeinsam mit weiblichen Riesenschildkröten der Art Geochelone elephantopus becki in einem Gehege auf Isabella unter den wachsamen Augen der Ranger seinen Lebensabend.
Die Drusenköpfe, die Landechsen des Archipels, sind ebenfalls durch eingeschleppte Tiere in Gefahr. Wildernde Hunde der besiedelten Insel Santa Cruz vernichteten 1976 nahezu die gesamte Populaton der hier lebenden Landechsen. Nur das Nachzuchtenprogramm der Charles Darwin Research Station konnte den schweren Verlust wieder auffangen. Für zwei der insgesamt 13 Riesenschildkrötenarten hat die Station es erreicht, dass sie nicht mehr unmittelbar vom Aussterben bedroht sind.
Auf Galápagos wird Artenschutz für die einzigartige Flora und Fauna der Inseln groß geschrieben - nur vier Prozent der Inseln ist besiedelt, der Rest der Fläche ist Nationalparkgebiet - dennoch sind viele Veränderungen nur noch einzudämmen, aber nicht mehr rückgängig zu machen. Die vom Festland mitgebrachten Ratten verdrängen die endemischen Reisratten, in der Vegetation setzen sich verstärkt wüchsige Pflanzen wie Avocado und Chinarinde durch. Auf der Insel San Cristobal überwuchert heutzutage monotones Guavengestrüpp die Hochlandvegetation. "Natürliche" Katastrophen wie El Nino, der 1997/98 einen großen Teil der endemischen Pinguinpopulation vernichtete, tun ihr übriges.
Ein weiterer Faktor ist der Tourismus, der seit den fünfziger Jahren einen kontinuierlichen Zuwachs erfahren hat. Vermeidung von Verschmutzung, Reduzierung des hohen Versorgungsaufwandes und Minimierung von Beeinträchtigung von Pflanzen- und Tierwelt verlangen logistische Höchstleistungen. Und auch diesen sind Grenzen gesetzt. 1996 bereisten 60.000 Touristen das kleine Archipel, und auch heute gibt es noch keine Zureisebeschränkungen. Es ist die Frage, wieviel ein ohnehin empfindliches und bereits angegriffenes Ökosystem auf Dauer verkraften kann...
Nach der großen Fahrt
Familienleben und ländliches Idyll
Am 2. Oktober 1836 erreicht die Beagle wieder die britische Küste. Zunächst lässt sich Darwin in London nieder und setzt sich neben der Auswertung der fünfjährigen Forschungsreise mit einer anderen schwerwiegenden Fragestellung auseinander ... mit dem Für und Wider der Ehe.
Die Ehe ist für den wohl eher unromantisch veranlagten Charles Darwin nicht unbedingt eine der drängendsten Fragen zum Thema Lebensführung. Mehr dem Wunsch seines Vaters als dem eigenen Bedürfnis folgend, wägt der mittlerweile Dreißigjährige die Vor- und Nachteile des Alleinseins mit der ehelichen Gemeinsamkeit ab. Er entschließt sich dann doch für am Kamin zu verbringende Abende mit einer Gattin, weibliche Plauderei, lästige Verwandtenbesuche und die im Viktorianischen Zeitalter übliche reiche Kinderschar. Darwin geht auf Brautschau.
Seine Wahl fällt auf ein Mitglied einer seit Generationen eng befreundeten Familie, auf seine Cousine Emma Wedgwood. Sie ist wohlhabend, gebildet, und als Schülerin von Chopin wohl auch recht musikalisch - die angenehmen Abende im Familienkreis sind gesichert. 1842 zieht das Ehepaar zur Familiengründung aus der Großstadt London fort in das Dorf Down in der Grafschaft Kent. Bis zu seinem Lebensende wird Charles Darwin seinen Wohnsitz nicht mehr wechseln.
Die angestrebte Familie stellt sich bald ein und wächst rasch. Charles und Emma Darwin werden im Laufe von 17 gemeinsamen Jahren zehn Mal Eltern. In der Zurückgezogenheit des ländlichen Down lebt die Familie ein viktorianisches Familienidyll. Alltagsleben und -arbeit von Darwin sind von einer ausgesprochenen Gleichförmigkeit gekennzeichnet, die seinem Lebensrythmus, vor allem aber seinem angegriffenen Gesundheitszustand entspricht. Dauerhafte gesundheitliche Probleme hat er sich seit seiner Fahrt mit der Beagle durch einen Wanzenstich die "Chara-Krankheit", eine chronische Virusinfektion, zugezogen, die ihn bis zu seinem Lebensende verfolgen soll.
