Abodriten

Dieser Artikel beschreibt den Stammesverband der Obodriten/Abodriten. Das gleichnamige Adelsgeschlecht, siehe Obodriten (Adel)
Stammesgebiet der Abodriten Abodriti um das Jahr 1000

Die Abodriten (auch Obotriten oder Bodrizen) waren ein westlawischer Stammesverband, der sich im 8. Jahrhundert in Mecklenburg und Holstein gebildet[1] hatte. Trotz ihrer exponierten geopolitischen Lage behaupteten die Abodriten ihre politische Eigenständigkeit gegenüber fränkisch-sächsischen und dänischen Hegemonialbestrebungen bis in das 12. Jahrhundert, ehe diese von Heinrich dem Löwen 1160 zerschlagen und das Stammesgebiet in seinen Herrschaftsbereich eingegliedert wurde.[2] Dem Stammesverband gehörten neben den Abodriten im engeren Sinn zu unterschiedlichen Zeiten neben den Wagriern, Polaben und Warnowern auch die Stämme der Travnjanen, Kessiner, Zirzipanen, Smeldinger, Bethenzer und Linonen an.[3] Aus den Fürsten der Abodriten ging das bis 1918 herrschende mecklenburgische Fürstengeschlecht hervor.

Name

Der Name der Abodriten begegnet erstmals für das Jahr 789 in den für diesen Eintrag zeitgenössischen[4] Reichsannalen als Abotriti. Einhard berichtet in der Vita Karoli Magni von Abodriti. Die Schreibweise Obodritos findet sich ab Mitte des 9. Jahrhunderts, zunächst in einem Brief des fränkischen Kaisers Lothar aus dem Jahr 851. Die Chronisten Adam von Bremen (Obodriti) und Helmold von Bosau (Obotriti) gebrauchen im 11. und 12. Jahrhundert dann durchgängig die Bezeichnung Obodriten. Eine Eigenbenennung ist nicht überliefert. Heute werden beide Schreibweisen verwendet. Demgegenüber konnte sich die Benennung als Bodrizen nicht durchsetzen. Dabei handelte es sich um das Ergebnis einer sprachwissenschaftlichen Ableitung des 19. Jahrhunderts.[5]. Eine allgemein anerkannte Bestimmung von Herkunft und Bedeutung des Namens existiert bislang nicht. Die Meinungen reichen von slavisch[6] bis völlig unslavisch[7]. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Deutungen aus: Danach verweise der Name auf eine Herkunft aus dem Odergebiet (ob-odriti), sei von einem nicht überlieferten Stammeshäuptling Bodr abgeleitet, entspreche dem russischen obodrat für Grenzräuber [8] oder er habe seine Wurzel im griechischen άπάτριδες, was sinngemäß mit Die Heimatlosen zu übersetzen sei.[9]

Siedlungsgebiet

Ende des 8. Jahrhunderts siedelten die Abodriten in zwei räumlich voneinander getrennten Gebieten: Das westliche Siedlungsgebiet, bestehend aus dem nördlichen Lauenburg mit Hauptburg in Hammer, dem Lübecker Becken mit Hauptburg in Pöppendorf und Ostholstein mit Hauptburg in Starigard grenzte im Norden an das Herrschaftsgebiet der Dänen, im Westen an das sächsische Nordalbingien und im Süden an das ebenfalls sächsische Ostfalen. Benachbart zum östlichen Siedlungsgebiet zwischen Wismar und Schwerin mit den Hauptburgen in Dorf Mecklenburg und Ilow befand sich das Stammesgebiet der Wilzen.[10]

Geschichte

Abodritenfürst Niklot (1090-1160), Statue am Schweriner Schloss aus dem Jahr 1855

Mit Beginn des 7. Jahrhundert wanderten slawische Gruppen in das Gebiet zwischen Oder und Elbe bis hinauf nach Ostholstein ein.

