Die Evolution des Menschen - News

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Klimawandel wurde Mammuts zum Verhängnis
Homo sapiens ist möglicherweise doch nicht schuld am Verschwinden der Eiszeitriesen. Bild: © Mauricio Anton, Lizenz
Meldung vom 20.08.2010 19:18
Rückgang der Steppen wahrscheinlich Hauptgrund für Aussterben der Eiszeitriesen
Nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor rund 21.000 Jahren folgten die Mammuts den sich zurückziehenden Gletschern in kühlere Regionen der Nordhalbkugel. Dort starben die Tiere zusammen mit weiteren großen Säugern wie Wollnashorn und Höhlenlöwe vor etwa 11.000 Jahren aus. Für dieses Massensterben wurden lange Zeit vor allem eiszeitliche Jäger verantwortlich gemacht. Jetzt belegt eine aktuelle Studie: Der Mensch war wahrscheinlich doch nicht die Hauptursache für das Verschwinden der Eiszeitriesen. Der Grund war wohl vielmehr das sich verändernde Klima.

„Die so genannte Megafauna hat bereits frühere Warmzeiten überlebt. Deshalb gingen bisher viele davon aus, dass die menschliche Jagd die Hauptursache für ihr Aussterben war. Unsere Ergebnisse bestätigen jedoch Untersuchungen der letzten Jahre, die dem Klima die größere Rolle beimessen“, erklärt Professor Thomas Hickler vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), der zusammen mit Wissenschaftlern aus England und Schweden an der neuen Studie beteiligt war.

Das internationale Forscherteam berichtet über die Ergebnisse dieser bisher umfangreichsten Untersuchung über Klima und Vegetation der Nordhalbkugel während der letzten Eiszeit im Fachjournal „Quarternary Science Reviews“.

Pollendaten und Computersimulationen als Hilfsmittel
Anhand von Pollendaten und Computersimulationen untersuchten die Wissenschaftler darin die durch den damaligen Klimawandel verursachten Veränderungen der Vegetation während und nach der Eiszeit. Die Ergebnisse belegen eindrucksvoll, wie sich der Lebensraum - parallel zu steigenden Temperaturen, bei zunehmender Feuchtigkeit und dem gleichzeitigen Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre – verändert hat. Die Produktivität der Ökosysteme nahm dabei insgesamt zu.

Die für die einst riesige Eiszeitsteppe typische krautige Biomasse, von der sich Eiszeitriesen wie Wollmammut und Wollnashorn ernährt hatten, wurde durch Wälder und Tundren verdrängt und ging stark zurück, so die Wissenschaftler. Die großen Säugetiere fanden deshalb immer weniger Nahrung – was schließlich, in Kombination mit der Bejagung durch den Menschen, zu ihrem Aussterben führte. Das hatte nach Angaben der Forscher auch für andere Tiere dramatische Folgen: Denn ohne die großen Pflanzenfresser fehlte auch Fleischfressern wie Höhlenlöwen und Höhlenbären die Beute, sie verschwanden ebenfalls.

Parallelen zu heute?
Hickler sieht in diesen eiszeitlichen Ereignissen eine Parallele zur heutigen Zeit. Im Hinblick auf die Bedrohung von Arten und Lebensräumen äußert der BiK-F-Wissenschaftler: „Die Auswirkungen der Kombination aus Klimawandel und menschlicher Einflussnahme auf die Ökosysteme könnte auch in naher Zukunft zu Massenaussterben führen, zumal es wahrscheinlich noch deutlich wärmer wird als damals.“