Darwins Tagesablauf beginnt normalerweise um kurz vor acht Uhr mit dem Frühstück. Den Vormittag verbringt er in seinem Studierzimmer, um gegen 12 Uhr einen einstündigen Spaziergang zu absolvieren und nachzudenken. Nach dem Mittagessen erfolgt bis zur Teezeit die Mittagsruhe, dann ein kleinerer Spaziergang zur Anregung von Herz und Kreislauf. Zwei Stunden Arbeit am Nachmittag beenden den Arbeitstag, es folgt das Dinner. Im Anschluß spielt er eine oder zwei Partien Backgammon mit Emma oder lauscht ihrem Klavierspiel. Um halb neun ist Schlafenszeit für Charles Darwin. In solcher Lebensführung werden revolutionäre Ideen geboren...
Von den zehn Kindern versterben drei, die 1842 geborene Mary Eleanor im Alter von drei Wochen und der jüngste Sohn Charles Waring mit zwei Jahren. Der Tod seiner ältesten Tochter Annie erschüttert 1851 die Familie. Sie wird zehn Jahre alt bevor sie an dem mysteriösen Gallen-Nieren-Leiden stirbt, dessen Symptome die Familie Darwin-Wedgwood so gut kennt. Darwin selbst wird davon geplagt, seine Mutter war an einem ähnlichen Leiden verstorben.
Was die wissenschaftliche Arbeit angeht, steht bereits zu Anfang der vierziger Jahre die Theorie über die Entstehung der Arten in ihren Grundzügen. Trotz seines zurückgezogenen Lebens, zu dem ihn sein Gesundheitszustand zwingt, verliert er dennoch nicht den Kontakt zur wissenschaftlichen Welt. Nach seiner Rückkehr mit der Beagle hat er sich einen guten Namen in wissenschaftlichen Kreisen gemacht und pflegt regelmäßigen brieflichen Kontakt mit Kollegen. Freunde wie Henslow und Lyell sind regelmäßige und gern gesehene Gäste in seinem Haus in Kent.
Das viktorianische Weltbild
Spiegel des wissenschaftlichen Denkens
Die lange Geschichte der abendländischen Kultur hatte für eine evolutive Sichtweise der Welt nie Raum gelassen. Bereits Plato (427 - 347 v.Chr.) und sein Schüler Aristoteles (384-322 v. Chr.) gingen von einer Zweiteilung der Welt aus, die eine Weiterentwicklung im Sinne einer Veränderung ausschloss. Der Ideenwelt, der einzig idealen Welt der Vorstellung, steht die Sinnenwelt - die Welt, die der Mensch über die Sinne erfassen kann - gegenüber. Diese ist an sich unvollkommen, da sie lediglich ein unvollkommenes Abbild der Ideenwelt ist.
Der Naturforscher Aristoteles erkannte die verschiedenartige Komplexizität der Organismen und ordnete sie auf einer "Stufenleiter der Natur" an, auf der jedem Organismus seiner Organisationshöhe entsprechend unverrückbar eine Stufe zugeteilt wurde. Auch hier war für eine Weiterentwicklung im Sinne einer Anpassung durch "Stufenwechsel" nicht zu denken. Auf dieser Grundlage entwickelte sich in der jüdisch-christlichen Tradition der Kreationismus, dessen dogmatische Basis der alttestamentarische Schöpfungsbericht war. Ohne eigene Existenzberechtigung hatte die Naturwissenschaft lediglich die Aufgabe, Nachweise für eine derartige Denkungsweise zu liefern.
Eine ähnliche Richtung nahm die zu Zeiten Darwins in Europa und Amerika vorherrschende Naturtheologie ein. Wenn auch nicht in dem Maße an die Dogmen des Kreationismus gekettet, so ging auch der Anhänger der Natürlichen Theologie davon aus, dass die anzutreffenden Lebewesen sichtbare Umsetzungen eines göttlichen Schöpfungsplanes seien. Die Aufgabe des Naturforschers lag darin, die Organismen als Produkte des Schöpfers wie Puzzleteile an den ihnen vorbestimmten - in diesem Sinne natürlichen - Platz zurückzuführen und so den göttlichen Schöpfungsplan sichtbar zu machen. Ein bedeutender Vertreter dieser Denkungsweise ist bis heute in jedem lateinischen Artnamen verewigt - Carl von Linné. "Deus creavit, Linnaeus disposuit" (Gott erschafft, Linné ordnet).