780 schlossen Franken und Abodriten an der Ohremündung ein Bündnis[11], und 789 kämpften die Abodriten unter ihrem König Witzan an der Seite der Franken gegen die Wilzen.[12]

Von 794 bis 799 beteiligten sich die Abodriten dann unter ihren Anführern Witzan und dessen Sohn Drasco auf der Seite der Franken unter Karl dem Großen an dessen Krieg gegen die Sachsen. Witzan fiel 795 bei Bardowieck. Im Jahr 798 fand die entscheidende Schlacht auf dem Sventanafeld statt, die für die Abodriten siegreich endete. In der Folge erhielten die Abodriten 804 von Karl dem Großen Teile des ehemals sächsischen Siedlungsgebietes zugewiesen, der sich von ihrer Ansiedlung einerseits einen Schutz der fränkischen Nordgrenze vor den Dänen erhofft, andererseits den Sachsen die Rückzugsmöglichkeit zu den Dänen abschneiden wollte. Karl etablierte Drasco in Hollenstedt als neuen König der Abodriten.[13]

Im Jahr 808 zerstörte der Dänenkönig Gudfred den abodritisch-dänischen Handelsplatz Reric.[14] Drasco musste fliehen, der mit ihm verbündete dänische Herzog Godelaib wurde von Gudfred hingerichtet. Zwei Drittel der Abodriten wurden den Dänen tributpflichtig. Drasco überließ Gudfred seinen Sohn Ceadrag als Geisel, ein sicheres Zeichen der Niederlage und ein Akt der Unterwerfung. Karls Nordpolitik war damit gescheitert. Er übertrug Nordalbingien deshalb 810 wieder den Sachsen und grenzte deren Siedlungsgebiet gegenüber den Abodriten mit dem Limes Saxoniae ab, einer siedlungsleeren und schwer passierbaren Urwaldgrenze.

Ab 819 gab es mit Liubice die erste Befestigung an der Mündung der Schwartau in die Trave, die von den Franken als Bedrohung empfunden wurde und sie 822 zur Errichtung der Delbende veranlasste.

821 wird Slavomir von Stargard (Oldenburg) getauft, der erste bekannte christliche Slawenfürst, der jedoch zunächst ein Einzelfall blieb.

Kaiser Otto I. führt im Jahr 955 Krieg gegen die Abodriten und gewinnt am 16. Oktober 955 in der Schlacht an der Raxa. Die Abodriten werden unterworfen und es wird auf ihrem Gebiet die Mark der Billunger gebildet. Knapp dreißig Jahre später im Jahr 983 beginnt der erste große Slawenaufstand. Es gelingt den Abodriten das Gebiet von der deutschen Herrschaft zu befreien.

Im Jahr 1043 wird der Nakonide Gottschalk zum Herzog (König, Knes) der Abodriten. In Anlehnung an Adalbert von Bremen bemüht er sich um die Errichtung eines elbslawischen christlichen Staats nach polnischem Vorbild. Nach dem Sturz Adalberts im Jahr 1066 wird Gottschalk ermordet und Kruto übernimmt die Herrschaft. Immer wieder wechselt die Herrschaft über die Abodriten zwischen christlichen und heidnischen Herrschern, bis hin zum Heiden Niklot. Erst ab dessen Sohn Pribislav, der zum Christentum übertritt, wird Mecklenburg kontinuierlich von christlichen Fürsten beherrscht.

Im Jahr 1090 ermordet Gottschalks Sohn Heinrich seinen Gegenspieler Kruto mit Hilfe der Dänen und übernimmt nach der Schlacht bei Schmilau 1093 die Herrschaft im Abodritenland. Als er im Jahr 1127 stirbt, zerfällt sein Reich, nachdem Heinrichs Schwager Kanut 1131 ermordet worden war. Wenig später unternimmt der Sachsenherzog Heinrich der Löwe 1147 mit dem Wendenkreuzzug erfolgreich den Versuch, große Teile des Abodritenreiches zu unterwerfen. Es folgt 1160 ein Krieg der Dänen und der Sachsen gegen das Restreich der Abodriten, in welchem der abodritische Stammesfürst Niklot (Regentschaft 1131-1160) umkommt. Pribislav, ein Sohn des Fürsten Niklot, erhält 1167 nach seiner Unterwerfung das Erbe seines Vaters als Lehen Heinrichs des Löwen zurück. Er gründet damit das Geschlecht der späteren Herzöge von Mecklenburg.