Außerdem greife der Mensch heute viel stärker in die Umwelt ein als damals durch die Jagd. „Land- und Forstwirtschaft nehmen bereits zirka 50 Prozent der Landoberfläche in Anspruch, und immer mehr Menschen konkurrieren mit der Artenvielfalt um das, was noch übrig ist“, so Hickler weiter.
von Prof. Dr. Thomas Hickler
Judy R.M. Allen, Thomas Hickler, Joy S. Singarayer, Martin T. Sykes, Paul J. Valdes, Brian Huntley,: Last glacial vegetation of northern Eurasia. - Quaternary Science Reviews doi:10.1016/j.quascirev.2010.05.031.
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Sensationsfund in Afrika
Schnittspuren an diesen Tierknochen stammen höchstwahrscheinlich von den ältesten Steinwerkzeugen. © Dikika Research Project
Meldung vom 12.08.2010 09:34
Forscher entdecken die ältesten bekannten Werkzeugspuren menschlicher Vorfahren
Die Vorfahren des Menschen nutzten bereits vor 3,4 Millionen Jahren Werkzeuge, um Fleisch von Knochen zu schaben – etwa 800.000 Jahre früher als bisher angenommen. Das schließt ein internationales Forscherteam aus Knochenfunden im westafrikanischen Äthiopien. Die entdeckten Knochen zeigen Schnitt- und Schlagspuren von Steinwerkzeugen. Vermutlich haben die Vormenschen damit Fleisch vom Knochen abgetrennt oder den Knochen geöffnet, um ans Knochenmark zu gelangen. Die Funde werfen ein neues Licht auf das Verhalten der Art Australopithecus afarensis. "Lucy", einer der bekanntesten Funde frühmenschlicher Überreste, gehörte zu dieser Hominidenart. "Die Entdeckungen geben Einblick in die Evolution und die Anfangsphase der Verwendung von Steinwerkzeugen".

Bisher galten andere Funde aus Äthiopien und Kenia als die frühesten Spuren frühmenschlichen Werkzeuggebrauchs. Die dort gefundenen Knochen weisen charakteristische Schnittspuren auf – ein eindeutiges Zeichen für den Gebrauch von Steinwerkzeug. Sie sind zwischen 2,5 und 2,6 Millionen Jahre alt. Anthropologen haben aber keine Fossilien der Werkzeughersteller entdeckt. Im nahegelegenen Hadar haben sie lediglich einen 2,4 Millionen Jahre alten Oberkiefer eines frühen Vertreters der Gattung Homo gefunden. Bisher vermuteten Wissenschaftler daher, dass diese Hominiden die ersten menschlichen Vorfahren waren, die Werkzeuge selbst herstellten und verwendeten.

Nun förderten weitere Grabungen in der Hadar Formation im äthiopischen Dikika mehr als 800.000 Jahre ältere Fossilien zutage. Zwei auf ein Alter von 3,4 Millionen Jahre datierte Knochen weisen Schnitt-, Schab- und Schlagspuren auf. Zudem fanden die Forscher in unmittelbarer Nähe ein fast komplettes Skelett eines jungen Australopithecus afarensis. Bekanntestes Fossil dieser Art ist „Lucy“: Ihr Skelett zählt zu den besterhaltenen Skeletten der frühen Vorfahren des Menschen – es ist nur 105 Zentimeter groß und wurde 1974 nicht weit von der jetzigen Fundstelle entdeckt. In der Fachliteratur wird "Lucy" als erwachsene Frau von 25 Jahren beschrieben, die vor ungefähr 3,2 Millionen Jahren gelebt hat.

Durch mikroskopische Analysen bewiesen die Wissenschaftler, dass die Spuren vor dem Fossilisieren der Knochen entstanden und nicht erst nachträglich oder beim Ausgraben beschädigt worden sind. Einer der Schnitte enthielt sogar noch einen winzigen Steinrest. "Die Spuren lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass sie von Steinwerkzeugen verursacht wurden", erklärt der Archäologe Curtis Marean von der Arizona State University, der die Knochen untersucht hat. Nach Ansicht des Wissenschaftlers handelt es sich um einen Oberschenkelknochen einer Ziege und eine Rippe einer Kuh. Die Anthropologen sind sich deshalb einig: Die Australopithecinen aus Dikika haben bereits größere Säugetiere verzehrt. Unbekannt ist, ob sie diese selbst jagten oder Aasfresser waren.