Der Vater der modernen Systematik und Taxonomie, Erfinder der binären Nomenklatur, war zugleich ein Kind der Naturtheologie. Bei der bahnbrechenden Systematisierung des Pflanzen- und Tierreichs folgte er gedanklich ganz und gar der Schöpfungstheorie. Aber es geht auch anders. Darwin benutzte Jahre später eben diese systematische Gliederung, um seine Sichtweise über die Entstehung der Arten zu belegen.
Die Entstehung der Arten
Eine Veröffentlichung verändert die wissenschaftliche Welt Auch wenn die Grundideen über die Entstehung der Arten sich schnell bei Darwin entwickelt hatten, er zögerte lange bis er sich zur Veröffentlichung entschloss. Nach Meinung seines Freundes George Lyell, der zunächst keineswegs Darwins Ansichten über die Entwicklung des Lebens teilte, ließ Darwin sich zu viel Zeit. Er sollte Recht behalten. 1858 schickte ein junger Naturwissenschaftler namens Alfred Wallace aus Indonesien Darwin eine Abhandlung über die Entstehung der Arten zu, die in der Grundaussage identisch mit Darwins Theorien war. Er wandte sich an ihn mit der Bitte, seine Gedanken zu beurteilen und bei gegebener Eignung an George Lyell weiterzuleiten. Für Darwin war dies ein schwerer Schlag. Er schreibt an Lyell "...Ich sah noch nie eine verblüffendere Übereinstimmung... hierdurch wird all meine Originalität, wie weitreichend sie auch sein mag, zerstört". Sein Lebenswerk ist in Gefahr.
Doch es kommt nicht zu der befürchteten Katastrophe. Lyell und ein Kollege reichen am 1. Juli 1858 Wallace Artikel gemeinsam mit einer langen, von Darwin bereits 1844 verfassten Abhandlung über die Entstehung der Arten bei der Linnéan Society ein. Diese hatte Darwin in Anbetracht seines instabilen Gesundheitszustandes verfasst und seine Frau gebeten, diese im Fall seines plötzlichen Todes zu veröffentlichen. Darwin stellt nun rasch "The Origin of Species" - Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl - fertig und veröffentlicht die Arbeit im folgenden Jahr. Durch die Notizbücher zu seiner Arbeit, deren Eintragungen bereits im Jahr 1844 beginnen, ist für die Linnéan Society die geistige Urheberschaft der Theorie eindeutig geklärt. Seit diesem Zeitpunkt ist Darwin Vater eines neuen Erklärungsansatzes für die Entwicklung des Lebens.
Reifezeit
Die letzten Jahre
"Die Hauptarbeit meines Lebens" ist nach Darwins eigenen Worten die Entstehung der Arten. Ihre Kernaussagen - die Vertreter einer Art weisen individuelle Unterschiede auf, die erblich bedingt sind -, liefern die Grundlage für die natürliche Zuchtwahl, in denen "der Tüchtigste" überlebt.
Eine heftige wissenschaftliche Diskussion entbrennt, die ungefähr zehn Jahre andauern wird, und die alle Elemente des Darwinschen Gedankengebäudes ins Kreuzfeuer der Kritik rückt. Der Artbegriff, die natürliche Zuchtwahl, "Survival of the fittest" - Darwin hat sich lange und gründlich auf diese Kontroversen vorbereitet und setzt sich letztlich durch. Nach besagten zehn Jahren ist seine Theorie über die Entstehung der Arten in der wissenschaftlichen Welt anerkannt.
Während er in "The Origin of Species" noch mit keinem Wort auf die Herkunft des Menschen eingegangen ist, veröffentlicht er nun im Jahr 1871 "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" als konsequente Weiterführung seines Hauptwerks.
Die Vorstellung, dass Tier und Mensch das Endergebnis der Gesetzmäßigkeiten der Evolution und damit verwandte Lebewesen sind, ist (nicht nur) für viele Zeitgenossen Darwins eine abstruse Vorstellung.
Karikaturisten jener Zeit haben ihre helle Freude, und Darwin und seine Anhänger werden zu beliebten Motiven, zum Beispiel von "Punch" - Darwin als Wesen mit Affenkörper in von den Händen gestützter Fortbewegung, Darwin, wie er sich auf einer Feierlichkeit mit einem gut gekleideten und grinsenden Gorilla unterhält, Darwin als Wurm...
Darwin läßt sich nicht beirren. Er arbeitet kontinuierlich weiter und veröffentlicht 1872 "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren". Ein Jahr vor seinem Tod folgt seine Autobiographie und "Die Bildung der Ackererde durch die Würmer".
Am 19. April stirbt der 71-jährige Darwin in Down House an Herzversagen. Familie, Freunde und die wissenschaftliche Welt erweisen ihm in Westminster Abbey die letzte Ehre.