Quellen

  • Friedrich Kurze (Hrsg.): Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 6: Annales regni Francorum inde ab a. 741 usque ad a. 829, qui dicuntur Annales Laurissenses maiores et Einhardi. Hannover 1895 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. In: Werner Trillmich, Rudolf Buchner (Hrsg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches. (FSGA 11), 7. Auflage. Darmstadt 2000, ISBN 3-534-00602-X, S. 137–499.
  • Helmold: Slawenchronik = Helmoldi Presbyteri Bozoviensis Chronica Slavorum (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 19). Neu übertragen und erläutert von Heinz Stoob. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1963 (2., verbesserte Auflage. ebenda 1973, ISBN 3-534-00175-3)
  • Die Chronik Arnolds von Lübeck. Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Johann Christian Moritz Laurent. Mit einem Vorwort von Johann Christian Moritz Laurent. Neu bearbeitet von Wilhelm Wattenbach (Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Zweite Gesamtausgabe Bd. 71), dritte, unveränderte Aufl., Leipzig 1940. (Digitalisat der Ausgabe von 1853 in Google books)

Literatur

  • Peter Donat: Die Mecklenburg vor 1000 Jahren. Zur historischen Situation in der Mecklenburg und bei den Obodriten während der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts. in: Wolf Karge u.a. (Hrsgg.), Ein Jahrtausend Mecklenburg und Vorpommern. Biographie einer norddeutschen Region in Einzeldarstellungen, Rostock 1995, 10-15
  • Peter Donat: Archäologische Beiträge zur obodritischen Geschichte und Kultur im 12. Jahrhundert. in: Mecklenburgische Jahrbücher 113 (1998), 125-138
  • Michael Müller-Wille: Slawische Besiedlung im obodritischen Herrschaftsbereich. Neuere Beiträge der Archäologie, Onomastik, Dendrochronologie und Paläobotanik. in: P. Ettel u.a. (Hrsg.), Interdisziplinäre Beiträge zur Siedlungsarchäologie. Gedenkschrift für Walter Janssen, (=Studia honoraria 17), Rahden i.Westf. 2002, 243–253
  • Michael Müller-Wille: Zwischen Kieler Förde und Wismarbucht. Archäologie der Obodriten vom späten 7. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts; in: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 83 (2002), 243-264
  • Robert Bohn: Geschichte Schleswig-Holsteins, München 2006 (Verlag C.H. Beck), ISBN 978-3-406-50891-2

Anmerkungen

  1. Sebastian Brather, Archäologie der westlichen Slawen.Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa, in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 61, 2.Auflage, Berlin, New York 2008, Seite 51 weist darauf hin, dass keine Einwanderung kompletter Stämme oder gar Stammesverbände stattfand
  2. Klaus Zernack, Abodriten in: Herbert Jankuhn, Heinrich Beck u. a. (Hrsg.), Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 1, 2. Auflage Berlin, New York 1974
  3. Fred Ruchhöft, Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei; die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter. (Archäologie und Geschichte im Ostseeraum, Band 4), Rahden/Westf. 2008 ISBN 978-3-89646-464-4, Seiten 80-96
  4. Hartmut Hoffmann, Untersuchungen zur karolingischen Annalistik (Bonner historische Forschungen Bd. 10), Bonn 1958, Seiten 138 ff.: Aufzeichnungen ab den neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts.
  5. Kritisch zu dieser Herleitung schon Friedrich Wigger, Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen, Schwerin 1860, Seite 105
  6. Friedrich Wigger, Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen,Schwerin 1860, Seite 105
  7. Heinrich Kunstmann, Die Slaven: ihr Name, ihre Wanderung nach Europa und die Anfänge der russischen Geschichte in historisch-onomastischer Sicht, Stuttgart 1996, Seite 51; auch Wolfgang H. Fritze, Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat in: H. Ludat, (Hrsg.) Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder, Gießen 1960, Seite 150, Fußnote 68, hat den Eindruck, daß es sich von Hause aus um einen Namen nichtslawischer Herkunft handelt. Offen gelassen bei Joachim Herrmann (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert. (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Bd. 14), Berlin 1985, Seite 13
  8. Übersicht bei Friedrich Wigger, Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen,Schwerin 1860, Seite 105
  9. Heinrich Kunstmann, Die Slaven: ihr Name, ihre Wanderung nach Europa und die Anfänge der russischen Geschichte in historisch-onomastischer Sicht, Stuttgart 1996, Seite 51
  10. Fred Ruchhöft, Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei; die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter. (Archäologie und und Geschichte im Ostseeraum, Band 4), Rahden/Westf. 2008 ISBN 978-3-89646-464-4, Seite 89
  11. annales regni francorum 780 Regesta Imperii Online; umfassend hierzu schon Richard Wagner: Das Bündnis Karls des Großen mit den Abodriten In: Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. - Bd. 63 (1898), S. 89-129 weblink
  12. annales regni francorum 789 Regesta Imperii Online
  13. Chronicon Moissacense 804 Regesta Imperii Online
  14. Annales regni Francorum und Chronicon Moissacense 808 Regesta Imperii Online