Ob die Hominiden Steine mit bereits scharfen Kanten als Werkzeuge verwendeten, oder ob sie sie sogar selbst anfertigten, ist noch unklar. Die Anthropologen fanden in der Nähe der Knochen bisher keine Werkzeuge, die darauf schließen lassen. "Ob Australopithecus afarensis in der Lage war sich derartige Werkzeuge selbst herzustellen, müssen wir erst noch herausfinden", erklärt McPherron.
von ddp/wissenschaft.de – David Köndgen
Shannon McPherron (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al.: Nature, Onlinevorabveröffentlichung, doi: 10.1038/nature09248, Bd. 466, S. 857
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Vormenschenfund: „Lucys Großvater“ ging schon aufrecht
Skelett des "Kadanuumuu" getauften Australopithecus afarensis KSD-VP-1/1 © Y. Haile-Selassie, L. Russell / Cleveland Museum of Natural History, PNAS
Meldung vom 29.06.2010 19:22
3,6 Millionen Jahre alter Australopithecus belegt Zweibeinigkeit
"Lucy's" Urgroßvater: Ein internationales Wissenschaftsteam unter Letung von Dr. Yohannes Haile-Selassie, Kurator des Cleveland Museum of Natural History und Leiter der Physical Anthropology hat in Äthiopien ein teilweise erhaltenes, ca. 3,6 Millionen Jahre altes Skelett entdeckt und analysiert. Dieser frühe Hominine ist rund 400.000 Jahre älter als die berühmte "Lucy" und von deutlich größerer Statur. Die Forschungen an dem neuen Fund zeigen, dass der fortschrittliche, menschenähnliche aufrechte Gang bereits viel früher entstanden sein muß, als bisher angenommen. Haile-Selassie ist federführender Autor der ersten Analyse des Skeletts, die in der Online-Ausgabe von Proceedings of the National Academy of Sciences im Juni 2010 veröffentlicht wurde.

Das Teilskelett gehört zu "Lucy's" Art Australopithecus afarensis. Der Entdeckung eines Unterarmknochens in der Gegend von Woranso Mille in der äthiopischen Afar-Region folgten 5 Jahre Ausgrabungsarbeit, bei der das vollständigste Schlüsselbein und eines der komplettesten Schulterblätter eines menschlichen Vorfahren zum Vorschein kamen. Auch ein großer Teil des Brustkorbs wurde gefunden.

Die Autoren gaben dem Fund den Spitznamen "Kadanuumuu", was in der Afar-Sprache "großer Mann" bedeutet und auf seine Körpergröße anspielen soll. Der männliche Hominine war zwischen 1,52-1,68 m groß, während "Lucy" nur 1,07 m groß war.

"Dieses Individuum war voll zweibeinig und hatte die Fähigkeit, fast wie moderne Menschen zu gehen", sagte Haile-Selassie. "Als Ergebnis dieser Entdeckung können wir jetzt mit Sicherheit sagen, dass "Lucy" und ihre Verwandten fast genauso kompetent auf zwei Beinen waren, wie wir es sind, und dass die Verlängerung der Beinknochen viel früher in unserer Evolution stattfand, als man zuvor dachte."

Dr. Haile-Selassie erklärt weiter: "All unser Verständnis über die Fortbewegungsweise von Australopithecus afarensis geht auf "Lucys" Skelett zurück. Weil sie ein außergewöhnlich kleines Weibchen mit absolut kurzen Beinen war, kamen einige Forscher zu der Ansicht, dass sie noch nicht vollständig an den aufrechten Gang angepasst war. Das neue Skelett wiederlegt diesen Eindruck, denn wenn Lucy so groß wie dieses Exemplar gewesen wäre, wären auch ihre Beine proportional länger gewesen."

Professor Dr. C. Owen Lovejoy von der Kent State University ist Co-Autor der Forschungsarbeit und half dabei, das Skelett zu analysieren. Wenn man das neue Skelett mit "Lucy" vergleicht, so Lovejoy, ist von beiden ein Becken, eine komplette untere Extremität sowie Elemente der oberen Extremitäten, der Wirbelsäule und des Brustkorbs erhalten. Aber der neue Fund hat umfassendere Rippen und ein fast vollständiges Schulterblatt, was uns viel mehr über die Körperform der Spezies Australopithecus afarensis verraten hat, als es "Lucy" allein in der Lage war.

Zu den Autoren der Forschungsarbeit gehören Dr. Bruce Latimer, Interim-Direktor des Center for Human Origins an der Case Western Reserve University und Dr. Beverly Saylor, außerordentlicher Professor für Geologie, ebenfalls an der Case Western Reserve University. Andere Co-Autoren arbeiten an der Addis Ababa University in Äthiopien, am Berkeley Geochronology Center und an der Stanford University.

Australopithecus afarensis ist der am besten erforschte, direkte frühe menschliche Vorfahre. Bis heute war Lucy das einzige teilweise erhaltene Skelett, das dieser Spezies zugeordnet wurde. "Lucy" ist ein 3,2 Millionen Jahre altes weibliches Individuum, das im Jahr 1974 von einem Team um Dr. Donald Johanson entdeckt wurde.

