Abai (Griechenland)

Abai (griechisch Ἄβαι; lateinisch Abae) war eine altgriechische Stadt im Nordosten der Landschaft Phokis in der Nähe von Kalapodi. Reste der Stadtmauern und eines Tempels zeigen, dass die Stadt nahe beim heutigen Ort Exarchos, 10 km südwestlich von Atalanti, im Tal des Flusses Assos auf einem felsigen Ausläufer am Rand einer Ebene lag, die an den etwa 2,5 Kilometer entfernten Pass von Hyampolis grenzte. Abai befand sich an einer von Orchomenos nach Opus führenden Straße.[1]

Benannt wurde Abai laut einheimischer Tradition nach seinem mythischen Gründer Abas, König von Argos.[2] Aristoteles führt die Gründung der Stadt hingegen auf Thraker zurück.[3] Bekannt wurde Abai durch ein außerhalb der Stadtmauern gelegenes altes Orakelheiligtum des Apollon,[4] von dem allerdings nur geringe Reste vorhanden sind. Dieses Orakel soll unter anderem von Krösus, dem letzten König Lydiens, befragt worden sein,[5] ebenso von den Thebanern vor der Schlacht bei Leuktra (371 v. Chr.).[6] Durch die vielen Anrufungen war es im 5. Jahrhundert v. Chr. reich an Votiven[7] – wie z. B. Schilde und Standbilder, die von den Phokern gespendet wurden.[8] Der Tempel wurde 480 v. Chr. während der Perserkriege von dem persischen König Xerxes I.[9] sowie 352 v. Chr. von den Thebanern im Dritten Heiligen Krieg zerstört[10] und blieb seither verfallen. Der römische Kaiser Hadrian ließ neben dem alten Heiligtum einen weiteren, etwas kleineren Apollontempel errichten, in dem Statuen des Apollo, der Latona und der Diana aufgestellt wurden.[11]

Die Stadt selbst wurde 480 v. Chr. von Xerxes I.[9] und 352 v. Chr. von den Thebanern eingenommen. Der makedonische König Philipp II. verschonte sie 346 v. Chr., weil nur sie – im Gegensatz zu allen anderen phokischen Städten – während des Dritten Heiligen Krieges nicht am Angriff auf das Heiligtum von Delphi beteiligt war.[12] Im Jahr 208 v. Chr. wurde Abai dann doch von den Makedonen unter Philipp V. angegriffen; das Orakel blieb allerdings abgabenfrei.[13] Während der hellenistischen Periode wurde Abai vom nahe gelegenen Hyampolis an Bedeutung überflügelt. In römischer Zeit war Abai als heilige Stadt autonom.

Heute bestehen nur noch Reste von polygonalen Mauern der Akropolis aus dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. und eines Tempels. In der Nekropole am Berghang westlich des Heiligtums wurden seltene bronzene Gegenstände aus hellenistisch-römischer Zeit gefunden, des Weiteren importierte korinthische und attische Keramik sowie Terrakotta.

Von 1972 bis 1982 hat eine Grabung, geleitet von dem Archäologen Rainer Felsch, in Abai stattgefunden. Seit 2004 hat der Direktor des DAIs Wolf-Dietrich Niemeier diese Grabung fortgesetzt und insgesamt sechs verschiedene Tempel freigelegt. Mit der Grabung konnte die Kontinuitätstheorie von Martin Persson Nilsson rehabilitiert werden und eine Spur zum Tempel von Apollon gefunden werden. Nach diesem jüngsten Stand der Forschungen handelt es sich bei diesem Heiligtum um das Apollonion von Abai.

Literatur

  • Gustav Hirschfeld: Abai. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I,1, Stuttgart 1893, Sp. 11.
  • Ernst Kirsten: Abai. In: Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike in fünf Bänden. Band 1, München 1964, Sp. 2.

Weblinks

 Wikisource: Britannica-Eintrag – Quellen und Volltexte (english)

Anmerkungen

  1. Pausanias 10,35,1-5.
  2. Pausanias 10,35,1.
  3. Aristoteles, Fragment bei Strabon 10,1,3 p. 445.
  4. Herodot 1,46; 8,27; 8,33; 8,133; Pausanias 10,35,1-5; Strabon 9,3,13; Diodor 16,58,3-6.
  5. Herodot 1,46.
  6. Pausanias 4,32,5.
  7. Vgl. etwa Herodot 8,33; Sophokles, König Ödipus 899; Strabon 9,3,13 p. 523.
  8. Herodot 8,27.
  9. 9,0 9,1 Herodot 8,33.
  10. Pausanias 10,35,3; Diodor 16,58; Eusebius von Caesarea, Praeparatio evangelica 8,14; etwa 500 in den Tempel geflüchtete Phokaier sollen beim – entweder absichtlich gelegten oder (so Diodor) zufällig dorthin ausgebreiteten – Brand ums Leben gekommen sein.
  11. Pausanias 10,35,3.
  12. Pausanias 10,3,2.
  13. Inscriptiones Graecae 9,1,78; W. Dittenberger, Sylloge inscriptionum Graecarum, 3. Auflage 1915-1924, 552.

38.58333333333322.933333333333Koordinaten: 38° 35′ 0″ N, 22° 56′ 0″ O