Kurzgefasst
Glossar
Katastrophentheorie
Begründet durch den französischen Anatomen George CUVIER (1769-1832). Aus seiner paläontologischen Forschungsarbeit, unter anderem im Pariser Becken, erkannte er, dass die Erdgeschichte sich in den Gesteinsschichten widerspiegelt. Das Verschwinden von versteinerten Überresten von Lebewesen von einer Schicht zu einer jüngeren erklärte er über den Einbruch von Naturkatastrophen, die in den Übergangsphasen das Leben auf der Erde zerstörten.
Das Auftreten von unbekannten Arten in jüngeren Gesteinsschichten, die zuvor fossil nicht nachgewiesen werden konnte, führte er auf die lokale Begrenzung solcher periodischer Katastrophen zurück, die eine Wiederbesiedlung durch Neueinwanderung fremder Arten zur Folge hatte. Extreme Vertreter gingen von der periodischen totalen Vernichtung allen Lebens und immer wiederkehrender "nachkatastrophaler" Neuschöpfung durch Gott aus. Das statische Weltbild konnte so gewahrt bleiben.
Gradualismus
Die Geologie spielte eine Vorreiterrolle in der Vorbereitung der darwin`schen Selektionstheorie. Noch vor Cuvier hatte der schottische Geologe James HUTTON eine Theorie aufgestellt, nach der die Gesteinsformationen Produkte von langsamen, kontinuierlichen Prozessen sind, die sich der direkten zeitlichen Erfassung entziehen..
Uniformitarianismus oder Aktualismus
Ein Zeitgenosse und späterer Freund Darwins, Charles LYELL (1797 - 1875) führte die Ideen Huttons weiter und kam zu zwei Schlussfolgerungen. Wenn die Erdkruste langsamen, kontiniuierlichen Veränderungen unterworfen ist, dann musste die Erde wesentlich älter sein als die von theologischer Seite geschätzten 6000 Jahre.
Die zweite Schlußfolgerung resultierte aus der ersten. Wenn der erdgschichtlichen Entwicklung weit größere zeitliche Dimensionen zur Verfügung gestanden haben als bisher angenommen, dann können die langsamen, kontinuierlichen Veränderungen der Erdoberfläche über diese geologischen Zeiträume betrachtet, beträchtliche Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild der Erde gehabt haben.
Lamarckismus
Nicht nur für die unbelebte, sondern auch für die belebte Materie wurde die Grundidee einer kontinuierlichen Weiterentwicklung bereits vor Darwin angewandt. Jean Baptiste Lamarck (1744-1829) betreute die Wirbellosensammlungen des Naturhistorischen Museums in Paris und stellte als erster eine umfassende Theorie über die Veränderbarkeit der Arten auf. Vom einfachsten bis zum komplexesten Lebewesen der Erde, alle sind der Veränderung durch die "sentiments interieurs", die inneren Bedürfnisse unterworfen.
Dieses innere Bedürfnis nach Weiterentwicklung ist nach Lamarck die treibende Kraft der Evolution, führt zur Ausprägung bestimmter Merkmale und zu einer immer besseren Anpassung an die Lebensbedingungen. In einer zweiten Annahme ging Lamarck davon aus, dass diese individuell erworbenen Fähigkeiten an die nächste Generation weitergegeben werden können. Wenn auch Lamarcks Theorie offiziell keinen Eingang in die wissenschaftlich adäquaten Postulate gefunden hatte, so war die Vorstellung von der Weitergabe erworbener Eigenschaften doch gängig.
Darwins Großvater Erasmus Darwin war in seiner "Zoonomia" selbst Lamarck`schen Denkansätzen gefolgt. Als der junge Darwin nach seiner Fahrt mit der Beagle sich mit dem Gedanken zu heiraten beschäftigte und - wohl im Hinblick auf mögliche Erbkrankheiten - seinen Vater nach dem Grund für den frühen Tod seiner Mutter befragte, bekam er von dem Mediziner eine "Lamarck´sche" Antwort. Sein Schwiegervater sei Alkoholiker gewesen und habe seiner Tochter ein Leberleiden vererbt, dass ihr heftige Schmerzen und einen frühen Tod gebracht habe. Doch in solchen Fällen genüge es schon, in der folgenden Generation abstinent zu leben, um die negative Eigenschaft aus der Vererbung wieder zu verbannen.
(Angelika Greif,03.05.2000)
Artikel: Sonja Bibis, Münchner Merkur Nr. 35 vom Donnerstag, 12. Februar 2009