Die Analyse von "Kadanuumuu" deutet darauf hin, dass sich Schulter und Brustkorb dieser Art deutlich von Schimpansen unterscheiden. "Diese Ergebnisse bestätigen erneut, was wir bereits seit dem Fund von Ardi vermuteten: dass Schimpansen seit dem letztenVorfahren, den sie mit Menschen gemeinsam haben, eine sehr spezielle Evolution durchlaufen haben," so Lovejoy.

"Ardi" ist ein 4,4 Milionen Jahre altes Skelett eines Ardipithecus ramidus, das im Oktober 2009 von einem Team um Haile-Selassie, Lovejoy und assoziierten Forschern in der Zeitschrift "Science" als bahnbrechende Entdeckung des Jahres bezeichnet wurde. Klicken Sie hier, um mehr über "Ardi" zu erfahren.

von Hans-Peter Willig
(Cleveland Museum of Natural History, 23.06.2010 - NPO)
 

Ältester Lederschuh der Welt entdeckt
5.500 Jahre alter Lederschuh aus einer armenischen Höhle
Meldung vom 12.06.2010 19:46
Armenische Höhle konservierte 5.500 Jahre alte Schuhbekleidung
Archäologen haben in Armenien einen Schuh entdeckt, der tausend Jahre älter ist als die Pyramiden von Gizeh und 400 Jahre älter als Stonehenge. Der in einer Höhle extrem gut konservierte Lederschuh wurde auf ein Alter von 5.500 Jahren datiert und ist damit die älteste bekannte lederne Fußbekleidung der Welt.

Eine Höhle im Grenzgebiet von Armenien, Iran und der Türkei hat sich als wahre Schatzkammer der Archäologie entpuppt. Die stabilen, kalten und trockenen Bedingungen der in der Provinz Vayotz Dzor gelegenen Kaverne führten dazu, dass Objekte über Jahrtausende hinweg ungewöhnlich gut erhalten bleiben. Der Boden der Höhle war zudem mit einer dicken Schicht aus Schafsdung bedeckt, der Gegenstände darunter schützte und zur guten Erhaltung beitrug. Ausgrabungen eines internationalen Forscherteams unter Leitung des University College Cork entdeckten hier Funde aus der Kupferzeit, der für Europa typischen Periode zwischen der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit.

Lederschuh extrem gut erhalten
Zu den rund 5.500 Jahre alten Objekten gehörten nicht nur Gefäße mit konservierten Lebensmitteln wie Weizen und Gerste, Aprikosen und anderen essbaren Pflanzen, sondern auch ein Lederschuh in perfektem Erhaltungszustand. „Ich war erstaunt zu sehen, dass selbst die Schnürsenkel erhalten geblieben waren“, erklärt Diana Zardaryan, Forscherin vom armenischen Institut für Archäologie und Entdeckerin der urzeitlichen Fußbekleidung.

„Wir dachten anfänglich, dass der Schuh und andere Objekte nur rund 600 bis 700 Jahre alt waren, weil sie in so gutem Zustand waren“, ergänzt Ron Pinhasi vom University College Cork in Irland, Leiter der Ausgrabung. „Erst als das Material durch zwei Radiokarbonlabors in Oxford und Kalifornien datiert wurde, erkannten wir, dass der Schuh sogar ein paar hundert Jahre älter ist als die von Ötzi dem Eismann getragenen.“

Schuhgröße 37- für Mann oder Frau
Der auf 3.500 Jahre vor Christus datierte Schuh besteht aus einem einzigen Stück Leder, das an die Fußform des Trägers angepasst war. Er war mit Gras ausgestopft. Die Archäologen sind sich allerdings nicht sicher, ob dies der Kälteisolierung diente oder um den Schuh in Form zu halten. „Es ist nicht bekannt, ob der Schuh einem Mann oder einer Frau gehörte“, so Pinhasi. „Er entspricht der heutigen europäischen Größe 37, könnten aber zur damaligen Zeit durchaus auch einem Mann gepasst haben.”

„Noch wissen wir nicht, was der Schuh und die anderen Objekte in der Höhle zu suchen hatten oder für was diese Höhle genutzt worden ist“, erklärt Pinhasi weiter. „Wir wissen aber, dass es Gräber von Kindern im hinteren Teil der Höhle gibt. Aber über diese Periode ist so wenig bekannt, dass wir nicht mit Sicherheit sagen können, warum all diese Objekte zusammen gefunden wurden.“ Das Forscherteam wird jetzt weitere, noch unerschlossene Bereiche der Höhle ausgraben.

Ähnlichkeiten mit später weit verbreitetem Schuhtyp
Interessanterweise gleicht der Urzeit-Schuh in seiner Machart den „Pampooties”, einer Schuhform, die noch bis in die 1950er Jahre auf den irischen Aran Inseln hergestellt und getragen wurden. „Tatsächlich existieren enorme Ähnlichkeiten in Herstellungstechnik und Stil dieser Schuhe mit denen, die in ganz Europa auch in späteren Perioden gefunden wurden. Das deutet darauf hin, dass dieser Schuhtyp Jahrtausende lang über eine große und in ihren Lebensbedingungen sehr verschiedenartige Region getragen worden sind“, so der Forscher. Die Ergebnisse ihrer bisherigen Ausgrabung sind jetzt in der Fachzeitschrift „PloS One“ erschienen.
von
University College Cork, 10.06.2010 - NPO
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Neuer Australopithecus entdeckt
Schädelrekonstruktion (im Hintergrund) und Originalschädel von MH1. (Bild: Mediadesk Uni Zürich)
Meldung vom 09.04.2010 19:15
In Südafrika haben Wissenschaftler eine neue Hominidenart entdeckt, die ein Bindeglied zwischen dem Australopithecus und den ersten Menschenformen sein könnte
Lee Berger blickte hinüber zu seinem 9-jahrigen Sohn Matthew, der einen Felsbrocken in der Hand hielt. Aus ihm ragten Knochen, die auf den ersten Blick zu einer Antilope zu gehören schienen, eine häufige fossile Tierart in alten südafrikanischen Gesteinen. Als Berger aber den Felsbrocken genauer unter die Lupe nahm, erkannter er etwas weitaus wichtigeres: Das Schlüssenbein eines frühen Homininen. Als der Paläoanthropologe von der Witwatersrand Universität in Johannesburg den Felsbrocken nocheinmal umdrehte, ragte ihm ein homininer Unterkiefer entgegen. "Ich konnte es nicht glauben", sagt er. Als erstes Grabungsteam konnte die Swiss Fieldschool des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich unter der Leitung von Peter Schmid die neue Fundstelle Malapa nördlich von Johannesburg bearbeiten. Das Zürcher Grabungsteam hat inzwischen mehr als 180 Elemente von mindestens vier Individuen dieses bisher unbekannten, möglichen Vorfahren des Menschen gefunden.

In der Ausgabe des Science Magazins vom April 2010 beschreiben Berger und seine Mitarbeiter diese Überreste, die zusammen mit zahlreichen anderen Fossilien seit 2008 in Malapa Höhle nördlich von Johannesburg gefunden wurden, als eine neue Spezies von Australopithecus. Australopithecus sediba, so der vollständige wissenschaftliche Name der neuen Art, wurde auf ein Alter von etwa 2 Millionen Jahren datiert. Sediba bedeutet "Quelle" in der Sprache der Sesotho, einem südafrikanischen Volksstamm. Die Australopithecinen umfassen verschiedene Arten wie beispielsweise den Australopithecus africanus, den Australopithecus afarensis oder den Australopithecus garhi. Sie sind vor gut 4 Millionen Jahren aufgetaucht und vor circa 1,4 bis 1,5 Millionen wieder Jahren ausgestorben. Sie kommen nur auf dem afrikanischen Kontinent vor und aus ihnen entwickelte sich die Gattung Homo und damit unsere eigene Art, der Homo sapiens. Die Fossilien zeigen eine Mischung aus primitiven Merkmalen der typischen Australopithecinen und fortgeschrittene, typische Merkmale der späteren Menschenarten. Das Team um Berger geht davon aus, dass die neue Art derzeit der beste Kandidat für einen unmittelbaren Vorfahren unserer eigenen Gattung Homo ist.

Diese Behauptung ist sehr bedeutend, und einige Wissenschaftler mögen noch nicht richtig daran glauben. Aber ob die neue Homininenart nun ein Vorfahr von Homo ist oder nur einen Seitenzweig von späten überlebenden Australopithecinen repräsentiert, so stimmen die Forscher doch überein, dass die Fossilien aufgrund ihrer Vollständigkeit, darunter ein Schädel und viele postcraniale Knochen, neues Licht auf eine Phase der menschlichen Evolution werfen, die noch weitgehend im Dunkeln liegt. "Dies ist wirklich ein bemerkenswerter Fund", sagt Meave Leakey, Paläontologin an den National Museums of Kenya in Nairobi, und meint weiter, dass es sich hier tatsächlich um einen Australopithecus handelt. "Sehr schöne Exemplare", stimmt der Anthropologe William Kimbel von der Arizona State University (ASU) in Tempe zu, ist aber im Gegensatz zu Leakey der Auffassung, dass die neue Art der Gattung Homo zuzschreiben ist.

Derart unterschiedliche Ansichten, wie man diese Fossilien klassifizieren soll, spiegeln die noch ausstehende Debatte wieder, worin es darum gehen wird, ob die neuen Fossilien Teil unserer eigenen Linie sind oder zu einem südafrikanischen Seitenast gehören. Die ältesten Exemplare von Homo sind bruchstückhaft und rätselhaft, so dass Forscher sich nicht sicher über die evolutionären Übergänge zwischen den Australopithecinen und Homo sind. Einige denken, dass die ältesten Fossilien, die man derzeit der Gattung Homo zuordnet, nämlich Homo habilis und Homo rudolfensis mit einem Alter von etwa 2,3 Millionen Jahren, in Wirklichkeit Australopithecinen sind . "Der Übergang zu Homo bleibt weiter völlig im Dunkeln", sagt der Paläoanthropologe Donald Johanson von der Arizona State University (ASU) in Tempe, der die neuen Fossilien bereits in Augenschein hat nehmen können. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass die Experten darüber uneins sind, ob die neuen Knochen zum späten Australopithecus oder frühen Homo gehören. Und zumindest für den Augenblick scheinen die neuen Funde keine Sicherheit zu bringen. "Alle neuen Entdeckungen sind erst einmal eher verwirrend", so die Anthropologin Susan Antón der New York University.

Die neuen Funde sind Teil eines Projekts, das Berger Anfang 2008 mit dem Geologen Paul Dirks, heute an der James Cook University in Townsville, Australien, ins Leben rief, um neue Höhlen zu identifizieren, die möglicherweise Fossilien von Homininen enthalten könnten. Malapa ist eine solche Höhle, die von Bergleuten im frühen 20. Jahrhundert ausgekundschaftet wurde; sie hatten offenbar den Kalksteinblock, den der kleine Matthew Berger fand, aus der Höhle geworfen. Sie ist nur 15 Kilometer nordöstlich von dem berühmten Homininenfundort Sterkfontein entfernt.

Als Berger's Team in der Höhle grub, fanden sie weitere Fossilien, darunter einen fast vollständigen Schädel und ein teilweise erhaltenes Skelett eines 11-12 Jahre alten Jungen, sowie ein erwachsenes, weibliches Skelett, das in den Höhlensedimenten eingebettet war. Weitere Knochen von mindestens zwei Individuen, möglicherweise ein Säugling und ein weiteres weibliches Individuum, sind noch nicht beschrieben und veröffentlicht. Die Fossilien heißen noch schlicht MH1 und MH2. Für MH2, den Halbwüchsigen, sollen die Kinder Südafrikas einen Namen wählen, um zu bekräftigen, dass die Fossilien dem südafrikanischen Volk gehören.

Dirks holte sich Hilfe von mehreren Sachverständigen, um die Fossilien zu datieren. Labore in Bern und Melbourne führten unabhängige Uran-Blei-Datierungen von Ablagerungen durch, die unmittelbar unter den Fossilen entnommen wurden. Die Experten ermittelten für die Ablagerungen ein Alter von 2,024 bis 2,026 Millionen Jahren mit einer maximalen Fehlergrenze von ± 62.000 Jahre. Paläomagnetische Studien legen nahe, dass die Schichten, in denen die Fossilien abgelagert wurden, zwischen 1,95 Millionen und 1,78 Millionen Jahre alt sind, und biostratigraphische Untersuchungen von Tierknochen, die mit den neuen Homininen gefunden wurden, deckten sich mit all diesen Daten.

Das Alter, das mittels der Uran-Blei-Datierung bestimmt wurde, ist "glaubhaft" und weist darauf hin, dass die Fossilien nicht älter als 2 Millionen Jahre sind, meint der Geologe Paul Renne vom Berkeley Geochronology Center in Kalifornien, unter Berufung auf die guten Reputationen der Berner und Melbourner Wissenschaftler. Das jüngere Alter durch die paläomagnetische Altersbestimmung, die von einer korrekten Identifizierung früherer Polatitätswechsel des Magnetfelds der Erde abhängt, hält Renne für weniger überzeugend. Die Stratigraphie der Höhle ist möglicherweise nicht vollständig genug, um das sehr viel jüngere Alter, das die paläomagnetische Methode ergab, formell anzuerkennen, sagt er. Der Geochemiker Henry Schwarcz von der McMaster University in Hamilton, Kanada, gibt zu Bedenken, dass die Homininen erst durch Wasserläufte an die exakte Fundstelle verbracht worden sein könnten, nachdem sie durch Erdlöcher von oben in die Höhle fielen. Wenn dies zutrifft, dann können die Fossilien zeitlich nicht mit den Ablagerungen unter und über ihnen in Verbindung gebracht werden, sagt Schwarcz. Dirks lehnt diesen Vorschlag ab und weist darauf hin, dass die Knochen teilweise miteinander artikuliert waren, was bedeutet, dass sie bald nach dem Tod mit Sedimenten bedeckt wurden.

Für den Moment akzeptieren viele Forscher die Altersbestimungen und wenden sich nun der Hypothese von Lee Bergers Team zu, dass Australopithecus sediba eine neue Art aus der Übergangszeit von Australopithecus zum frühen Homo repräsentiert. Diese Idee passt gut zu Bergers lang gehegter, aber kontroverser Ansicht, dass Australopithecus africanus der wahre Vorfahre von Homo ist und nicht die ältere Art Australopithecus afarensis, zu der auch das berühmte Skelett "Lucy" gehört. (Einige andere Behauptungen Bergers haben in der Vergangenheit heftige Kritik geerntet, einschließlich eines aufsehenerregenden Berichts aus 2008 über kleine Menschen auf Palau, von denen Berger annahm, dass sie Licht auf die kleinen Hobbits auf Flores in Indonesien werfen könnten. Aber andere Forscher sind sich sicher, dass die Knochen von Palau zu einem modernen Menschen von normaler Körpergröße gehören).

Die Aussagen, die das Forscherteam über Australopithecus sediba macht, basieren auf Merkmalen, die man in beiden Gattungen finden kann. Eindeutig auf der Seite der Australopithecinen ist das Gehirnvolumen des jugendlichen Schädels (etwa 95 % der Größe eines Erwachsenen), das mit 420 cm³ kleiner ist, als die kleinsten bekannten, etwa 510 cm³ großen Homogehirne und sogar kleiner als Australopithecus africanus, dessen Gehirnvolumen mit etwa 480cm³ angegeben wird. Der Gesichtsumriss unterscheidet sich hingegen vom Australopithecus durch weniger ausgedehnte Jochbeine und eine schräg nach unten verlaufende Kontur des Oberkiefers. Der Unterkiefer lässt ein stark fliehendes Kinn vermissen und der Eckzahn ist eher schmal und klein. Die kleine Körpergröße der beiden Skelette mit einem Maximum von etwa 1,3 Metern, ist ebenfalls typisch für die Australopithecinen, wie auch die relativ langen Arme und der Schultergürtel. Das Gelenk des Schulterblatts ist deutlich nach oben gerichtet und die Achselkante ist sehr kräftig. Die Gelenksenden des Oberarms sind massiv. Die Unterarmknochen sind affenähnlich lang. Die Fingerknochen sind robust, gebogen und besitzen starke Ansatzstellen für die Sehnen der Beugemuskeln, was auf kräftige Kletterhände deutet. Zahlreiche Merkmale des Oberschenkels, des Kniegelenks und des Sprunggelenks lassen vermuten, dass Australopithecus sediba sich ähnlich bewegte wie die übrigen Australopithecinen. Das Sprunggelenk und das Fersenbein sind so geformt, dass der Fuss vermehrt nach innen gedreht werden konnte, was für das Klettern von Vorteil ist. Der Hominine konnte aber auch aufrecht am Boden auf zwei Beinen gehen. Die Beinknochen scheinen allerdings länger zu sein als bei den Australopithecinen. Das Forscherteam ist der Meinung, dass Australopithecus sediba em ehesten Australopithecus africanus ähnelt, der vor etwa 3,0 bis 2,4 Millionen Jahren in Südafrika lebte und der wahrscheinlichste Vorfahr der neuen Art ist.

Aber Australopithecus sediba unterscheidet sich aber auch von Australopithecus africanus in einigen Merkmalen, die ihn mit Homo verbinden. Verglichen mit anderen Australopithecinen, hat Australopithecus sediba kleinere Zähne, weniger ausgeprägte Wangenknochen und eine prominentere Nase, sowie längere Beine und Veränderungen im Becken ähnlich wie beim späteren Homo erectus. Diese Art, deren frühe afrikanische Vertreter auch als Homo ergaster bezeichnet werden, gilt als Vorfahr des Homo sapiens und trat erstmals vor etwa 1,9 Millionen Jahren in Afrika auf den Plan. Einige Merkmale des Beckens von Australopithecus sediba, wie etwa der untere Teil des Sitzbeins, der kürzer als bei anderen Australopithecinen ist, "sieht so aus, als ob er mehr in Richtung Homo tendiert", sagt Christopher Ruff, biologischer Anthropologe an der Johns Hopkins Medical School in Baltimore, Maryland. Wegen dieser menschenähnlicheren Merkmale sind einige Experten der Ansicht, dass die Fossilien nicht zu Australopithecus gehören, sondern zu Homo. "Ich wäre glücklicher, wenn man sie als Homo bezeichnen würde," und zwar wegen der geringen Größe der Zähne und anderer Strukturen, wie etwa die Form der Höcker, sagt Antón. "Es ist Homo", stimmt Johanson zu, und führt Merkmale wie den relativ grazilen Unterkiefer des neuen Homininen an.

Andere sind von diesen Argumenten nicht überzeugt. Die wenigen Merkmale, die sich Australopithecus sediba und Homo teilen, könnten mit normalen Schwankungen unter Australopithecinen erklärt werden oder durch das juvenile Lebensalter eins der Fossilen, argumentiert Tim White, Paläoanthropologe an der University of California, Berkeley. Diese Merkmale verändern sich, wenn ein Hominine wächst, und Merkmale eines jungen Australopithecus könnten fälschlicherweise als Merkmale eines Erwachsenen der Gattung Homo interpretiert werden. White und andere, wie Ron Clarke von der Witwatersrand Universität in Johannesburg glauben, dass die neuen Fossilien zu einer späten Version des überlebenden Australopithecus africanus oder zu einer eng verwandten Schwesterart gehören, und daher kaum Informationen über diese Linie liefern. "Angesichts des relativ jungen Alters und der australopithecinen-ähnlichen Anatomie tragen die neuen Fossilien wenig zum Verständnis des Ursprungs der Gattung Homo bei", sagt White.

Wenn man Australopithecus sediba in die Gattung Homo stellen würde, müsste man "eine generelle Neudefinition" dieser Gattung durchführen, fügt der Paläoanthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London hinzu. Mit seinen höchstens 2 Millionen Jahren ist Australopithecus sediba jünger als einige Homo-Fossilien aus anderen Teilen Afrikas, wie etwa ein Oberkiefer aus Äthiopien oder ein Unterkiefer aus Malawi, die beide auf etwa 2,3 Millionen Jahre datiert werden. Berger und seine Kollegen sind sich indes auch einig, dass die Individuen aus Malapa selbst keine Vorfahren von Homo sein können, legen aber nahe, dass Australopithecus sediba bereits früher entstanden sein könnte, wobei die Malapa-Homininen späte überlebende Mitglieder dieser Spezies sein könnten.

Das Team um Lee Berger zerbrach sich lange den Kopf, ob man die Fossilien Homo zuordnen sollte, entschied sich dann aber angesichts der geringen Gehirnkapazität und anderer Merkmale, "dass sie Australopithecus waren", sagt Teammitglied Steven Churchill von der Duke University in Durham, North Carolina. Wie man sie letztendlich auch klassifizieren wird, die Malapa-Funde sind "wichtige Exemplare bei der Besprechung über den Ursprung unserer Gattung", sagt Antón, und "müssen in der Diskussion berücksichtigt werden."
von
Science 9 April 2010: Vol. 328. no. 5975, pp. 154 - 155 DOI: 10.1126/science.328.5975.154
Quelle

© Hans-Peter Willig, München User online 3   gestern 908   heute 145 Glossar LinklisteSitemapMail